INDUSTRIE Stahlindustrie hat mehr als nur Konjunktursorgen

Die europäische Stahlindustrie leidet nicht nur an der weltweiten Abschwächung, auch Überkapazitäten und eventuelle Strafzölle der USA trüben die Aussichten.

Aber damit ist es bei ihr nicht genug: Überkapazitäten drücken auf den Markt, die Preise sind im Keller. Schließlich schwebt noch die Verhängung von Strafzöllen durch die USA wie ein Damoklesschwert über der Branche. Da wundert es nicht, wenn Prognosen Mangelware geworden sind und selbst kurzfristige Vorhersagen der Unternehmen oder Verbände blumig unkonkret bleiben. Dieter Ameling, Chef der Wirtschaftsvereinigung Stahl, hält in der gegenwärtigen Situation selbst eine grobe Prognose für 2002 für unseriös.

2003 wird wieder Boom-Jahr

Anzeichen einer Konjunkturerholung erwarten Branchenkenner frühestens in der zweiten Jahreshälfte. Die Erträge der europäischen Stahlunternehmen werden 2002 nach der jüngsten Stahl-Studie der Deutschen Bank unter denen aus diesem Jahr liegen. Erst 2003 sehen die Experten des Instituts wieder eine spürbare Verbesserung. 2003 gilt auch den Analysten von UBS Warburg als nächstes »Boom-Jahr«. Sie raten Investoren, jetzt die noch günstigen Aktien zu kaufen. Das auf breiter europäischer Front niedrige Kursniveau ist in den vergangenen Wochen aber schon wieder gestiegen. »Die Kurse haben den potenziellen Aufschwung im nächsten Jahr vorweggenommen«, begründet dies Deutsche-Bank-Analyst Klaus Soer.

Nordamerika zieht Markt runter

Auch der Weltstahlverband IISI bezeichnet Vorhersagen derzeit als unsicher. Die Schätzung vom Oktober, wonach der Stahlverbrauch 2002 um 2,6 Prozent auf 799 Millionen Tonnen zunehmen wird, liege bestenfalls am obersten Ende der Erwartungsskala, heißt es neuerdings vor allem unter Hinweis auf die Schwächezeichen aus Nordamerika. Die Stahlproduktion ging nach IISI-Angaben im November weltweit bereits um 2,4 Prozent zurück. In der EU war sie um 4,4 Prozent, in den USA sogar um 12,3 Prozent rückläufig.

Handelsstreit mit den USA?

Das konjunkturell stark belastete Stahlgeschäft wird den Europäern noch zusätzlich erschwert durch einen drohenden Handelsstreit mit den USA. Die kleine, aber einflussreiche Stahllobby will dort erreichen, dass Präsident George Bush sie vor Importen schützt, indem er Zölle verhängt oder Quoten festlegt. Bush, dem ein freundschaftliches Verhältnis zu vielen Stahlbossen nachgesagt wird, will am 11. Februar über entsprechende Sanktions-Empfehlungen einer Handelskommission entscheiden. EU-Handelskommissar Pascal Lamy hat für den Fall von Sanktionen eine Beschwerde bei der Welthandelsorganisation nicht ausgeschlossen.

Belastungen durch Importe

Die europäische Stahlindustrie wäre von Strafzöllen nach Ansicht einer Verbandssprecherin direkt wenig betroffen, da die Ausfuhren in die USA bereits 2001 drastisch geschrumpft sind. Belastungen befürchtet sie aber durch Stahlmengen, die von Drittländern statt in die USA auf den EU-Markt kommen. Diese Gefahr sieht Analyst Soer nicht. Die im Schnitt um 15 Prozent niedrigeren Stahlpreise in der EU und die höheren Transportkosten machten die Umleitung von Stahl beispielsweise aus Asien nach Europa unwirtschaftlich.

US-Autoindustrie gegen Zölle

Importbeschränkungen dürften zwar nach Ansicht von Branchenexperten der chronisch ertragsschwachen Stahlindustrie in den USA Luft verschaffen. Für die US-Wirtschaft insgesamt wären sie aber problematisch. »Die guten Autobleche, die die Amerikaner brauchen, können sie in der nötigen Menge gar nicht selbst herstellen«, meint ein Stahlexperte. Die amerikanischen Stahlverbraucher veröffentlichten in dieser Woche eine Studie, nach der Importbeschränkungen zusätzliche Kosten von vier Milliarden Dollar jährlich verursachen und über 70.000 Arbeitsplätze gefährden. Europäische Stahlhersteller liefern meist hochwertigen Qualitätsstahl in die USA.

Stillegungen gegen Überkapazitäten

Dem Problem der Überkapazitäten will die Stahlindustrie durch Stilllegungen begegnen. Auf Anregung Bushs haben Regierungsvertreter zahlreicher Stahl-Nationen - darunter die großen Erzeuger USA, EU, Russland, Korea und Japan - Ende Dezember in Paris beschlossen, den Schrumpfungsprozess durch noch nicht näher bezeichnete politische Maßnahmen zu unterstützen. Bei dem Treffen waren Kapazitätskürzungen von 61 bis 65 Millionen Jahrestonnen bis 2003 diskutiert worden. Etwa ein Drittel davon soll in der EU vom Markt genommen werden. Über die Kürzungen soll auf einem weiteren Treffen Anfang Februar 2002 entschieden werden und damit zeitnah zu der Bush-Entscheidung über Importe, hieß es im Anschluss an die Beratungen.

Die Kapazitätskürzungen werden nach Ansicht von Stahlverbandspräsident Ameling zu einer Erholung der Preise und einer Bereinigung des Marktes führen. »Wir erwarten nun aber, dass Bush den amerikanischen Markt nicht durch Strafzölle oder Quoten abschotten wird.«

Noch mehr Fusionen

In puncto Fusionen sind die Europäer ihren Konkurrenten auf anderen Erdteilen voraus. Drei große Fusionen brachten sie allein in den letzten fünf Jahren zuwege. Nach der Verschmelzung von Thyssen und Krupp zu ThyssenKrupp folgte die Fusion von Hoogovens in den Niederlanden und British Steel zu Corus . Aus Usinor, Arbed und Aceralia soll 2002 Acelor werden, der dann weltgrößte Stahlhersteller. Jüngst gibt es auch in dem bislang stark fragmentierten US-Stahlmarkt Fusionsbestrebungen. Drei oder fünf der größten Produzenten sprechen über eine Fusion, heißt es in Branchenkreisen.

Bärbel Brockmann


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