Klimawandel "Papa, Du musst die Welt retten"


Rührend, was Siemens-Chef Kleinfeld so erzählt: Seine Kinder hätten ihn beim Frühstücken gebeten, den Planeten zu retten. Also will Kleinfeld effizientere Kraftwerke bauen - und damit tüchtig Geld verdienen. Beobachtungen von einer Podiumsdiskussion in München.

Der oscargekrönte Film "Eine unbequeme Wahrheit" des amerikanischen Beinahe-Präsidenten Al Gore gehört jetzt auch zum deutschen Unterrichts-Material. 6000 DVDs können Schulen kostenlos beim Bundesumweltministerium bestellen. Am gestrigen Sonntag wurde der Klimaschocker rund 5000 Pädagogen in 27 Städten vorgeführt. In München nutzte Siemens den Auftakt dieser bundesweiten Lehrerfortbildung zu einer hochkarätig besetzen Podiumsdiskussion, nicht über die ökologischen, sondern die über die ökonomischen Auswirkungen des Klimawandels.

Klaus Kleinfeld, Vorstandsvorsitzender der Siemens AG, feierte die drohende Umwelttragödie als "Riesenchance für Industrie, das Problem durch innovative Technologie in den Griff zu bekommen." Eilfertig bot er auch gleich Lösungen aus der eigenen Unternehmenspalette an: Windkraftanlagen, energiesparende Haushaltsgeräte, Glühsparlampen der Konzerntochter Osram, sowie effizientere Kohlekraftwerke, die aus weniger Kohle mehr Strom produzieren. "Allein mit der Umrüstung der Kraftwerke in Deutschland auf den heute verfügbaren Stand der Technik ließen sich 40 Millionen Tonnen CO 2 einsparen, also vier Prozent der jährlichen Emissionen in Deutschland", lockte Kleinfeld.

Das bedeutet nicht nur neue Verdienstmöglichkeiten für den gebeutelten Konzern. "Der Kampf gegen Klimakiller schafft auch viele neue Arbeitsplätze", prophezeite der Chef des größten deutschen Technologiekonzerns, der bisher eher durch Personalabbau auffiel. "Klimaschutz und Erhalt unseres Wohlstandes sind keine Gegensätze", versicherte Kleinfeld den 600 geladenen Gästen im Audimax der TU München.

Atomkraft? Ohne Gabriel

Auch Bundesumweltminister Siegmar Gabriel, der neben dem Wissenschaftler Dennis Meadows und dem Forscher Hans Joachim Schellnhuber auf dem Podium saß, sah durchaus einen Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und Klimaschutz. Der Staat müsse ökonomische Anreize geben, damit die Industrie verstärkt in Klimaprojekte investiert, folgerte der SPD-Politiker. "Umweltschutz muss sich lohnen". Minister Gabriel sucht die Unterstützung der Wirtschaft. Die von ihm ersehnte neue industrielle Revolution zugunsten des Klimaschutzes sei allein "mit der Rapsmühle der Bäuerchen" nicht zu schaffen.

Mit Atomkraft aber auch nicht. Den Vorschlag eines Interessenvertreters aus dem Werk Grundremmingen, der sich aus dem Publikum meldete und für längere Laufzeiten plädierte, lehnte Gabriel barsch ab. Gleichzeitig trübte er euphorische Unternehmer-Träume vom wachsenden Gewinn durch Umweltschutztechnologien mit dem Hinweis auf die unterstützungsbedürftigen Entwicklungsländer. "Einen Teil unseres Reichtums müssen wir wohl teilen. Wir können nicht verlangen, das Brasilien seinen Regenwald als Lunge unserer Welt erhält ohne dafür einen Ausgleich zu bekommen".

Umdenken erst nach Katastrophen

Gabriel hat nach eigenem Geständnis erst als Umweltschutzminister die Tragweite der globale Klimagefahr begriffen. Also ziemlich spät. Auch in den klimatisierten deutschen Vorstandsetagen ist das Thema Öko-Kollaps nur zögerlich angekommen. Der BDI hat erst Anfang März eine Initiative "Wirtschaft für Klimaschutz" unter Leitung von Siemens-Chef Kleinfeld beschlossen.

Damit das Industrie-Engagement nicht allein nach Finanzstreben aussieht, berichtet der Familienvater Klaus Kleinfeld gern von seinen Kindern, die ihm am Frühstückstisch schon gesagt haben, dass er den Planeten retten müsse. Für die nächsten Generationen.

"Erst nach großen Katastrophen, die jeder spürt, beginnt das Umdenken", resonierte der Wissenschaftler Dennis Meadows in München. Der bärtige Umweltprofessor hat immerhin schon 1972 in seinem Weltbestseller "Grenzen des Wachstums" den hemmungslosen energie- und Rohstoffverbrauch an geprangert und vor der Zerstörung unseres Planeten gewarnt. Lange ohne greifbare Resonanz. Inzwischen ist sein drittes Buch zum Thema erschienen.

Umdenken des Konsumenten

Auch sein Kollege Schellnhuber, Leiter des Potsdam-Instituts für Klimafolgeforschung, gilt als Pionierkämpfer für eine mutiger Klimapolitik. Unsere gesamte Industriegesellschaft müsse auf erneuerbare Energien umgestellt werden, predigt er seit Jahren. "Und Sie als Wähler und Konsument können eine Menge dazu beitragen", hieß bei dieser Veranstaltung seine abschließende Aufforderung ans Publikum.

Brigitte Zander

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