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Krisengipfel: Selbst den Saudis ist das Öl zu teuer

Eigentlich könnte sich die Saudi-Arabien freuen: Der hohe Ölpreis spült täglich weitere Millionen Dollar in die ohnehin schon gut gefüllten Kassen des weltgrößten Erdölexporteurs. Trotzdem will das Land, dass der Ölpreis sinkt. Der jetzige Krisengipfel soll dazu beitragen.

Von Mathias Peer

Dass König Abdullah ein reicher Mann ist, sieht man schon allein an seinem Gepäck. Zehn Flugzeuge und 30 Lastkraftwagen waren bei seinem letzten Besuch in Berlin im vergangenen November nötig, um die Habseligkeiten des saudischen Monarchen ins das Luxus-Hotel Adlon zu transportieren. Einhundert höfische Diener und vier seiner Ehefrauen begleiteten den König, um während des dreitägigen Aufenthaltes für dessen Wohlergehen zu sorgen.

Der König bittet zum Krisenmeeting

König Abdullah kann sich das leisten, schließlich gilt der 83-Jährige als der wohlhabendste Staatsmann der Welt. Sein Privatvermögen wird auf über 20 Milliarden Dollar geschätzt - aber eigentlich gehört ihm ein ganzes Land. Als absoluter Herrscher hat er unbeschränkten Zugriff auf die Staatskasse Saudi-Arabiens, dem Land mit den größten Erdölvorräten der Welt. Vorräte, deren Wert fast täglich steigt. Erst vergangenen Montag erreichte der Preis für ein Barrel einen neuen historischen Höchststand. König Abdullah könnte sich eigentlich darüber freuen. Reiche Menschen haben schließlich selten etwas dagegen, noch reicher zu werden. Doch Abdullah bricht nicht in Jubel aus - er ruft zum Krisengespräch.

Saudi-Arababien macht aufgrund des hohen Ölpreises zurzeit zwar große Gewinne, fürchtet aber, dass sich die Situation bald zum Gegenteil umkehrt. Denn wenn sich die Welt das teure Öl bald nicht mehr leisten kann, haben auch die Saudis nichts von ihren Schätzen.

"Ölpreis ist unnormal und inakzeptabel hoch"

Die Einladung zum Krisengipfel an diesem Sonntag war für diplomatische Verhältnisse äußerst kurzfristig. Nur elf Tage im Vorhinein wurde der Termin angekündigt. Doch wenn Saudi-Arabiens König über das Öl sprechen möchte, haben selbst die Mächtigen immer Zeit: Der britische Premier Gordon Brown wird kommen, US-Energierminister Samuel Bodman auch und für Deutschland ist Bundeswirtschaftsminister Michael Glos dabei. Erwartet werden auch hochrangige Vertreter der Internationalen Energieagentur (IEA), der Opec und von den großen Mineralölkonzernen ExxonMobil und Shell.

Bei den Beratungen in der Sommerresidenz des Königs in der Hafenstadt Dschidda wird eine einzige Zahl wird im Mittelpunkt stehen: 139,89. Soviel Dollar kostete ein Barrel Leichtöl zu Beginn der Woche - mehr als jemals zuvor. Das neue Rekordhoch schockierte nicht nur die vom Öl abhängigen Industriestaaten. Auch der saudische König bezeichnete den Preis als unnormal und inakzeptabel hoch. Bereits im Vorfeld des Gipfels wurde bekannt, dass Saudi-Arabien seine tägliche Fördermenge ab Juli um weitere 200.000 Fass pro Tag erhöhen möchte. "Das ist weit mehr als nur ein symbolischer Akt", sagt Sven Streitmayer, Rohstoffanalyst bei der Landesbank Baden-Württemberg. Das meint auch Commerzbank-Analyst Eugen Weinberg: "Saudi-Arabien stellt damit unter Beweis, dass es ein langfristig orientierter Produzent ist, dem die Gefahren der hohen beziehungsweise stetig steigenden Energiepreise für die Weltkonjunktur nicht gleichgültig sind."

Hoher Ölpreis macht alternative Energien attraktiver

Die Saudis haben dafür einen guten Grund: Denn wenn die enormen Energiekosten die Weltkonjunktur in die Knie zwingen und die Nachfrage nach Rohöl einbricht, bleibt Saudi-Arabien auf seinen Reserven sitzen. Das war schon einmal so: Auf die Ölkrise der 70er folgte die Rezession und für das teure Öl gab es plötzlich keine Abnehmer mehr.

