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Kreditkrise: Wie der Rettungsplan funktionieren könnte

Finanzminister Paulson und Notenbankpräsident Bernanke basteln an dem ultimativen Rettungsplan für die Finanzbranche: Eine Auffanggesellschaft soll den Banken problematische Wertpapiere abnehmen. Eine Erklärung, wie die Notoperation gelingen könnte.

Barney Frank klang am Donnerstagabend erschöpft. "Wir werden ein Gesetz entwerfen, das wir schnell auf den Weg bringen werden", sagte der Vorsitzende des Finanzausschusses im Repräsentatenhaus. "Momentan können wir noch keine Details nennen", sagte der Demokrat.

Was Frank lapidar "ein Gesetz" nennt, könnte sich als größte Rettungsaktion in der Geschichte der Vereinigten Staaten entpuppen. Denn nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers, dem Notkredit an den Versicherungskonzern American International Group und den anhaltenden Kursabstürzen bei Morgan Stanley und Goldman Sachs fürchtet Washington eine Kernschmelze des amerikanischen Finanzsystems. Die Idee, an der jetzt gearbeitet wird: Die Gründung einer gigantischen Auffanggesellschaft, die den Banken ihre problematischen Wertpapiere abnimmt.

Vorgeschlagen haben die Idee US-Finanzminister Henry Paulson und Notenbankchef Ben Bernanke. Prominente Finanzexperten wie der ehemalige Notenbankchef Paul Volcker, der ehemalige US-Finanzminister Nicholas Brady oder Eugene Ludwig, der der Aufsichtsbehörde Comptroller of the Currency vorstand, machten sich dafür stark.

FTD.de erklärt das historische Vorbild einer solchen Auffanggesellschaft - und die Schwierigkeiten der Umsetzung.

Welches Vorbild gibt es für den Mega-Rettungsplan?

Vorbild ist die Resolution Trust Corporation (RTC), die 1989 geschaffen wurde. Damals verabschiedete der Kongress den Financial Institutions Reform, Recovery and Enforcement Act (FIRREA), um der sich umgreifenden Krise der Bausparkassen - Savings-and-Loans-Krise genannt - zu begegnen. Die Grundidee: Eine staatlich kontrollierte Gesellschaft übernahm die problematischen Wertpapiere der Finanzinstitute.

Konkret funktionierte das Rettungsmanöver zweistufig: Einmal gab es die RTC, welche sich um den Verkauf der Papiere kümmerte. Zum zweiten gab es die Resolution Funding Corporation (Refcorp), die für die Finanzierung zuständig war. Anfangs begab Refcorp langfristige Zero-Coupon-Staatsanleihen, die Zinszahlungen garantierte der Staat. Die Rückzahlung erfolgte über den Verkauf der Vermögenswerte der Bausparkassen. Allerdings sprang der Staat auch direkt ein: 20 Mrd. Dollar stellte das Finanzministerium zur Verfügung, rund 2 Mrd. Dollar wurde von den Federal Home Loan Banks transferiert.

Insgesamt schätzt die US-Einlagenversicherung die Kosten des RTC-Programms auf 86,4 Mrd. Dollar. Rechnet man die Verluste zwischen 1986 und 1989 noch dazu, schlugen die Aufräumarbeiten mit 156,4 Mrd. Dollar zu Buche. Der Steuerzahler übernahm davon 82 Prozent.

Was ist der Vorteil einer solchen Lösung?

Aktuell herrscht große Unsicherheit über die Risiken in den Bankbilanzen. Das größte Problem: Wie sollen die Bestände an Wertpapieren - beispielsweise Collateralized Debt Obligations (CDOs), Commercial Mortgage Asset Backed Securities (CMBS) - bewertet werden? Nach wie vor gibt es keine verlässlichen Marktpreise.

All das führt dazu, dass sich die Banken untereinander misstrauen. Abzulesen ist das beispielsweise am TED-Spread, die Differenz zwischen dreimonatigen US-Schatzwechseln und US-Ausleihungen zwischen Banken gleicher Laufzeit. Momentan liegt die Rate bei 313 Basispunkte. Zu Zeiten des Börsencrashs 1987 lag der Wert bei 300 Basispunkten.

