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Leo Kirch: Frau & Geld

In die Ermittlungen gegen Leo Kirch kommt Schwung. Unterlagen aus der Schweiz zeigen: Über ein Geheimkonto, das Frau Kirch zugeordnet wird, flossen Millionen. Liegt dort eine schwarze Kasse?

Ruth Kirch ist eine patente Frau, doch in die Milliardengeschäfte ihres Mannes hat sie erkennbar nie eingegriffen. Vor knapp 50 Jahren gab sie Leo Kirch ein bisschen finanzielle Starthilfe für seine ersten Schritte als Filmhändler, später tauchte sie bei Feierlichkeiten an der Seite des Medienmoguls auf. Das war's. Oder auch nicht. Das Schweizer Bundesgericht in Lausanne hat jetzt einem Rechtshilfeersuchen der Münchner Staatsanwaltschaft stattgegeben. "Wir erwarten die Überstellung der Schweizer Unterlagen in ein bis zwei Wochen", sagt der Leitende Oberstaatsanwalt Christian Schmidt-Sommerfeld.

Zwei Jahre nach der Pleite des Kirch-Imperiums bringt das Schweizer Urteil, das dem stern vorliegt, neue Bewegung in die Ermittlungen gegen Leo Kirch und zwei seiner damaligen Topmanager wegen Urkundenfälschung und versuchten Betrugs. Erstmals wird zudem erkennbar, dass auch Ruth Kirch eine wesentlich aktivere Rolle bei den Geschäften ihres Mannes eingenommen haben könnte als bislang bekannt. Die eidgenössischen Behörden rechnen ein neu aufgetauchtes Schweizer Nummernkonto der Ehefrau Kirchs zu.

Der spektakuläre Fund nährt eine alte Frage: Besitzt Kirch schwarze Kassen im steuerbegünstigten Ausland? Und er löst eine neue Frage aus: Ist Ruth Kirch die Hüterin des Schatzes?

Die Vorwürfe stehen im Zusammenhang mit einem der letzten großen Geschäfte Leo Kirchs: dem milliardenteuren Kauf der Formel 1 im Jahr 2001. Um den Rennzirkus bezahlen zu können, benötigte der damals finanziell schon angeschlagene Medienunternehmer viel Geld. Mit Verträgen von April, Mai und September 2001 sprang die Schweizer Großbank Credit Suisse mit einem Darlehen über rund 120 Millionen Dollar ein, das sie der von Kirch gegründeten Formel Eins Beteiligungs GmbH (FEB) gewährte. Wenig später steuerte Kirch in die Pleite, im Juni 2002 war auch die FEB zahlungsunfähig.
Die Credit Suisse, so schien es, würde auf ihrem Millionenkredit sitzen bleiben. Zumal die FEB auch noch von einer anderen Kirch-Firma, der Kirch Media, Geld bekommen hatte, wie Oberstaatsanwalt Schmidt-Sommerfeld jetzt dem stern bestätigte. Und die Kirch Media rangierte mit ihrer Forderung - samt Zinsen 246 Millionen Euro - an erster Stelle.

Pech für die Banker,

könnte man meinen. Da wurden Kirch und sein ehemaliger Vize Dieter Hahn offenbar aktiv: Die beiden Herren, das glauben die Ermittler in München, hätten sogar vor dem Fälschen von Urkunden nicht zurückgeschreckt. Und das soll sich im Sommer 2002 folgendermaßen abgespielt haben: Da Kirch und Hahn zu diesem Zeitpunkt schon keinen Zugang mehr zu ihren alten Geschäftsräumen in Ismaning bei München hatten, habe Ex-Finanzchef Herbert Schroder, der den Insolvenzverwaltern damals noch als Berater zur Seite stand, "Ende Juli/Anfang August 2002" einen Blanko-Briefbogen der Kirch Media beschafft "und eine Urkunde erstellt", fasst das Urteil die Vorwürfe zusammen. In der Urkunde stand, dass die Kirch Media zugunsten der Credit Suisse auf ihre Sicherheit bei dem Formel-1-Kredit verzichte. Dann sei das Schriftstück "auf den 14. September 2001 rückdatiert" und vom längst nicht mehr zeichnungsberechtigten Pleitier Kirch unterschrieben worden. Schroder habe sich "Zutritt zu den Räumen der Finanzbuchhaltung" im alten Unternehmen verschafft und das gefälschte Schreiben unter die Akten geschmuggelt.

