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Henkel: Aus der Not an die Weltspitze

Welches Etikett ist das treffende für Henkel? Der Düsseldorfer Konzern wurde mit Waschmitteln groß. Im Kosmetikgeschäft mischt er ebenfalls mit. An die Weltspitze schaffte es Henkel aber mit Klebstoffen - und das war eigentlich gar nicht gewollt.

Die Produkte Persil (Waschmittel), Theramed (Zahnpasta) oder Pril (Spülmittel) kennt jeder Konsument. Dass dahinter der Konzern Henkel steckt, wissen schon weniger. Und dass Henkelsein Geld immer mehr mit Klebstoffen macht, weiß fast niemand. Dieses Geschäftsfeld steht nach einer Reihe von Übernahmen im Ausland als größte Säule da. Im ersten Halbjahr 2005 erzielte der Konzern gut 41 Prozent des Gesamtumsatzes von rund 5,7 Milliarden Euro mit Klebstoffen für Konsumenten und Industrie. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern von 561 Millionen Euro wurde sogar zu 46 Prozent von Kleb- und Dichtstoffen getragen.

Henkels Wandel zum Klebstoffriesen

"Am liebsten würden wir unsere Klebstoffe nicht tonnen- oder kiloweise, sondern tröpfchenweise verkaufen", scherzt Konzernchef Ulrich Lehner. Der gelernte Maschinenbauer ist beim Thema Klebstoff ganz in seinem Element. Kleben sei in vielen Industriebereichen besser als Schweißen oder Verformen, weil der Werkstoff dabei nicht beansprucht werde. Aber auch im Alltag der Verbraucher spiele Klebstoff eine immer größere Rolle. In einem Auto werden im Schnitt bereits 15 Kilogramm an Kleb-, Dicht- und Dämmstoffen verbaut. In einem modernen Flugzeug stecken davon mehrere hundert Kilogramm.

Das Henkel-Klebstoffgeschäft wurde in der Not geboren. Nach dem Ersten Weltkrieg drohte die Klebstoffversorgung abzureißen. Der Düsseldorfer Konzern sah sich gezwungen, aktiv zu werden, damit die Waschmittelpackungen zugeklebt werden konnten. Henkel weitete das Geschäft auf Industrieanwendungen sowie Tapeten- und Bürokleber aus. Selbst Zigaretten hält Henkel-Klebstoff an der Papiernaht zusammen. Mit der Großübernahme des amerikanischen Unternehmens Loctite 1997 wurde das Geschäft mit der Auto- und Luftfahrtindustrie verstärkt.

Klebstoffsparte hat Zukunftspotential

Nach Meinung von Aktionärsschützern ist die Klebstoffsparte ein Zukunftsbereich von Henkel mit Potenzial. "Letztlich sind gerade die technischen Klebstoffe sehr erfolgreich", sagt die Geschäftsführerin der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), Jella Benner-Heinacher. Dass Otto Normalverbraucher Henkel weiterhin in erster Linie mit Persil verbinde, sei kein Wunder. Schließlich habe er keinen Einfluss darauf, mit welchem Mittel der Unterboden des Autos konserviert wurde und welcher Schaum Geräusche dämmt.

"Bei Kosmetik ist die Luft dünner", meint Benner-Heinacher. In dem Geschäftsfeld seien der Wettbewerbsdruck und die Ausgaben für Marketing wesentlich höher. Diese Sparte belege im internationalen keinen Spitzenplatz, während Klebstoffe Nummer 1 und Wasch- und Reinigungsmittel Nummer 3 sind. Auch Zukäufe sind in der von Marken geprägten Schönheitsbranche teuer. Die Aktionärsschützerin schließt langfristig gesehen nicht aus, dass sich Henkel von Kosmetik trennen könnte. Bei der Chemietochter Cognis sei das erfolgreich geschehen.

Vorjahresübernahmen werden verdaut

Kurzfristig gesehen gibt es dafür keine Anzeichen, im Gegenteil: Die Neun-Monats-Zahlen des Konzerns will Lehner im November in Hamburg bei der Tochter Schwarzkopf vorstellen. Ein Großzukauf gilt in der Zwischenzeit ebenfalls als unwahrscheinlich, weil Henkel in diesem Jahr Übernahmen des Vorjahres verdaut und 2005 zum Jahr der Konsolidierung erklärt hat. Mit der milliardenschweren Übernahme von Dial (USA) machte die Waschmittelsparte einen großen Schritt nach vorn. Das Kosmetikgeschäft wurde mit Styling-Produkten gestärkt.

Bei Klebstoffen geht die Einkaufstour mit kleinen Übernahmen aber weiter. Henkel steigt bei Unternehmen in den Vereinigten Arabischen Emiraten und Frankreich ein, die in Nischen gute Positionen belegen. Als Ende Juli über Reparaturmöglichkeiten am beschädigten Space Shuttle diskutiert wurde, saß Lehner gespannt am Fernseher. Beim Stichwort Klebstoff kam ihm sofort die Ergänzung "...von Henkel?" in den Sinn. Eine hausinterne Nachfrage ergab, dass die Düsseldorfer bei dieser ganz speziellen Anwendung noch nicht vertreten sind.

Volker Danisch/DPA / DPA