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Konjunkturkrise: Von Vollgas auf Stopp

Mit welchen Strategien ein mittelständisches Unternehmen der Konjunkturkrise begegnet und warum ein Auftragseinbruch nicht unbedingt gleich zu Massenentlassungen führt. Ein Besuch beim High-Tech-Unternehmen LIMO in Dortmund.

Von Frank Gerstenberg

Der Dortmunder Mikrooptik-Hersteller LIMO kannte in den vergangenen 16 nur eine Richtung: nach oben. 1992 als Garagenfirma in Paderborn gegründet, ist das Familienunternehmen des Russen Vitali Lissotschenko inzwischen zum Weltmarktführer für Speziallinsen aufgestiegen. Jahresumsatz 26 Millionen Euro, 220 Mitarbeiter aus 24 Nationen, Geschäftspartner in aller Welt, 140 Patente, Sieger des Innovationspreises der deutschen Wirtschaft 2007.

"Wir bauen extrem kleine und präzise Linsen, die leicht zu montieren sind und das Licht besonders intensiv bündeln", erklärt Geschäftsführer Lutz Aschke. LIMO schraubt die Mini-Linsen vor Lasergeräte, so entsteht ein besonders scharfer, harter und genauer Laserstrahl. Infineon, Samsung, Siemens, alle Branchenriesen aus der Unterhaltungselektronik brauchen diese Technik, um Chips, Flachbildschirme oder Handy-Displays zu bauen. "Es gibt keinen namhaften Chip-Hersteller, der nicht mit uns zusammen arbeitet", sagt Aschke stolz. Auch bei Augen-Operation oder Krampfaderentfernung, der Herstellung von Solarzellen oder dem Schweißen von Kunststofffiltern: Überall wo Speziallaser eingesetzt werden, ist LIMO mit seinen stecknadelkopfgroßen Mini-Linsen nicht weit. Ein know-how, das Firmen-Chef Vitali Lissotschenko 1991 aus Russland mitgebracht hat. "Wir haben unsere Stückzahl in den vergangenen fünf Jahren vervierfacht", sagt Lutz Aschke, der selbst Physiker ist. Jedes Jahr habe man den Umsatz um zehn bis zwanzig Prozent steigern können.

Produktionsstopp statt Überstunden

Doch jetzt macht das Boom-Unternehmen eine neue Erfahrung: Produktionsstopp und Kurzarbeit statt Überstunden. Rund die Hälfte der Belegschaft vom Dreher bis zum Physiker arbeitet nur noch zu 50 Prozent. Der Grund: Kunden streichen ihre Bestellungen zusammen. "Bei einigen Kunden haben wir Einbrüche bis zu 70 Prozent", sagt Aschke, dies könne über das Jahr betrachtet zu einem zweistelligen Umsatzeinbruch führen. "Das macht einen nervös. Die Lage ist ernst, aber noch nicht dramatisch".

Wäre im vorigen Jahr alles normal gelaufen, würde derzeit im dritten Stock des LIMO-Hauptgebäudes eifrig gebaut. Auf einer 50 Quadratmeter-Fläche entstünde ein hochmodernes Application-Center, in dem LIMO seinen Kunden aus aller Welt vorführen könnte, welche Vorteile die Dortmunder Spezialoptik bringt. In der Halle stehen derzeit jedoch in einer Ecke nur drei Tischtennisplatten, ein Crosstrainer und zwei Laufräder. Ein improvisierter Fitness-Raum, in dem sich sportbegeisterte Mitarbeiter fit halten können, die ja jetzt mehr Zeit haben. Ansonsten: gähnende Leere. "Wir müssen diese Investition verschieben", sagt Aschke. Trotzdem soll kein einziger der 220 Mitarbeiter entlassen werden, obwohl die Hälfte von ihnen derzeit kaum weiß, wie sie den Tag rumkriegen soll. Denn wo in den vergangenen Jahren Linsen im Akkord produziert wurden, wo Dreher und Werkzeugmacher Gehäuse auf Gehäuse für die spezielle Mikrooptik produzierten, ist jetzt ungewohnte Ruhe eingetreten. "Wir wollen unsere Mitarbeiter halten. Wir haben sie ausgebildet, wir mögen sie und wir brauchen sie", sagt Aschke. Ein Instrument für die Arbeitsplatzsicherung ist die Kurzarbeit. "Warum sollen wir uns schämen, dieses Instrument zu nutzen, um unsere Strukturen zu erhalten?"