Pech für Kirch: Der Insolvenzleitung kam die Sache spanisch vor - offenbar, weil die Herren einen Fehler bei der Fax-Kennung machten. Die Folge: Die Kirch Media behielt ihre Kreditsicherheiten in Sachen Formel 1. Trotz alledem erhielt die Credit Suisse im Dezember 2002 ihr Geld verzinst zurück: exakt 121,9 Millionen Dollar. Überwiesen von der bis dato unbekannten Liechtensteiner Faller-Stiftung, die ein Konto bei der Credit-Suisse-Filiale im Schweizer Promi-Skiort St. Moritz unterhielt.

Pech für die Ermittler:

Die Faller-Stiftung ist so geschickt konstruiert, dass ihr Eigentümer - etwa Kirch selbst? - auch weiter unbekannt ist. Dafür stießen sie auf andere interessante Zahlungsvorgänge. Das Konto der Faller-Stiftung ging bei der Überweisung an die Credit Suisse angeblich mit rund 65 Millionen Dollar ins Minus. Diese Summe wurde später wieder ausgeglichen. Unter anderem, so ergibt sich aus dem Urteil des Schweizer Gerichts, von einem Ruth Kirch zugeordneten Nummernkonto in der Schweiz. Ein weiterer Teilbetrag lief von dem Nummernkonto indirekt über eine dritte Bankverbindung zur Faller-Stiftung zurück. Damit nicht genug: Zeitweise, so ergibt sich aus den dem stern vorliegenden Unterlagen, war das gesamte auf dem Nummernkonto liegende Vermögen wegen des Formel-1-Geschäfts an die Credit Suisse verpfändet.

Dieser ungewöhnliche Vorgang löst für Kirch unangenehme Fragen aus: Wer ist der Begünstigte des auf Ruth Kirch laufenden Kontos? Ist es die lang gesuchte schwarze Kasse des gescheiterten, aber womöglich dennoch reichen 77-Jährigen?

Aus Sicht

der Schweizer Bundesrichter deutet manches darauf hin. Sie vermuten, dass Frau Kirch lediglich den Kopf hinhalte. "Personen in finanziellen Schwierigkeiten lassen nicht selten ihnen nahestehenden Personen Vermögenswerte zukommen in der Absicht, diese dem Zugriff der Gläubiger zu entziehen", schreiben sie in ihrem Urteil. Beweisen lässt sich der Verdacht, wenn überhaupt, erst, wenn die Staatsanwälte in München die Bankunterlagen aus der Schweiz in Händen halten. Kirch sowie die anderen Betroffenen wollten dem stern gegenüber nicht Stellung nehmen.

Sollte die Credit Suisse als Rückversicherung für den 120-Millionen-Kredit über einen Zugriff auf Kirchs Privatvermögen verfügt haben, wäre hierin auch das Motiv für die Urkundenfälschung zu sehen, glaubt die Staatsanwaltschaft. In dem Schweizer Urteil heißt es: "Damit bestehen Anhaltspunkte dafür, dass das Handlungsziel der Beschuldigten letztlich darin bestand, der Ehefrau" von Kirch "und damit diesem - mittelbar - selbst einen Vermögensvorteil zu verschaffen".

Mit einer Reihe von Beschwerden versuchten Ruth Kirch, die Faller-Stiftung und deren Schweizer Vermögensverwalter monatelang, die Herausgabe der Bankunterlagen nach München zu verhindern. Ruth Kirch argumentierte dabei laut Urteil auch mit der Angst vor den deutschen Finanzbehörden: Ein Steuerverfahren sei dann wohl "unausweichlich".

Pech für den deutschen Fiskus:

Für Steuervergehen gewähren die Schweiz und Liechtenstein keine Rechtshilfe. Deshalb dürfen die Informationen, die aus Lausanne kommen, nicht für ein Steuerverfahren verwendet werden, sondern nur für den Fall der Urkundenfälschung. Für Leo Kirch geht es damit um mehr als um Geld: Es wird noch mal eng für den alten Mann aus München.

von Richard Rickelmann und Johannes Röhrig / print