Maos Erben Der gute Mensch von Huaxi


Der Parteivorsitzende in einem Dorf in China gründete 80 Fabriken und machte alle Reisbauern zu Teilhabern am Produktivkapital. Nun schuften 50.000 Gastarbeiter für die neuen Herren.
Von Adrian Geiges

Das Dorf Huaxi in der ostchinesischen Provinz Guizhou glänzt mit außergewöhnlichen Sozialleistungen: Die Verwaltung hat jedem Bürger ein Auto geschenkt, wahlweise VW Jetta, Citroën oder Buick. Das Benzin dafür gibt es umsonst, den Strom fürs Haus sowieso - genauer gesagt für die Villa. In Haus B-29, einer von 150 Villen im Dorf, lebt Sun Bin. Der 64-Jährige ist braun gebrannt, wie es in China nur arme Bauern sind. Früher baute er Reis an, die Füße tief im Wasser. Jetzt sammelt er im Archiv des 1500-Einwohner-Dorfes Artikel über dessen Erfolge. "Wir leben im Paradies", verkündet er. Für die Gartenarbeit hat Sun Bin inzwischen Personal.

Haus B-29 gleicht den Nachbarhäusern wie ein Blatt Papier dem anderen. Die Säulen am Eingang sind römischen Villen nachempfunden. Das rote Ziegeldach könnte aus einer deutschen Kleinstadt stammen. Hat ein einziger Architekt alle Häuser hier entworfen? "Es war der alte Vorsitzende persönlich", sagt Sun Bin mit feierlicher Stimme. "Der alte Vorsitzende" - diesen Begriff werden wir in den nächsten Tagen in Huaxi noch oft hören.

Sun führt ins Wohnzimmer, das von einem Hitachi-Fernseher mit anderthalb Meter hohem Bildschirm beherrscht wird, einem von vier TV-Geräten in dem 500-Quadratmeter-Haus. Auf dem Klavier stehen nachgebaute kleine, alte Uhren. Wie der Kurator eines Schlosses zeigt Sun uns seine fünf Schlafzimmer, vier Bäder und vor allem seinen Fitnessraum. Die Familie entspannt sich auf einem Ledersofa der Hongkonger Luxusfirma Hennry Cardin. Im Sessel derselben Marke thront Sun Bins 33-jähriger Sohn Sun Haiyan, jetzt der Haupternährer der Familie. Wie alle Bauern von Huaxi macht er sich die Hände nicht mehr schmutzig.

Chinesische Gastarbeiter

Für die Arbeit hat der Ort Huaxi 50.000 Gastarbeiter aus anderen Teilen Chinas angeworben. Für die Einheimischen wurden Plätze in der Verwaltung geschaffen. Sun Haiyan etwa ist "Vizepräsident für spirituelle Zivilisation". Worin genau besteht seine Arbeit? Er gibt ein Beispiel: "Wenn Männer im Sommer mit nacktem Oberkörper auf die Straße gehen, fordern wir sie auf, sich etwas überzuziehen." Seine 32-jährige Frau gehört zum Management der Textilfabrik, seine 57-jährige Mutter arbeitet im Reisebüro, das auch Touren nach Deutschland organisiert.

Und so begann der Aufstieg Huaxis: Als sich China Ende der 70er Jahre wirtschaftlich öffnete, baute das Dorf eine Fabrik, die Sprühbehälter für Düngemittel produzierte. Vom Staat gab es zinsgünstige Kredite. Die Dorfgemeinschaft investierte die Gewinne in einen Gewerbepark. Die Abnehmer waren nicht weit. Bis Shanghai sind es nur 105 Kilometer. Mittlerweile stehen in dem Dorf 80 Betriebe, darunter ein Stahlwerk, das jährlich eine Million Tonnen produziert. Kupferrohre werden hier hergestellt, Kabel und Fensterrahmen aus Aluminium, Polyesterstoffe und Chemikalien.

Dorfunternehmen an der Börse

Das Dorf hat eine eigene Zigarettenmarke, eigenen Rotwein und Schnaps. 1999 gingen diese Unternehmen als Holding an die Börse von Shenzhen, was neues Kapital brachte. Jeder der 1500 alteingesessenen Bewohner ist an der Holding (Umsatz 2005: 2,6 Milliarden Euro) beteiligt. Wer von Huaxi fortzieht, verliert alles. Verkaufen lässt sich das Eigentum an den Produktivmitteln nicht.

