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Konzernchef Tony Hayward: BPs zweite Katastrophe

Als hätte die katastrophale Ölpest nicht schon gereicht: Das Auftreten von BP-Chef Hayward hat jede Glaubwürdigkeit seines Konzerns weiter zerstört. Und das begann lange, bevor er segeln ging.

Von Sönke Wiese

Es könnte sein, dass Tony Hayward bald wieder mehr Zeit zum Segeln findet. Der BP-Chef, der bei der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko von Anfang an äußerst ungeschickt agierte, entwickelt sich immer mehr zu einer Belastung für den Konzern. Nach Wochen voller Peinlichkeiten und Fehltritte hat er sich in den USA ohnehin schon in die Riege der am meisten gehassten Topmanager katapultiert. Hayward ist für die Amerikaner das Gesicht zur Ölpest. Diesen zweifelhaften Ruf hat er sich hart erarbeitet.

  • Ende April stilisierte Hayward seinen Konzern zum Opfer, als er in der "New York Times" fragte: "Was zur Hölle haben wir getan, dass wir das verdient haben?"
  • Mitte Mai spielte er das Ausmaß der Katastrophe herunter: Die austretende Ölmenge sei winzig im Vergleich zum Wasser, sagte er dem britischen "Guardian". Der Golf von Mexiko sei ein sehr großer Ozean.
  • Auch dem britischen TV-Sender Sky News sagte er: "Die ökologischen Folgen dieses Desasters dürften sehr, sehr mäßig sein."
  • Ende Mai klagte er im amerikanischen Fernsehen: "Ich will mein altes Leben zurück."
  • Als mehrere Arbeiter erkrankten, die Strände von Öl gesäubert hatten, sprach Hayward von Lebensmittelvergiftungen, um von den möglicherweise giftigen Dämpfen abzulenken.

Und immer wieder schob Hayward die Schuld an der Katastrophe anderen Unternehmen zu, versprach schnelle Erfolge, die stets ausblieben, redete das Ausmaß der Verseuchung trotz besseren Wissens klein.

"Er würde nach jeder dieser Bemerkungen nicht mehr für mich arbeiten", sagte US-Präsident Barack Obama vor kurzem. Doch Obama hat bei BP nichts zu melden, und so sitzt Hayward dort immer noch an der Spitze. Der Brite ist auch deshalb für die Amerikaner zur personalisierten Ölpest geworden, weil sein Verhalten symptomatisch für BPs Agieren insgesamt scheint: Es zeugt von unendlicher Inkompetenz und Arroganz.

Hoffnungsträger aus kleinbürgerlichen Verhältnissen

Dabei galt der 53-jährige Tony Hayward als großer Hoffnungsträger, als er vor zwei Jahren an die Spitze des Konzerns aufrückte. Sein zehn Jahre lang amtierender Vorgänger John Browne hatte BP zwar durch massive Zukäufe zu einem globalen Ölmulti ausgebaut und zum viertgrößten Konzern der Welt gemacht; der Börsenwert hatte sich in seiner Zeit fast verneunfacht. Doch am Ende überwog intern die Kritik an Browne, der wie ein "Sonnenkönig" nach Gutsherrenart geherrscht haben soll.

Hayward, der häufig mit offenem Hemd auftritt, wirkte dagegen wie das Gegenmodell zu diesem versteiften unsympathischen Managertypen. Er entstammt auch keiner der elitären Unternehmerdynastien, sondern kommt als eines von sieben Kindern aus kleinbürgerlichen Verhältnissen. Bis heute ist er, wie übrigens auch Barack Obama, Fan des Londoner Fußball-Clubs West Ham United, der im sozial schwachen East End der Stadt beheimatet ist.

Als Hayward Mitte 2007 an die Spitze BPs rückte, hatte er vor allem eine Mission: Er sollte den Slogan "Beyond Petroleum", den sich der vormals British Petroleum genannte Konzern 2001 verpasst hatte, mit Leben füllen, dem Energieriesen neue Zukunftsfelder eröffnen und ein grünes Image verpassen. Und er versprach, "wie ein Laserstrahl" auf bessere Sicherheit zu achten. Zuvor hatten sich Unglücke gehäuft, bei denen es auch zu Toten und schwerer Umweltverschmutzung gekommen war. Mit Erfolg baute der Brite den Konzern um. Mit seinem Lockenschopf und dem stets offenen, freundlichen Lächeln versprühte er jugendlichen Esprit und verkündete nebenbei Milliardengewinne. Die britische Wirtschaft bejubelte den neuen Star in ihrer Mitte.

Störfeuer auch aus zweiter Reihe

Doch dann kam der 20. April 2010. Im Golf von Mexiko explodierte die Ölplattform Deepwater Horizon, und Hayward musste über Nacht eine neue Rolle spielen: die des Krisenmanagers bei einer der größten Umweltkatastrophen aller Zeiten. Er spielt diese Rolle nicht gut. Genauso planlos, wie BP auf das Ölleck reagiert, stümpert sich Hayward von Aussage zu Aussage und vergrößert nur noch mehr die Wut und den Hass der Amerikaner. Er ist nicht mehr der zupackende, von jugendlicher Frische geprägte Macher, sondern wirkt wie ein instinktlos und rücksichtslos agierendes Kind, das die Dimension der Katastrophe immer noch nicht begriffen hat.

Erst nach erheblichem Druck verzichtete BP auf die Ausschüttung einer milliardenschweren Dividende an die Aktionäre, um das Geld einem Hilfsfonds zur Entschädigung der Ölpestopfer zur Verfügung zu stellen. Immerhin entschuldigte er sich vergangene Woche endlich persönlich im US-Kongress und erfüllte die von ihm erwartete Rolle des reuigen Sünders.

Kurz darauf, am vergangenen Freitag, schließlich zog der BP-Aufsichtsrat die Reißleine und entband Hayward von der Krisenleitung. Doch auch die Entfernung aus der vordersten Frontlinie nützte nichts, selbst aus der zweiten Reihe sorgt der Brite noch für Störfeuer. Hayward ging nämlich erst einmal auf einen Segeltörn, weit weg vom Öl im Ärmelkanal. Als Amerika wegen dieser Instinktlosigkeit erneut schäumte, hieß es trotzig aus dem BP-Pressebüro: Es sei Haywards erster freier Tag seit dem Beginn der Katastrophe gewesen.