Eine RTC-ähnliche Auffanggesellschaft hätte den Vorteil, dass die Marktteilnehmer über die Größe des problematischen Wertpapierpools Bescheid wüssten. Durch den Verkauf könnten - so die Theorie - wieder Preise festgesetzt werden. Das würde wiederum würde Kaufanreize schaffen: Potenzielle Investoren könnten Vertrauen fassen, die Liquidität würde in den Markt zurückkehren. Ein weiteres Plus: Eine Auffanggesellschaft wäre nicht zum Verkauf gezwungen. Die Gefahr eines Fire-Sales - also eines Notverkaufs - ist nicht gegeben, die Auffanggesellschaft kann auf günstigere Zeiten warten.

Wo liegen die Schwierigkeiten einer solchen Rettung?

Die Probleme liegen in der unterschiedlichen Komplexität der Krisen. Die Savings-and-Loans-Krise war eine zutiefst amerikanische. Mehr als die Hälfte der Bausparkassen waren in den Bundesstaaten Kalifornien, Texas sowie Lousiana beheimatet.

Heute handelt es sich um eine globale Krise. Wegen der Verbriefung amerikanischer Hypotheken und dem weltweiten Handel von außerbörslichen Derivaten sind nicht nur US-Banken betroffen, sondern Finanzinstitute in aller Welt. Um wirklich erfolgreich zu sein, müsste die RTC aber den gesamten Bestand an problematischen Papieren abbilden - was wiederum die Kooperation mit Regierungen und Aufsichtsbehörden anderer Länder voraussetzt.

Ansonsten würde es sich nur um eine amerikanische Lösung für ein weltweites Problem handeln. Die Gefahr dabei: Die Banken anderer Länder könnten jederzeit ihre Wertpapierbestände auf den Markt werfen, die RTC-Auffanggesellschaft könnte das nicht kontrollieren - und damit auch den Einstiegspreis für den Steuerzahler.

Zudem stellen sich akut Fragen des Moral Hazard. Darunter verstehen Ökonomen das Setzen falscher Anreize, indem Marktteilnehmer vor den Folgen riskanten Gebarens beschützt werden. Denn: Die US-Banken sind nicht zahlungsunfähig. Das wirft die Frage auf: Wem soll geholfen werden, welche Papiere sollen aufgekauft werden?

Um diese Schwierigkeiten zu umgehen, schlagen Experten eine Alternative vor: Den direkten Kauf von Immobilien durch die US-Regierung. Solch ein Schritt hätte auch stabilisierende Wirkung auf all die strukturierten Produkte, die mit Hypotheken besichert sind.

Wie versuchte die US-Regierung bisher, der Krise zu begegnen?

Der angedachte Mega-Rettungsplan würde die bisherigen Bemühungen der US-Regierung und der Notenbank konterkarieren. Washington ging bisher einen anderen Weg: Statt direkt Wertpapiere aufzukaufen, versorgte die öffentliche Hand die Banken mit Liquidität. Dazu erweiterte die Federal Reserve sukzessive ihr geldpolitisches Instrumentarium, im Fall der beiden Hypothekenfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac stellte das Finanzministerium eine Kreditlinie bereit.

Die Federal Reserve erfand die Term Auction Facility (TAF), die Term Securities Lending Facility (TSLF), die Primary Dealer Credit Facility (PDCF), das Term Securities Lending Facility Options Programm (TOP). Hinter diesen komplizierten Begriffen verbirgt sich die Idee, den Banken jederzeit Kredite einzuräumen. Gewirkt haben die Innovationen aber nur bedingt: Nur TSLF und TOP erfreuen sich einer gewissen Beliebtheit, die Popularität der restlichen Fazilitäten fiel eher gering aus - und dass, obwohl sich die Situation auf den Kreditmärkten zuspitzte.

Dass Finanzminister Henry Paulson und Notenbankchef Ben Bernanke von ihrer Linie immer stärker abrücken müssen, lässt sich an mehreren Beispielen illustrieren: Fannie Mae und Freddie Mac mussten verstaatlicht werden - sie befinden sich unter "Conservatorship". Der Staat verpflichtete sich zudem, auf dem Markt Hypothekenpapiere zu kaufen. Außerdem wurde dem Versicherungskonzern American International Group ein Notkredit in Höhe von 85 Mrd. Dollar eingeräumt.

Für ihre Interventionen musste sich die Fed immer heftigere Kritik gefallen. Einer der prominentesten Fed-Experten, Allan Meltzer, Professor an der Carnegie Mellon University in Pittsburg, ging besonders stark mit der Zentralbank ins Gericht. Seine Ansicht nach kompromittiert die Notenbank ihre geldpolitische Aufgabe - und verteilt Staatsgelder nach Gutdünken.

FTD