Lehman-Opfer Gericht verurteilt Bank zu voller Entschädigung

Ein Urteil, das viele geschädigte Bankkunden aufhorchen lassen dürfte: Das Landgericht Hamburg hat einem Kunden der Hamburger Sparkasse Schadenersatz für seine inzwischen wertlosen Lehman-Zertifikate zugesprochen. Die Bank habe den 64-Jährigen nicht ausreichend über die Geldanlage aufgeklärt. Die Haspa will in Berufung gehen.

Die Hamburger Sparkasse (Haspa) muss einem Anleger wegen fehlerhafter Beratung beim Verkauf von Anleihen der zusammengebrochenen Lehman-Bank Schadenersatz zahlen. Die Sparkasse habe ihre Pflicht der anlagegerechten Beratung schuldhaft verletzt, stellte das Landgericht Hamburg am Dienstag in seinem Urteil fest (Az: 310 O 4/09). Die Haspa müsse dem Kläger, einem pensionierten Lehrer, daher den Schaden von gut 10.000 Euro einschließlich Zinsen erstatten, erläuterte eine Gerichtssprecherin. Die Haspa kündigte Berufung an. Das Institut kritisierte, im "Ausnahmefall Lehman" hätten Gerichte die Tendenz, das Anlagerisiko nachträglich auf die Kreditinstitute zu verlagern.

Der Richter bemängelte vor allem, dass die Haspa ihren Kunden nicht über die fehlende Einlagensicherung, die Höhe der Gewinnmarge und ihr eigenes Interesse am Verkauf der Lehman-Zertifikate informiert habe. Weil die Haspa in größerem Umfang Lehman-Zertifikate erworben habe und "nur gegen einen Abschlag an Lehman Brothers hätte zurückgeben dürfen, bestand für sie ein besonderer Anreiz zur Empfehlung gerade dieses Produkts", erklärte der Richter. Die Tatsache, dass die Sparkasse ihren Kunden nicht über das Risiko einer Insolvenz von Lehman aufgeklärt hatte, wertete das Gericht dagegen nicht als Pflichtverletzung.

Haspa sieht Urteil als Einzelfallentscheidung

Der Kläger und sein Anwalt äußerten sich zufrieden über das Urteil, das im Gerichtssaal von einigen Zuhörern mit Applaus begrüßt wurde. "Ich bin glücklich und gleichzeitig ein bisschen überrascht", sagte der 64-jährige Pensionär.

Die Haspa wertete das Urteil als Einzelfallentscheidung. Das Gericht habe ausdrücklich festgestellt, dass die Anleihen für den Anleger geeignet gewesen seien und es sich um eine konservative Anlage gehandelt habe. "Wir sind optimistisch, dass die Situation in der nächsten Instanz neu bewertet wird", betonte Haspa-Privaktkundenvorstand Reinhard Klein. Die Gerichtssprecherin sagte, es handele sich nicht um einen Präzedenzfall. "Jedes Verfahren ist anders, jeder Fall wird für sich bewertet", machte sie deutlich.

Unabhängig von gerichtlichen Auseinandersetzungen hat die Haspa etwa 1000 ihrer 3700 von der Lehman-Pleite betroffenen Kunden freiwillig entschädigt. In 250 Fällen gab sie Beratungsfehler zu. In rund 700 weiteren Fällen befanden sich die betroffenen Kunden der Sparkasse zufolge "in einer kritischen Lebenssituation". Daher sei man ihnen entgegengekommen. Es seien je nach Kunde 10 bis 100 Prozent der Anlage erstattet worden. Insgesamt schüttete das Geldhaus 9,5 Millionen Euro an seine Lehman-Opfer aus - verkauft hatte es Papiere im Wert von 54 Millionen Euro.

Nach der Lehman-Pleite hatten bundesweit rund 40.000 Anleger in Deutschland ihr Erspartes verloren - im Durchschnitt 17.300 Euro, wie die Verbraucherzentrale Hamburg errechnet hat. Viele der Opfer kämpfen vor Gericht um ihr Geld, weil sie sich von ihren Banken schlecht beraten fühlen. Ihre Gegner sind die Hamburger Sparkasse, die Citibank, die Frankfurter Sparkasse oder die Dresdner Bank. In diesen Häusern und einigen Volksbanken wurden die riskanten Lehman-Zertifikate in Deutschland am meisten verkauft.

joe/DPA/Reuters DPA Reuters

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