Aber nicht nur die Konjunkturlage bedroht die Geschäfte der Saudis. "Die horrenden Ölpreise führen auch dazu, dass für Saudi Arabien neue Konkurrenten entstehen", sagt Nahost-Experte Guido Steinberg von der Stiftung Wissenschaft und Politik. Regenerative Energieformen würden zum einen immer attraktiver, aber auch ihren Durst an Öl beginnen die Verbraucherstaaten aus neuen Quellen zu stillen. Beispiel Kanada: Das Land verfügt nach Saudi-Arabien über die zweitgrößten Erdölreserven der Welt. Der wertvolle Rohstoff ist dort allerdings nur in der Form von Ölsand zu finden. Der Abbau ist aufwändig, kompliziert und vor allem teuer. Erst als die Preise, die man mit Öl am Weltmarkt erzielen konnte in die Höhe schossen, wurde der Abbau rentabel.

Iran ist gegen Saudi-Vorschlag

Um Konkurrenz wie diese im Zaum zu halten, will Saudi-Arabien auf dem Krisengipfel am Wochenende auch die anderen Opec-Staaten davon überzeugen, ihre Fördermengen zu erhöhen, damit die Preise sinken. Der Iran, das zweitmächtigste Mitglied des Ölkartells, hat diesen Vorschlag allerdings schon zurückgewiesen. Eine Erhöhung der Fördermenge sei der falsche Schritt, sagte der iranische Opec-Gesandte Mohammed Ali Chatibi.

Hinter der gemäßigten Preispolitik Saudi-Arabiens stehen nicht nur wirtschaftliche, sondern auch politische Interessen. "Saudi-Arabien hat keine schlagkräftige Armee und ist auf den Schutz der USA angewiesen", sagt Guido Steinberg. Im Gegenzug erwarten die Amerikaner von Saudi-Arabien eine Ölversorgung zu akzeptablen Preisen.

Historische Beziehungen zu den USA

Das Erdöl-Bündnis des Königshauses mit den USA hat eine lange Geschichte. Vor 75 Jahren waren es nicht die Scheichs, sondern die Amerikaner, die sich in der saudischen Wüste auf die Suche nach dem Schwarzen Gold machten. Die Schatzsuche begann im Mai 1933. Ein Jahr zuvor war im nahegelegenen Inselstaat Bahrain Öl gefunden worden. Die kalifornische Firma Socal war sich sicher: Auch in Saudi-Arabien muss es Öl geben, irgendwo tief unter dem roten Wüstensand. Von der saudischen Regierung erhielt die Firma die Lizenz zum Bohren. Fünf Jahre später fand sie in Dhahran an der Ostküste das erste Feld mit dem wertvollen Bodenschatz, nach dem die Welt süchtig ist. Heute liegt hier der Firmensitz von Saudi Aramco, der größten Erdölfördergesellschaft der Welt. Bis Mitte der 70er-Jahre beherrschten die Amerikaner den Konzern, ab dann begannen die Saudis das Unternehmen aufzukaufen bis es 1980 komplett in staatlicher Hand war.

Trotz des Ölboykotts, mit dem Saudi-Arabien 1973 die USA dazu bringen wollten ihre Unterstützung Israels aufzugeben, blieb das Bündnis der Saudis mit den Amerikanern eng. "Unsere Freundschaft und Zusammenarbeit sind kostbare Juwelen", lobte Ronald Reagan 1985 den saudiarbischen König. Mit den kostbaren Juwelen dürfte er allerdings vor allem auch das Öl gemeint haben, von dem bereits mehrere Millionen Fass täglich durch die Pipelines schossen.

Menschenrechte sind kein Thema

Die guten Geschäfte machten es auch leichter, über die drastischen Missstände und Menschenrechtsverletzungen innerhalb des Landes hinwegzusehen: Folter, Misshandlungen und politische Verfolgung stehen bis heute auf der Tagesordnung. Gerichtsurteile ergehen nach dem Gesetz der Scharia. Die Strafen sind grausam: Enthauptung bei schweren Delikten, Amputation der rechten Hand bei Diebstahl. Auch gleichgeschlechtlicher Sex ist verboten. Als Strafe drohen mehrere Tausend Peitschenhiebe. "Die Menschenrechtssituation in Saudi-Arabien ist auch heute unverändert schlecht", sagt Guido Steinberg. Eine Besserung sei nicht in Sicht.

Beim Gipfeltreffen am kommenden Sonntag wird das kein Thema sein. Wenn die Staats- und Regierungschefs, die Minister und die Manager in den opulenten Räumlichkeiten des königlichen Palastes von Dschidda zusammenkommen, geht es nicht um Menschenrechte, sondern um Fördermengen, Spekulanten und die Konjunktur. Und natürlich geht es auch darum zu verhindern, dass der reiche König plötzlich etwas ärmer wird.