Massenproteste Dammbruch für Deutschland


Weil Mercedes-Benz 500 Millionen Euro einsparen will, legten am Donnerstag 60.000 Beschäftigte ihre Arbeit nieder. Nun denkt auch Opel über ein millionenschweres Sparpaket nach.

Die Wortwahl fiel eindeutig aus und sie war nicht von Zurückhaltung geprägt: "Es ist Krieg", "Knallharte Erpressung", "Es kotzt mich an" – als in der Nachtschicht die ersten Arbeitsniederlegungen begannen, die Angestellten Fackeln trugen, war noch nicht abzusehen, dass am Donnerstag bundesweit 60.000 Arbeiter lautstark und deutlich gegen die Einsparpläne bei der DaimlerChrysler Sparte Mercedes-Benz protestieren würden.

Vor den Beschäftigten des größten Mercedes-Werk in Sindelfingen, die zum Teil schwarze T-Shirts mit der Aufschrift "DaimlerChrysler-Erpresswerk" trugen, sagte Gesamtbetriebsratschef Erich Klemm: "Das sind keine Verhandlungen, das ist der Versuch einer knallharten Erpressung." Offenbar gehe es nicht mehr um Einsparungen, sondern um einen Generalangriff auf Tarifverträge.

Die DaimlerChrysler Führungsetage will 500 Millionen Euro Personalkosten einsparen. Geschehe dies nicht, sollen vor allem in Sindelfingen bis zu 6.000 Stellen wegfallen und nach Bremen und Südafrika verlagert werden. Der Streit dreht sich außerdem um höhere Schichtzulagen für die Beschäftigten in Nordwürttemberg-Nordbaden sowie um längere Pausen. Strittig ist zwischen Arbeitgebern und IG Metall, ob die Sparpläne vom jüngsten Flächentarifvertrag der Metallbranche gedeckt sind. Verdi-Chef Frank Bsirske erklärte, der Ausgang des Streits werde über die Zukunft des Flächentarifs entscheiden.

Vorstand Schrempp ist zuversichtlich

Vorstandschef Jürgen Schrempp äußerte sich auch. Und er ist zuversichtlich: "Wir sind zwar in schwierigen Verhandlungen, aber ich sage ihnen voraus, dass wir am Schluss eine von beiden Seiten getragene Vereinbarung finden." Allerdings versuchte Schrempp Verständnis für die Gefühlslage der Beschäftigten zu zeigen. Nur brauche das Unternehmen wegen des scharfen Wettbewerbs mehr Flexibilität bei den Kosten. DaimlerChrysler stehe aber zum Standort Deutschland und Baden-Württemberg. "Wir haben eine hervorragende Chance, die Arbeitsplätze in Deutschland zu halten".

Nachdem bereits Siemens mit der Drohung von Produktionsverlagerungen an zwei Standorten die Rückkehr zur 40-Stunden-Woche durchgesetzt hatte, befürchten Gewerkschafter einen weit über DaimlerChrysler hinaus reichenden Dammbruch, sollte auch der Autokonzern Erfolg mit der Streichung bisher tarifvertraglich vereinbarter Leistungen haben.

Siemens und DaimlerChrysler sind nicht die einzigen, die eine schärfere Gangart im Umgang mit den Beschäftigten einlegen. Auch Opel sieht sich gezwungen "die Lohnstückkosten im zweistelligen Prozentbereich senken zu müssen", wie sagte der frühere Opel-Chef und jetzige stellvertretender Europa-Chef von Opel-Mutter General Motors, Carl-Peter Forsters, sagte.

Der Manager forderte Einsparungen von über 100 Millionen Euro pro Jahr aus den Organisationsänderungen in allen GM-Werken in Europa. Gleichzeitig lehnte er einen Beschäftigungspakt für die 35.000 deutschen Mitarbeiter ab, in dem der Konzern sich zum Verzicht auf betriebsbedingte Kündigungen verpflichten würde. Laut Forster wird Beschäftigung dadurch gesichert, dass die Werke wettbewerbsfähig werden. "Wir sind in unseren deutschen Werken in den Stückkosten nicht wettbewerbsfähig", sagte er am Rande einer Produktvorstellung.

Diese Argumentation aber wollen sich die Angestellten in der Automobilbranche nicht beugen. Zumindest nicht von Mercedes. In der Nacht zum Freitag wollen in Stuttgart-Untertürkheim tausend Beschäftigte vorübergehend die Arbeit niederlegen. Am Samstag soll dort erneut eine gesamte Schicht ausfallen.

DPA/AP/Reuters AP DPA Reuters

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