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Münchner Start-up Flugtaxi-Firma Lilium startet an der Börse – wann sehen wir die Mini-Jets in der Luft?

So stellt sich Lilium die Flugtaxi-Zukunft vor
So stellt sich Lilium die Flugtaxi-Zukunft vor
© Lilium
Das Start-up Lilium will die Luft mit Elektro-Flugtaxis erobern. Dafür sammelt die bayerische Firma an der New Yorker Technologiebörse Nasdaq nun Hunderte Millionen ein. Der Börsenstart verlief allerdings anders als erhofft.

Als CSU-Politikerin Dorothee Bär 2018 im Heute-Journal über ihre Rolle als Digital-Staatsministerin sprechen sollte, überraschte sie mit der Aussage: Es gehe ja nicht nur um Breitbandausbau, sondern auch um moderne Mobilität, zum Beispiel Flugtaxis. Die Vision wurde damals mit viel Häme quittiert. Und auch dreieinhalb Jahre später fliegen immer noch keine Flugtaxis durch Deutschland. Aber immerhin: Dass sie es in absehbarer Zukunft tun werden, ist gerade mal wieder wahrscheinlicher geworden.

Denn mit der Münchner Firma Lilium gibt einer der führenden Entwickler von Flugtaxis an diesem Mittwoch sein Debüt an der New Yorker Technologiebörse Nasdaq. Das 2015 von Ingenieuren der TU München gegründete Start-up will sich so das nötige Kleingeld besorgen, um den Flugtaxi-Traum schon bald wahr werden zu lassen.

584 Millionen US-Dollar bringt der Börsengang Lilium nach eigenen Angaben ein. Damit lässt sich arbeiten – es ist allerdings weniger, als die erhofften 830 Millionen Dollar, auf die das Unternehmen ursprünglich spekuliert hatte. Der Wert des Unternehmens wird nun auf rund 3 Milliarden Dollar taxiert. Zu den bekanntesten bisherigen Anteilseignern zählen der chinesische Technologieriese Tencent und der deutsche Promi-Investor Frank Thelen. 

Kommerzieller Start 2024 geplant

Dass Lilium nicht die angestrebte Summe erreicht hat, liegt auch an der Konstruktion, die das bayerische Unternehmen für seinen Börsengang gewählt hat. Um schneller an die Börse zu kommen, ist Lilium kurzfristig mit einer Mantelgesellschaft namens Qell fusioniert, einer sogenannten Special Acquisition Company (Spac). Diese hatte, wie bei Spacs üblich, bereits vorab von Anlegern Geld eingesammelt, um dann ein Unternehmen zu finden, das sie an die Börse bringen kann. Als die Wahl auf Lilium fiel, wollten zwei Drittel der Quell-Aktionäre allerdings keine Aktien der Flugtaxi-Firma haben und gaben ihre Papiere zurück.

Trotz des nicht rundum gelungenen Börsengangs sieht sich Lilium-Gründer Daniel Wiegand "näher als je zuvor am Ziel", seine elektrobetriebenen Mini-Jets in die Luft zu bekommen. "Der heutige Meilenstein bringt uns noch näher daran, unseren Service 2024 zu starten und nachhaltigen, regionalen Hochgeschwindigkeits-Luftverkehr rund um die Welt Realität werden zu lassen", kommentiert Wiegand den Börsenstart. Der Erlös werde nun verwendet, um den kommerziellen Start des siebensitzigen Lilium-Jets zu finanzieren. 

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Gelingt die Serienfertigung?

Das Besondere an Lilium ist, dass die Jets senkrecht starten können wie ein Helikopter und so keine große Start- und Landebahn benötigen. Zudem setzen sie auf reinen Elektroantrieb durch Batterien und liefern so eine Lösung für die klimaneutrale Mobilität der Zukunft. Sie könnten in Zukunft Passagiere über verstopfte Metropolen hinwegfliegen oder nahe gelegene Städte miteinander verbinden. Als Beispiele nennt Lilium Flüge von New York nach Boston oder einen Luft-Shuttle von Manhattan zum Flughafen JFK. In Deutschland haben etwa die Flughäfen Düsseldorf und Köln/Bonn erklärt, Lilium Jets einsetzen zu wollen, sobald diese zugelassen sind.

Allerdings existieren bisher nur Demonstratoren, also einzelne Vorführmaschinen, die zeigen, dass die Lilium-Technologie grundsätzlich funktioniert. Einen zweisitzigen Prototyp ließ Lilium bereits 2017 in die Luft steigen, seit 2019 wird ein Fünfsitzer getestet. Der angekündigte Siebensitzer für die Serienproduktion existiert bislang nur auf dem Papier.

Dennoch ist der weitere Zeitplan ehrgeizig: Im kommenden Jahr soll mit der Produktion des Siebensitzers begonnen werden, es folgen umfangreiche weitere Tests. Eine Zertifizierung und damit die Voraussetzung zur kommerziellen Nutzung will Lilium bis 2024 erreichen. Für 2027 rechnet Lilium bereits mit einem Umsatz von knapp 6 Milliarden Dollar. 

Erster Großauftrag – aber harte Konkurrenz

Einen ersten Großauftrag konnte Lilium kürzlich schon verbuchen: Die brasilianische Fluggesellschaft Azul bestellte vor wenigen Wochen 220 Flugtaxis, die ab 2025 in Brasilien operieren sollen. Der Deal ist nach Unternehmensangaben eine Milliarde Dollar schwer.

Ob Lilium mit seiner beeindruckenden Vision tatsächlich die Lüfte erobern wird, ist allerdings längst nicht ausgemacht. Denn auch andere Hersteller werkeln mit Hochdruck und vielen Investoren-Millionen an der Flugtaxi-Zukunft, allen voran der deutsche Rivale Volocopter und das amerikanische Unternehmen Joby Aviation. Volocopter soll derzeit ebenfalls einen Börsengang erwägen, um schnell in die Serienproduktion einsteigen zu können. Joby ist bereits im Februar 2021 an die Börse gegangen und strebt wie Lilium den kommerziellen Start für 2024 an. Wessen Technik und Businessmodell sich durchsetzen wird, ist völlig offen.

Wer auch immer den Wettlauf gewinnt: Flugtaxi-Fan Dorothee Bär, gerade erst von Armin Laschet ins Zukunftsteam berufen, könnte womöglich schon in der kommenden Legislaturperiode ins fliegende Shuttle steigen.


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