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Karstadt-Konzern vor dem Aus: Alles oder nichts für Arcandor

Keine Sanierung in Deutschland scheint so aussichtslos wie die des Handelskonzerns Arcandor. Bis Mitte Juni müssen Banken und Politik ihre Unterstützung zusagen, sonst geht dem Mutterunternehmen der Handelskette Karstadt das Geld aus. Vorstandschef Karl-Gerhard Eick läuft die Zeit davon.

Von Henning Hinze und Sven Clausen

Thomas Middelhoff hatte bei Pressekonferenzen an dieser Stelle stets das Kreuz durchgedrückt, sein breites Lächeln aufgesetzt - Kamera läuft, 15 Sekunden für die Abendnachrichten: Läuft alles blendend.

Karl-Gerhard Eick lächelte nicht, als er vergangene Woche sein Sanierungskonzept für seinen neuen Arbeitgeber Arcandor (Karstadt, Quelle, Thomas Cook) vorstellte. Vor ihm standen Kameraleute, fünf Scheinwerfer waren auf ihn gerichtet und die Blicke Dutzender Journalisten und Mitarbeiter. Und Eick sagte mit ausdrucksloser Miene: "Es ist unsere letzte Chance."

Die Lage ist auch anderswo im Land ernst: Firmen wie Schiesser oder Karmann gehen pleite, Unternehmen wie Schaeffler, Pro Sieben Sat 1 oder Infineon zittern um ihre Kredite, und bei Opel hat niemand Ahnung, wie es weitergeht.

Bei keinem Konzern aber ist die Situation so dramatisch wie bei Arcandor. Denn anders als bei den anderen Problemfällen brennt es bei den Essenern an allen denkbaren Ecken und Enden: operative Schwäche, Schuldenlast, strapazierte Bankbeziehungen, klamme Eigner, gereizte Arbeitnehmer. Überall Alarm. "Die Schlinge", sagt einer aus Eicks Rettungsteam, "zieht sich jeden Tag enger zusammen."

Hausbanken in der Krise

Der Vorstand weiß selbst, dass dieses Argument nur teilweise zieht - vor allem, wenn es um die Refinanzierung geht, das dringlichste Problem der Essener. Knapp 1 Milliarde Euro an Krediten muss der Konzern bis Mitte Juni erneuern. Das wäre inmitten der schärfsten Bankenkrise seit 80 Jahren eh schon schwer genug. Bei den drei Arcandor-Hausbanken scheint das unmöglich:

Alle sind derart angeschlagen, dass der Staat sie retten musste: die BayernLB der Freistaat, die Commerzbank der Bund, die Royal Bank of Scotland (RBS) der britische Schatzkanzler. Das Geringste, was sie jetzt gebrauchen können, sind Kreditrisiken. Daher haben die Geldhäuser signalisiert, dass sie gern von anderen Banken abgelöst würden. "Das können wir vergessen, keine Chance. Wir versuchen es derzeit nicht einmal", sagt einer aus Eicks Team.

Bei der BayernLB und der Commerzbank hoffen die Arcandor-Leute, dass ihnen die Politik hilft. Als unsicherster Kantonist gilt ihnen die RBS. Die Bank gehört inzwischen mehrheitlich dem britischen Staat - dem wiederum die deutschen Innenstädte herzlich egal sind. Zumal die Entscheidung über den Kredit nicht mehr von der Deutschlandchefin Ingrid Hengster gefällt wird, sondern von der Zentrale in London. Die Briten zeigen sich von dem Berger-Konzept zwar angetan - mehr aber auch nicht.

Die Standortfrage

Alles hängt deswegen an der Bundesregierung. Wenn Berlin, wie gewünscht, für 90 Prozent der Kreditrisiken bürgt, steigt die Chance, dass die maladen Banken noch einmal einschlagen. Eick hat schon in der Hauptstadt vorgesprochen. Aber auch hier: Zurückhaltung, wenngleich wohlwollende. Der Konzern muss nun Belege bringen, dass das Sanierungskonzept Erfolg verspricht. "Am besten hätten wir schon im September mit der Umsetzung begonnen", sagt einer aus der Konzernführung. "Dann hätten wir schon Beweise, dass das Konzept greift." Im September aber war noch Middelhoff der Chef, und der hat bis zuletzt auf einen Befreiungsschlag durch eine Fusion gehofft, etwa mit Kaufhof.