"Der alte Vorsitzende hat das Glück in unser Dorf gebracht", erklärt Familienoberhaupt Sun Haiyan. "Wir lieben ihn aus tiefstem Herzen." Wie einst der Vorsitzende Mao seine kleine rote Bibel, so hat auch der alte Vorsitzende ein Buch veröffentlicht. Bei Familie Sun steht es im Regal, wie bei allen Dorfbewohnern. Der alte Vorsitzende hat einfache Lehren formuliert, etwa die von der "sechsfachen Liebe": "Liebe die Partei, liebe das Vaterland, liebe unser Dorf, liebe die Familie, liebe die Freunde, liebe dich selbst."

Der "alte Vorsitzende" hat kein Büro

Nun wollen wir den alten Vorsitzenden in seinem Büro besuchen. "Er hat kein Büro, er ist immer beim Volk", sagen die Dorfbewohner. Der alte Vorsitzende, so heißt es, ist 79 Jahre alt, bekleidet als Rentner kein öffentliches Amt mehr, war nie der Bürgermeister des Dorfs, aber bis vor drei Jahren Ortsvorsitzender der Kommunistischen Partei - und der steht in China über dem Bürgermeister.

Über die Villen ragt eine 15-stöckige Pagode mit einer Spitze aus purem Gold. Der alte Vorsitzende ließ sie bauen als Zeichen seines Erfolges. Das Kaufhaus im Erdgeschoss verkauft Freizeitkleidung. Die Marke heißt "Wu Renbao" - so wie der alte Vorsitzende. In einer Vitrine liegen Briefmarken mit seinem Bildnis. Die Hotelsuiten in der Pagode beherbergten Chinas ehemaligen Staatspräsidenten Jiang Zemin und den früheren Regierungschef Li Peng. Vor vielen Jahren besichtigte auch der kambodschanische Völkermörder Pol Pot das Dorf.

Der Sitzungsraum der Pagode wirkt mit seinen pompösen Sesseln und seinen Wandmalereien wie eine Miniaturkopie der Großen Halle des Volkes in Peking, in der chinesische Führer Staatsgäste empfangen. Tee wird gereicht für den neuen Parteivorsitzenden im Dorf, Wu Xie'en, ein 42-Jähriger im Polohemd. "Der alte Vorsitzende hat den Weg gewiesen", sagt er, "sein Sieben-Stufen-Plan zur Erlangung von Reichtum brachte uns nach vorn. Der alte Vorsitzende hat mehr Sturm und Regen erlebt als wir alle zusammen." Bei seinen Lobpreisungen erwähnt er nicht, dass der alte Vorsitzende sein eigener Vater ist.

Nicht so gut auf den alten Vorsitzenden zu sprechen sind die Gastarbeiter. Sie erarbeiten den Wohlstand von Huaxi, aber sie besitzen keine Anteile an der Dorf-Holding. Ellbogen an Ellbogen nähen 800 zugewanderte Frauen in der Kleiderfabrik des Dorfs. "Ich komme hier auf bis zu 1000 Yuan im Monat" (etwa 100 Euro), sagt die 33-jährige Yang Shihui. Während sie spricht, befestigt sie die Schnalle eines Gürtels, Zeit ist Geld, sie arbeiten im Akkord. "Ich bringe doppelt so viel nach Hause wie in meinem Heimatort. Aber das Leben hier ist hart - wir haben 30 Arbeitstage im Monat und nur einen Tag frei."

Schuften für die Dorfbewohner

Vor der Pagode trifft sich nach Feierabend die Arbeiterjugend: "Hier ist nichts los, Kneipen und Discos haben abends geschlossen, weil der alte Vorsitzende sie nicht mag", klagt einer. Ein anderer sagt: "Wir schuften für die Dorfbewohner. Das Leben besteht für uns nur aus Arbeit." Auch sie fahren 30 Schichten im Monat, mit einem Tag Erholung. "Nur mit guten Beziehungen zum alten Vorsitzenden kann man hier etwas werden", behauptet eine junge Frau, die als Hilfskraft im Stahlwerk arbeitet. In seltenen Fällen können Gastarbeiter zu Einwohnern von Huaxi mit allen Rechten werden und einen Anteil an der Holding bekommen. Voraussetzung dafür: "Sie müssen Huaxi lieben." Die Parteileitung entscheidet, wer dieses Kriterium erfüllt.