Ein Tag pro Woche Zwangspause

Die Mitarbeiter gewöhnen sich erst langsam an die veränderte Situation: Alex Kübler (25) hat sich in der Firma vom ungelernten Maschinisten zum Mikro-Technologen hochgearbeitet. Seit Anfang Januar muss er kurzarbeiten, einen Tag pro Woche hat er Zwangspause. Dennoch habe er keine Angst um seinen Arbeitsplatz: "Ich bin optimistisch. Man wird hier motiviert und man hat das Gefühl, gebraucht zu werden." Sein Abteilungsleiter Alex Grass (36), Chemieingenieuer, sieht es ähnlich: "Ich bin sicher, dass sich die Situation ändert." Auch sonst herrscht trotzige Zuversicht: "Ich mache mir keine Sorgen", sagt Björn Langer (34), "wenn diese Branche nicht zukunftsträchtig ist, dann habe ich etwas komplett missverstanden."

Am meisten ist momentan in der Forschungsabteilung los. "Sie steht bei uns unter Naturschutz", sagt Aschke. "Wenn wir hier sparen würden, würden wir unsere Zukunft zerstören." Sein Konzept ist klar: Forschen, neue Lösungen suchen, das Produkt weiter verbessern, um sofort einsatzbereit zu sein, denn aus der Erfahrung der vergangenen Jahre weiß er: "Wenn die Kunden wieder kaufen, kaufen alle gleichzeitig." Darauf will LIMO vorbereitet sein. "Es kommt darauf an, dass wir jetzt an den richtigen Sachen forschen", sagt Aschke.

Klinkenputzen gegen die Krise

Das dritte Rezept zur Bewältigung der Krise lautet: Klinkenputzen. In den LIMO-Konferenzräumen laufen derzeit ungewohnte Veranstaltungen: Mitarbeiter werden im Vertrieb geschult, auch eine neue Erfahrung der erfolgsverwöhnten Unternehmens, dem die Kunden in den vergangenen Jahren "die Bude einrannten", wie Marketing-Chefin Nicole Jebram sagt. "Wir betrachten die Krise als Herausforderung, jetzt halten wir erst recht zusammen".

Wie gefährlich die Situation wirklich für das Unternehmen ist, und wie lange die Durststrecke dauert, vermag Lutz Aschke momentan nicht abzuschätzen. Vieles hänge davon ab, wie schnell sich die Leitindustrien Automobil und Unterhaltungselektronik erholen, die soeben tiefe Einbrüche erleben. "Das erste Quartal wird sehr schlecht". Nach der "Schockstarre" hofft er spätestens ab September auf eine Erholung. Geld verdienen werde in diesem Jahr für LIMO deulicher schwieriger. Im schlechtesten Fall rechnet Aschke mit einer schwarzen Null. Jetzt machten sich die wetterfesten Strukturen aus vorsichtiger Einstellungspolitik, geringen Investitionen und hoher Identifikation der Mitarbeiter bezahlt. "Jeder ist sich über die Situation im Klaren und zu Einsparungen bereit", sagt Aschke.

"Wir brauchen ein weltweites Konjunkturpaket"

Deswegen benötige der Mikrooptik-Spezialist aus Dortmund-Wickede weder einen Mittelstands-Kredit aus dem Konjunkturpaket I noch eine Bürgschaft aus dem gerade beschlossenen zweiten Paket. Trotzdem hält Aschke die Konjunkturpakete für einen richtigen Schritt, der auch LIMO indirekt helfen wird: "Steuerbefreiungen für Neuwagen, Sonderzahlungen für Familien und generelle Steuererleichterungen bedeuten, dass die Verbraucher mehr Geld im Portemonnaie haben und die Anschaffung des neuen PC nicht verschieben."

Auch die Verlängerung des Kurzarbeitergeldes von 12 auf 18 Monate sei "beruhigend". Aschke wünscht sich für den Global Player LIMO indes, dass die Bundesregierung noch einen Schritt weiter geht: "Das Konjunkturpaket in Deutschland ist nur ein Mosaikstein, der Samsung in Korea nicht interessiert. Wir brauchen ein weltweites Konjunkturpaket, das beispielsweise eine bessere Bankenaufsicht und bessere Bankenberater garantiert. Dann wäre es vielleicht gar nicht zu dieser Krise gekommen." Die Mindereinnahmen im Jahr 2009 wird bei LIMO wohl nur dazu führen, dass sich die Rückführung von Darlehen verzögert. Wenn es dabei bliebe, sei man mit einem blauen Auge davon gekommen. Voraussetzung sei allerdings, dass zumindest die Forschungsförderung der Regierung für LIMO und seine Forschungs-Partner weiter fließt. "Wenn es hier Störungen gibt, könnte es problematisch werden", so Aschke.

  • Frank Gerstenberg