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Kommentar: Börsengang mit Entgleisungsgefahr

Die große Koalition will die Bahn bis 2009 teilprivatisieren. Doch das Theater um den angeblichen "Börsengang" wird weitergehen, der Ärger der Fahrgäste bleiben. Denn in der Politik fehlt die Einigkeit, dem Bahn-Chef das Know how.

Von Jürgen Steinhoff

Aha, nun kommt er also doch, der Börsengang der Deutschen Bahn? Die große Koalition ist sich einig? Im kommenden März wird das ganze vom Bundestag beschlossen?

Erstens: An die Börse geht die Bahn auf jeden Fall schon mal nicht. Wenn überhaupt, dann beteiligt sie private Großinvestoren an einem Viertel (exakt: an 24,9 Prozent) ihres Kapitals.

Zweitens: Die Koalition ist sich mitnichten einig. Erhebliche Teile der SPD-Fraktion sind dagegen. Auch die Grünen sind dagegen. Die PDS sowieso.

Daraus folgt drittens: Was der Bundestag im März beschließt oder eben auch nicht beschließt, ist nach wie vor offen.

Schienennetz als Köder

Der Köder, der die zaudernden Abgeordneten anlocken soll, ist das Schienennetz, das einen ungeheuren Wert hat. Die Schätzungen schwanken zwischen 100 und 250 Milliarden Euro. Dieser Großschatz, von Generationen Steuerzahlern finanziert, soll im Besitz des Staates bleiben. Bahnchef Mehdorn soll ihn aber wie privates Eigentum in seine Bilanz aufnehmen und zugleich nach eigenem Gusto bewirtschaften dürfen.

Das tut er schon jetzt. Das Ergebnis sind Verspätungen ohne Ende. Der Grund: Mehdorn schiebt die Reparaturen von verrottenden Streckenabschnitten vor sich her, um mit den aufgeschobenen, aber nicht aufgehobenen Reparaturkosten seine dürftige Bilanz besser aussehen zu lassen.

Dazu muss man wissen, dass solche Reparaturkosten zu 75 Prozent vom Steuerzahler getragen werden. Die Bahn muss lediglich ein Viertel dieser Kosten selber aufbringen. Und weil Mehdorn dieses Viertel für seine Bilanz aufspart, also nicht repariert, gibt es im Bahnnetz inzwischen hunderte, wenn nicht gar tausende solcher maroder Streckenabschnitte, auf denen die schnellen Züge aus Sicherheitsgründen nur langsam fahren dürfen und sich dadurch Verspätungen einfangen.

Noch schlimmer sind Schäden an verrottenden Oberleitungen. Fällt der Strom aus, bleiben die Züge stehen. Oder, wie derzeit etwa im Großraum Hannover, sie werden auf Güterzugstrecken um Hannover herumgeleitet - und die Reisenden, die eigentlich damit fahren wollten, erfahren am Bahnhof über automatisierte Lautsprecheransagen, dass ihr Zug ausfällt: "Wir bitten Sie um Entschuldigung und Verständnis."

Mehdorn will nach Osteuropa

Mit dem Geld, das Mehdorn sich von Großinvestoren erhofft, will er etwa osteuropäische Staatsbahnen zukaufen, weil diese Bahnen, so schrieb er dem SPD-Abgeordneten Uwe Beckmeyer, "weder die notwendigen Investitionsmittel noch das Know How" hätten.

Genau dies fehlt auch Mehdorn: Investitionsmittel, vor allem aber Know How. Seinen krassesten Bock schoss er, als er im Jahr 2002 mit seiner "Tarifreform" dermaßen daneben griff, dass ihm jeder fünfte Bahnkunde von der Fahne ging und der Börsengang allein schon deshalb in weite Ferne rückte. Sein Chef hieß damals Gerhard Schröder. Wäre die Bahn schon damals komplett an der Börse gewesen, hätte der Aufsichtsrat Mehdorn sofort gefeuert. Unter Schröder dagegen wurde sein Vertrag verlängert.

Soviel ist sicher: Das Theater um einen wie auch immer gearteten "Börsengang" der Bahn wird weitergehen. Und, solange Mehdorn ihr Chef ist, der Ärger der Fahrgäste auch.

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