In Huaxi gehören die Kapitalisten der Kommunistischen Partei an. Heute demonstrieren sie - nicht zu Fuß, sondern in Toyota-Kleinbussen. An der Spitze, noch vor der Polizeieskorte, fährt ein schwarzer Mercedes 600, am Steuer sitzt eine hübsche junge Frau. Sie chauffiert, so munkelt man, den alten Vorsitzenden. Die Genossen fahren zum Nationalitäten-Palast. Als drinnen dann die "Internationale" angespielt wird, erheben sich alle: "Wacht auf, Verdammte dieser Erde". Bei der zweiten Strophe, "es rettet uns kein höh'res Wesen", gibt ein alter Mann auf der Ehrentribüne mit der Faust ein Zeichen. Die Musik bricht ab. Kein Zweifel, nur einer hat hier solche Befugnisse: Es ist der alte Vorsitzende.

Kommunist mit goldener Rolex

"Arbeit ist großartig", besagen die Schriftzeichen auf dem Transparent über den Versammelten. "Parteimitglied zu sein ist noch großartiger. Am großartigsten ist es, ein Mustermitglied der Partei zu sein." Der alte Vorsitzende verleiht heute 345 Genossen den Titel "Mustermitglied", darunter auch Sun Haiyan, dem Oberhaupt der Sun-Familie, wegen seiner Verdienste für die spirituelle Zivilisation. Wie alle anderen Mustermitglieder trägt er eine rote Schärpe.

Der alte Vorsitzende steigt von der Tribüne. Seine Zähne sind vom Rauchen geschwärzt. An seinem Handgelenk glänzt eine goldene Rolex, er trägt weiße Socken. Er spricht die örtliche Jiangyin-Sprache, sein Sohn und Nachfolger übersetzt ins Hochchinesisch. Wir fragen: Warum arbeiten die Gastarbeiter im kommunistischen Musterdorf Huaxi 30 Tage im Monat? Er antwortet: "Die Chinesen fürchten keine Überstunden. Sie fürchten, die Überstunden könnten wegfallen, denn dann verdienen sie weniger."

Der alte Vorsitzende gibt sich bescheiden: "Ich war gar nicht so ein guter Vorsitzender, wie alle behaupten. Der neue Vorsitzende hat mich bereits übertroffen." Sein Sohn lächelt.

Sonst verdienen Bauern 210 Euro - im Jahr

Zurück im Haus der Musterfamilie Sun: Ohne zu klingeln, betreten Besucher die Villa. 40 Touristen aus der Provinz Sichuan im Westen Chinas bestaunen das Haus. Wo sie herkommen, verdienen die Bauern im Schnitt umgerechnet 210 Euro - nicht im Monat, im Jahr. Der Reiseleiter sagt: "Beachten Sie den Wohlstand unserer Bauern in Huaxi. Auch Sie können so leben, wenn Sie unsere Erfahrungen studieren und die Lehren des alten Vorsitzenden beherzigen."

Während in den Städten Chinas immer mehr Bürger im Wohlstand leben, wachsen die Armut und der Unmut auf dem Lande. Die Regierung braucht erfolgreiche Musterdörfer. Deshalb fördert sie Huaxi. 1,2 Millionen Chinesen kommen jährlich in das Dorf, um "von den Erfahrungen zu lernen". Hier stehen schönere Häuser und fahren mehr Autos als irgendwo sonst im ländlichen China.

Paradies mit dunklen Flecken

Doch manches wirkt wie eine Show. Der Flachbildfernseher der Suns ist nicht angeschlossen, die Familie muss erst die Steckdose suchen. Die elfjährige Tochter Sun Xi kann nicht auf ihrem Klavier spielen. Die Suns wissen nicht, wie man die Fitnessgeräte benutzt. Schlafräume und Badezimmer sind so rein und aufgeräumt, dass man sich fragt, ob die Familie vielleicht in einer der benachbarten Villen wohnt und nur zu Vorführzwecken ins Haus B-29 kommt.

Vom Ruhm des Dorfs kündet auch der Triumphbogen am Rand der Villensiedlung. Steht der nicht in Paris? Da auch, aber der alte Vorsitzende ließ ihn nachbauen, ebenso wie das Pekinger Tor des Himmlischen Friedens und ein zehn Kilometer langes Stück der Chinesischen Mauer.

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