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Kaufhaus-Krise Karstadt kann die Miete nicht mehr zahlen


Das schwer angeschlagene Reise- und Handelsunternehmen Arcandor hat am Freitag seine Mietzahlungen für Karstadt eingestellt. Bundeskanzlerin Merkel lehnt Staatshilfe für den Mutterkonzern ab. Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee warnt vor einem Verkümmern der Innenstädte, falls die Kaufhäuser schließen müssen.

Nach Medienberichten hat das Unternehmen bei einem Krisentreffen im Wirtschaftsministerium mit Vertretern von Gläubigerbanken, Aktionären und Immobilieneigentümern eingeräumt, dass es keine Miete mehr zahlen kann. Das berichteten die "Süddeutschen Zeitung" und "Bild am Sonntag" übereinstimmend. Zu Arcandor gehört neben den Karstadt- Warenhäusern und dem Quelle-Versand auch der Reisekonzern Thomas Cook.

Unterdessen hat sich Bundeskanzlerin Angela Merkel erneut gegen Staatshilfen für den Konzern ausgesprochen. Zugleich warf sie der Arcandor-Führung Fehler vor. Bei Arcandor habe es "ein erhebliches Missmanagement mit äußerst ungünstigen Vertragsgestaltungen, zum Beispiel bei den Mietverträgen" gegeben, sagte Merkel. "Da ist es überhaupt nicht einzusehen, warum manche in der SPD den deutschen Steuerzahler mit einem Risiko belasten wollen und nicht vielmehr an diesen Ursachen ansetzen." Die Standorte von Karstadt seien attraktiv, so dass für viele eine Fortführung wahrscheinlich sei, wenn die Eigentümer und die Gläubiger einen Beitrag leisteten, so Merkel. "Ich empfinde es aber als Zumutung, wenn Leute nach dem Staat rufen, die selbst etwas tun müssen."

Seit zwei Jahren ist Karstadt nur noch Mieter

Den Berichten zufolge teilte Arcandor-Vorstandschef Karl-Gerhard Eick beim Krisentreffen im Wirtschaftsministerium mit, dass der Konzern seine Mietzahlungen eingestellt habe. Nach seiner Darstellung setze damit ein 30-tägiges Mahnverfahren ein, an dessen Ende die Vermietungsgesellschaft dazu berechtigt ist, einzelne Karstadt- Filialen zu verkaufen, um ihre Ansprüche zu befriedigen, berichtete die "Bild am Sonntag".

Seit dem Verkauf seiner Warenhäuser vor zwei Jahren ist der Karstadt-Mutterkonzern an allen seinen Standorten nur noch Mieter. Eigentümer nahezu sämtlicher Häuser ist seit zwei Jahren die Immobiliengesellschaft Highstreet, an der die Investmentbank Goldmann Sachs mit 51 Prozent und die Deutsche Bank-Tochter Preef und Pirelli Real Estate mit 49 Prozent beteiligt sind.

Die Mietverträge haben eine Laufzeit von 15 Jahren; die Mietzahlungen summieren sich auf 280 Millionen Euro. Zudem zahlt Arcandor in jedem Jahr 42,6 Millionen Euro Miete für fünf Standorte, die Eigentum eines vom Bankhaus Sal. Oppenheim aufgelegten Fonds sind. Laut "Bild am Sonntag" kündigten Highstreet-Vertreter wegen der Mietausfälle rechtliche Schritte gegen Karstadt an.

Otto an Sportfilialen interessiert

Unterdessen signalisierte der Hamburger Versandhandelskonzern Otto Interesse an einzelnen Konzernteilen. Sollte es eine privatwirtschaftliche Lösung bei Arcandor geben, so wäre die Otto Group sicher Teil dieser Lösung, sagte ein Konzernsprecher der Wirtschaftszeitung "Euro am Sonntag". Otto sei insbesondere an den Sportfilialen der Karstadt-Gruppe interessiert, erfuhr das Blatt aus Konzernkreisen. Sollte es zu einer Herauslösung der Sporthäuser kommen, wäre dies eine gute Ergänzung zu den Sport-Scheck-Filialen, hieß es.

Metro-Chef Eckhard Cordes will Berichten zufolge 60 der 91 Karstadt-Filialen mit der Warenhaussparte Kaufhof des Düsseldorfer Handelskonzerns verschmelzen. Zu den 27 Sporthäusern von Karstadt hatte sich Cordes noch nicht geäußert. Zudem zeige der Handels- und Touristikkonzern REWE (Rewe, Alltours, Dertours) Interesse an Arcandors Reisetochter Thomas Cook. Für den ins Trudeln geratenen Arcandor-Konzern mit seiner Warenhaustochter Karstadt wird die Zeit immer knapper: Dem Unternehmen, das am Freitag einen Notkredit über 437 Millionen Euro beantragt hatte, droht nach eigener Aussage die Insolvenz, wenn die überlebensnotwendige Finanzierung nicht bis zum 12. Juni steht. Zu diesem Zeitpunkt läuft ein 650-Millionen-Euro-Kredit aus.

"Die Schieflage der Kaufhäuser bedroht die Innenstädte"

Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) setzt bei den Bemühungen zur Rettung des Handels- und Touristikkonzerns Arcandor auch auf die Unterstützung der betroffenen Städte. Er suche "den Schulterschluss mit den Oberbürgermeistern der Städte mit Karstadt-Häusern", sagte Tiefensee. Für Montag habe er gemeinsam mit Karstadt-Chef Stefan Herzberg zu einem Spitzengespräch nach Berlin eingeladen. Bei den Rettungsbemühungen für den Arcandor-Konzern gehe es nicht nur um 50.000 Arbeitsplätze vor allem für Frauen. "Die Schieflage der Kaufhäuser bedroht auch die Attraktivität und die Wirtschaftskraft vieler Innenstädte", sagte Tiefensee.

Der Minister warnte: "Wenn ein Warenhaus schließt, bricht ein Stück Lebenskraft in der Stadt weg. Wir dürfen nicht zulassen, dass die Innenstädte verkümmern." Der Handelskonzern Arcandor mit den Karstadt-Häusern hätten eine Chance verdient: "Das neue Management und die Belegschaft sind hoch motiviert. Wir unterstützen die Bemühungen um eine Rettung der Kaufhäusern nach Kräften." Zuallererst aber müssten die Arcandor-Eigentümer ihre Verantwortung wahrnehmen, meinte Tiefensee. "Von ihnen erwarten wir eine substanzielle Eigenleistung."

AP/DPA


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