HOME

Mail aus Mumbai: Ackermann in der Megacity

Es sind 18, vielleicht sogar 19 Millionen Menschen, die in Mumbai leben, hausen, vegetieren. Arm und Reich prallt hier aufeinander, ungebremst. Dass hier eine gefährliche Dynamik entstehen kann, hat auch Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann erkannt - und sich, im Tross der Kanzlerin, um Besserung bemüht.

Von Swantje Strieder

Ich bin der 18 000001. Bürger von Mumbai. Vielleicht auch der 19 000001., wer weiß das schon? Mein Wohnsitz liegt voll im Welttrend, denn 50 Prozent der Menschheit lebt heute in Städten. Natürlich nicht alle in solchen Monstergebilden wie Shanghai, Mexico City, Dehli. Oder eben Mumbai. In den Vierziger Jahren, als ein kleiner bebrillter Mann im Baumwolltuch an seinem Stecken durch die hiesigen Straßen wanderte, war Bombay, wie es damals hieß, noch eine hübsche verschlafene Hafenstadt.

Seit Mahatma Gandhis Zeiten hat Mumbai sich mehr als verzehnfacht und in Maximum City verwandelt, mit vielen Paradoxen: Zwei vollkommen veraltete Vorortbahnen müssen zweimal täglich Millionen von Pendlern transportieren, ohne dass die Passagiere in der Enge ersticken oder aus den stets offenen Türen fallen. Mumbai hat die am stärksten verschmutzten Flüsse Indiens, in denen sich dennoch viele Menschen waschen müssen. Mumbai ist reich, glitzernd und verdient 40 Prozent des indischen Steueraufkommens - und hat die größten Slums der Welt.

Drei-Zimmer-Paradies mit Ratte

Die bekamen auch Angela Merkel und ihre Delegation, darunter Josef Ackermann, Chef der Deutschen Bank zu sehen, als die Kanzlermaschine vergangene Woche zum Staatsbesuch im Mumbaier Airport aufsetzte, der als ziemlich gefährlich gilt: die Elendshütten liegen so direkt neben der Landebahn wie Nachbars Garten. Die Hälfte aller Mumbaier, also mindestens neun Millionen, lebt in Slums, die andere Hälfte auch nicht gerade wie bei "Schöner Wohnen", aber immerhin.

Wir hausen nicht in einer Hütte an den Bahngleisen, sondern bewohnen ein Drei-Zimmer-Paradies mit fließend Wasser, wie Isra, mein ständiger Taxifahrer immer sagt. Mit Meeresblick und mit megagroßen Ratten im Hof. Aber die Nager regen hier niemanden auf, nicht mal "Ran", unseren potthässlichen Streunerhund, den unser tierliebes indisches Apartmenthaus adoptiert hat. "Eine Ratte, eine Ratte," rief ich neulich Pandu, unserem Security-Mann zu, als das Vieh possierlich an seinem Hosenbein vorbeitrippelte. "Ha, ha", meinte Pandu, das heißt auf deutsch "ja, ja" oder "na, und". No action. Die Ratte könnte ja meine wiedergeborene Großmutter sein, wer wird dem Tierchen was tun

Lernen unter der Laterne

Wir Glücklichen haben den ganzen Tag fließend Wasser, die armen Leute bekommen, wenn überhaupt, nur eine Stunde am Tag, das lebenswichtige Nass. Wir haben 24 Stunden am Tag Strom für unsere Computer, es sei denn, das Netz bricht mal wieder wegen Überlastung zusammen. Begabte Slumkinder studieren oft unter Straßenlaternen, weil die Ölfunzel daheim nicht reicht. Wir haben Kanalisation. Selbstverständlich?

Die armen Leute haben Latrinen und waschen ihre Wäsche im offenen Dreckwasser-Kanal. Und trotzdem strömt jeden Tag ein Heer von Bauern in die "World Class City", wie die gehobenen Mumbaier ihre Stadt gerne sehen, und campiert mit Kuh, Kind und Kegel auf dem Gehweg gleich bei mir um die Ecke. Und jede Nacht kommen Neuankömmlinge in Lumpen, die auf dem handtuchbreiten Mittelstreifen der Ausfallstraßen einen Schlafplatz finden, ungeachtet des tosenden Berufsverkehr um sie herum Warum nur? Weil sie sich ein Fitzelchen vom indischen Wirtschaftswachstum erhoffen, das momentan 9 Prozent im Jahr beträgt und einige wenige Multi-Millionäre zu Milliardären macht.

Ackermann und die Megacity

Was hat das arme Mumbai nun mit dem CEO Josef Ackermann, der bekanntlich nicht zu den Ärmsten der Welt gehört, zu tun? Viel mehr, als Sie denken. Die Deutsche Bank, "Leistung aus Leidenschaft", sorgt sich nämlich um morgen und hat die internationale Urban Age India Conference mit den weltbesten Stadtplanern und Klimaforschern gesponsort. Ausgerechnet in Mumbai, wo Ackermann nicht über Big Money sondern über Big Cities sprach.

"Das Wohlergehen der Städte ist heute oft wichtiger als das der Staaten," so der große Vorsitzende, "denn wenn die Mega- Cities versagen, werden ganze Staaten daran kaputtgehen." Als eine New Yorker Professorin die immer größeren sozialen Gegensätze in den Mega-Cities rügte und polemisch fragte, wo denn das hohe Steueraufkommen Mumbais versickere, hat auch Ackermann herzlich applaudiert.

Schluss mit dem Sozialneid

Drei Tage haben die Experten diskutiert, wie man Mega Cities menschlicher, sozial gerechter, umweltverträglicher machen kann und ihren immensen Co2-Ausstoß reduziert. Gute Ansätze gab es, eine Patentlösung wusste niemand. Ehrlich gesagt, ich weiß auch keine. Ich weiß nur, dass ich abends sehr dankbar in mein Drei- Zimmer-Paradies kam, dass ich froh war über mein sauber gefiltertes Trinkwasser und eine erfrischende Dusche. Nicht mal unsere Ratte, die wie immer durch den dunklen Hof wuselte, hat mich gestört. Ackermännchen, da habe ich den deutschen Sozialneid total vergessen, uns beiden geht es verdammt gut!