MEDIEN Kirch kämpft um sein Lebenswerk


Obwohl gesundheitlich angeschlagen, versucht Leo Kirch in letzter Minuten den Untergang seines Imperiums zu verhindern. Die Frage ist: Läßt man ihn?

Leo Kirch kämpft um sein Lebenswerk. Trotz gesundheitlicher Probleme versucht der Unternehmer, den Untergang seines Medienimperiums in letzter Minute zu verhindern. In der Vergangenheit hat er das in brenzligen Situationen immer geschafft. Doch diesmal scheint es auch für den gewieften Kirch kaum noch einen Ausweg der Krise zu geben. Die Banken haben große Zweifel dran, dass der 75-jährige die schwerste Krise seiner Unternehmensgruppe meistern kann. Bei ihrer Rettungsaktion wollen sie laut »Handelsblatt« möglicherweise sogar ohne den Steuermann Leo Kirch auskommen. Der Konzernchef soll laut Spekulationen in Finanzkreisen aus dem Unternehmen gedrängt werden. Für Kirch wäre dies die schwerste Niederlage seines Lebens.

Anteilsverkauf löst Geldprobleme nicht

Derzeit versucht Kirch von seiner Ismaninger Firmenzentrale aus, das Heft das Handelns in der Hand zu behalten. Der 75-Jährige sei sehr aktiv und jeden Tag in seinem Büro, heißt es. Mittlerweile ist Kirch, der sich immer auch als Verleger sehen wollte und jahrelang um eine Mehrheit bei Springer kämpfte, sogar zu einem Verkauf seines 40-Prozent-Pakets am Springer-Verlag bereit. Die Verhandlungen mit einer Finanzgruppe sind gut vorangekommen, berichtete die »Financial Times Deutschland«. Auch wenn der mögliche Kaufpreis mit gut einer Milliarde Euro hoch sein soll und Kirch als nicht sehr emotional gilt, dürfte ein Verkauf der Springer-Beteiligung Kirch schmerzen. Zumal seine Finanzprobleme damit bei weitem nicht gelöst sein dürften.

Säule der TV-Landschaft

In seiner Laufbahn als Unternehmer hat Kirch schon viele Rückschläge eingesteckt. Bereits Anfang der 60er Jahre stand sein noch junges Unternehmen zum ersten Mal auf der Kippe. Damals hatte er auf Pump ein Filmpaket gekauft und musste um einen Käufer bangen. Schließlich nahm die ARD Kirch das Paket ab - und machte Kirch damit den Weg für die weitere Expansion frei. Inzwischen zählt die KirchGruppe zu einem der wichtigsten Zulieferer der europäischen Filmbranche. Neben einer Spielfilm-Sammlung mit über 10.000 Titeln und rund 40.000 Stunden Serien gehören ihm heute die Sender ProSieben, SAT.1, N24 und DSF. Zudem sicherte sich Kirch für 3,4 Milliarden DM die Übertragungsrechte für die Fußball- Weltmeisterschaften 2002 und 2006.

Risikobereit bis zuletzt

Ende der 80er Jahre musste Kirch nochmals um die Existenz seines Medienimperiums fürchten. Damals wurde er in letzter Minute von Metro-Gründer Otto Beisheim gerettet, der ihm für eine dreistellige Millionensumme einen Teil seines Filmstocks abkaufte. Seine Risikobereitschaft hat Kirch trotzdem nie verloren. Bis heute bemüht er sich vergeblich, dem verlustreichen Bezahlsender Premiere World mit Milliardeninvestitionen auf die Beine zu helfen. Inzwischen droht Premiere zum Fallstrick für den ganzen Konzern zu werden. Die Schuldenlast der Gruppe wird auf bis zu sechs Milliarden Euro beziffert. Möglicherweise wird Premiere am Ende der Neuordnung ganz an den anglo-australische Medienmogul Rupert Murdoch fallen. Trotz der Milliardenverluste dürfte dies Kirch genauso hart treffen wie ein Verkauf der Springer-Anteile. Ihm bliebe damit fast nur noch das Kerngeschäft rund um das frei empfangbare Fernsehen und den Filmerechtehandel.

Öffentlichkeitsscheues Wild

Die akute Finanzkrise hat Kirch sichtlich mitgenommen. Der Firmenchef würde angeschlagen aussehen, sagt ein Verhandlungspartner. »Kirch hat Angst um sein Lebenswerk.« Gesundheitlich sei es Kirch aber schon schlechter gegangen, heißt es. Während Kirch bei seinen Geschäftspartnern als gewieft, unersättlich und risikobereit gilt, zeichnen seine Freunde ein anderes Bild. Sie schätzen ihn für seine Loyalität, seine Intelligenz und seinen Charme. Ein eigenes Bild können sich nur wenige von Kirch machen. In der Öffentlichkeit lässt er sich fast nie blicken. Auch in diesen Krisentagen meldete sich Kirch, der nur alle paar Jahre ein Interview gibt, nicht persönlich zu Wort. Die Finanzkrise der Gruppe musste Vize Dieter Hahn am Wochenende öffentlich einräumen.

Banken überlegen Auffanggesellschaft

Branchenkreise gehen davon aus, dass Leo Kirch zur Rettung seines Unternehmens nun dringend versucht, Konzernbeteiligungen zu verkaufen. Als andere Optionen gelten der Einstieg eines ausländischen Großinvestors oder eine gemeinsame Rettungsaktion der Gläubigerbanken. Beides ist aber noch nicht in Sicht. In der öffentlichen Diskussion ist in den vergangenen Tagen auch eine nationale Auffanglösung für Kirch unter Beteiligung der Politik für möglich erachtet worden. Die Bundesregierung sieht sich nach Aussage ihres Sprechers Uwe-Karsten Heye dabei aber nicht als Akteur. Angeschoben wurden diese Spekulationen, nachdem sich jüngst der Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Rolf Breuer, öffentlich in New York zur Problematik der Kirch-Gruppe geäußert hatte. Das größte deutsche Geldhaus gehört zu den wichtigsten Gläubigern von Kirch.

WAZ, Murdoch keine Wunschpartner

Die am Springer-Anteil der finanziell angeschlagenen Kirch-Gruppe interessierte Verlagsgruppe »Westdeutsche Allgemeine Zeitung« (WAZ) hat nach Angaben aus Branchenkreisen keine Chance, die zu einer Übernahme notwendige Zustimmung von Springer zu bekommen. Auch der Medienzar Rupert Murdoch mit seinem Konzern News Corp, die Bertelsmann AG und der Münchner Burda-Verlag sind keine Wunschpartner für Springer, heißt es in Hamburger Branchenkreisen. Der Springer-Verlag lehnte einen Kommentar ab.

Springer hat Mitspracherecht

Die Springer-Anteile sind so genannte vinkulierte Namensaktien, so dass die Gesellschaft einem Eigentümerwechsel zustimmen muss. Die Witwe des Verlagsgründers Axel Springer, Friede Springer, will ihren Mehrheitsanteil an dem Verlag in jedem Fall behalten. Sie kontrolliert 50 Prozent plus elf Aktien des »Bild«-Herausgebers, an dem Kirch 40,3 Prozent hält. Eine Einflussnahme anderer Gesellschafter bei Springer ist deshalb nicht möglich, da Friede Springer als Mehrheitsaktionärin auch über die Erteilung von Mitbestimmungsrechten und Aufsichtsratsposten entscheiden kann.


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