So hat sich jetzt die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG darangemacht, das Gutachten zum Sanierungskonzept zu erstellen, auf dessen Grundlage dann Bund und Banken entscheiden sollen. Anfang Juni muss es fertig sein. Bis dahin registriert das Topmanagement mit seismografischer Sensibilität jede Aussage von Spitzenpolitikern, die Rückschlüsse auf deren Rettungsbereitschaft geben.

Außerhalb Berlins besonders wichtig: Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer, dem am Wohl des Quelle-Standorts Fürth gelegen sein müsste, Jürgen Rüttgers aus Nordrhein-Westfalen, wo die Essener Arcandor-Zentrale sitzt, und Roland Koch aus Hessen, wo die Reisetochter Thomas Cook das deutsche Hauptquartier hat. "Deren Zustimmung wäre enorm wichtig, um in Berlin Erfolg zu haben", sagt einer aus Eicks Team.

Sal. Oppenheim soll Kapital erhöhen

Parallel versucht der Vorstand, Hoffnung zu säen, indem er sein Eigenkapital stärkt. Nur: Der wichtigste Aktionär mit 28,6 Prozent ist die Kölner Privatbank Sal. Oppenheim, die sich derzeit bedenklich durch die Finanzkrise zittert. 2008 fiel ein Verlust von 117 Millionen Euro an. Dennoch bereitet Eick eine Kapitalerhöhung vor - rund 100 Millionen Euro will er einspielen, vor allem bei den Haupteignern. Da von der Gründererbin Madeleine Schickedanz nichts mehr zu erwarten ist, muss Sal. Oppenheim den größten Teil der Anteile zeichnen. Immerhin habe die Bank in dieser Woche ihre Bereitschaft erklärt, bei einer Kapitalerhöhung mitzugehen, sagte eine Arcandor-Sprecherin am Mittwoch der FTD.

Das nächste Problem: Oppenheim würde, weil andere Aktionäre verzichten, nach einer Kapitalerhöhung voraussichtlich mehr als 30 Prozent halten und müsste ein Übernahmeangebot an alle übrigen Aktionäre machen. Arcandor hofft daher auf eine Sondergenehmigung der Finanzaufsicht BaFin, die in Sanierungsfällen möglich ist. Beim Bezahlsender Premiere hat das jüngst geklappt.

Zudem sucht der Arcandor-Vorstand nach einem neuen Ankerinvestor. Er hofft darauf, dass das Reisegeschäft von Thomas Cook, das Versandgeschäft oder die Osteuropa-Aktivitäten Interessenten finden, die sich bei der Holding einkaufen. Bei TUI ist dies gelungen: Weil der russische Milliardär Alexej Mordaschow in seinem Heimatland das Tourismusgeschäft aufrollen will, stieg er vor einigen Monaten bei den wankenden Hannoveranern ein - und stabilisierte so den Konzern.

Enttäuschte Belegschaft

Allerdings muss Eick aufpassen, dass ihm darüber sein Konzern nicht implodiert. Die Arbeitnehmer fühlen sich verraten, weil Eick unter anderem mehrere Karstadt-Filialen und die Quelle-Shops in die neue Extraeinheit Atrys abschiebt.

Zuvor hatten sie zugestimmt, über drei Jahre jährlich auf 155 Millionen Euro zu verzichten. "Als Dank für ihren Sanierungsbeitrag bekommen die Arbeitnehmer jetzt ein Schild angeheftet: 'Ihr gehört nicht mehr zum Kerngeschäft'", sagt Margret Mönig-Raane, die im Verdi-Vorstand für den Handel zuständig ist und im Aufsichtsrat von Arcandor sitzt. Sanierungen, droht Mönig-Raane unverhohlen, seien immer nur dann erfolgreich, wenn die Beschäftigten von Konzept und Fähigkeit des Managements überzeugt seien.

Nur noch rund sechs Wochen bleiben Eick für seine Überzeugungsarbeit. Mit einem raschen Verkauf der Luxuskaufhäuser oder gar einer Fusion mit Kaufhof rechnet der Arcandor-Chef erst gar nicht. "Am Ende", sagt einer aus seiner Truppe, "müssen sich vermutlich alle 48 Stunden in einen Raum einschließen und so lange drinbleiben, bis jeder mitmacht."

FTD

Von:

Sven Clausen und Henning Hinze