HOME

Michail Chodorkowskij: Der Sturz des Ölprinzen

Der reichste Mann Russlands war er schon. Dann wollte Michail Chodorkowskij auch noch politische Macht - und wurde Präsident Putin zu gefährlich. Es kam zum Showdown im Kampf der neuen Bosse und der alten Apparatschiks.

Vor einem Jahr saß Olga Kryschta Nowskaja, 45, an ihrem Computer und starrte Löcher in die Luft. Die Soziologin an der Russischen Akademie der Wissenschaften suchte einen Titel für ihre Studie über Putins Elite. Monatelang hatte sie Biografien der neuen Herren im Kreml, in Regierung und Parlament studiert. "Es glich einer regelrechten Invasion", sagt Olga Kryschtanowskaja. "Heute ist mindestens jeder vierte Entscheidungsträger in unserem Land ein Mann aus den Geheimdiensten oder der Polizei." Mit einem Mal wusste Olga, wie sie ihre Arbeit betiteln musste: "Silowiki" - die Männer der Sicherheitsapparate, vor allem aus dem ehemaligen KGB.

Die Angst, dass man sich jederzeit holen kann

Heute wäre wohl kaum eine Zeitung bereit, eine solche Studie zu drucken. Nur wenige russische Journalisten trauen sich noch, Interviews mit der Soziologin zu publizieren. "In den vergangenen Tagen ist etwas Furchterregendes passiert", sagt Kryschtanowskaja. "Wir waren voller Optimismus. Wir glaubten, endlich könnten wir für eine Zukunft leben. Doch jetzt hat innerhalb weniger Tage ein Putsch in der Seele der Menschen stattgefunden. Diese lähmende Angst, die wir überwunden glaubten, ist wieder da. Die Angst, dass man dich jederzeit holen kann, wenn es jemand da oben will."

So wie sie ihn holten, den mehrfachen Milliardär Michail Borisowitsch Chodorkowskij, 40, den reichsten Mann Russlands, Ölmagnat, Global Player. Es war ein bühnenreifer Coup, inszeniert in klassischer Mafia-Manier, mit monatelangen Vorwarnungen. Da wurde etwa ein von Chodorkowskij finanziertes Waisenhaus gestürmt, um nach Beweisen für Steuerbetrug zu suchen. Und in der Schule seiner zwölfjährigen Tochter Anastassija wollte man unter MG-Gefuchtel die Personalakte des Kindes beschlagnahmen. Doch Chodorkowskij wollte nicht hören. Er sagte sarkastisch: "Natürlich gibt es Fortschritt in Russland. Heute wird man nicht mehr von der Macht direkt verhaftet, sondern von abhängigen Gerichten."

"Hände hoch! Nicht bewegen!"

Am 25. Oktober gegen fünf Uhr morgens war er dran. Schwer bewaffnete Männer des Geheimdienstes FSB stürmten Chodorkowskijs gechartertes Flugzeug, das im sibirischen Nowosibirsk auf Weiterreise wartete. Seit Tagen war er in Russland unterwegs, um mit Gouverneuren über die Verantwortung des Großkapitals zu diskutieren. Sechs Wochen vor den Parlamentswahlen glich das einem Angriff auf den Kreml: Denn ohne die Unterstützung der Gouverneure gewinnt man in Russland keine Wahlen. "Hände hoch! Setzen! Nicht bewegen!", brüllten die Männer der Elite-Einheit Alfa, die sonst im Kampf gegen Terroristen eingesetzt wird. "Wir werden schießen!" Noch am selben Tag wurde Chodorkowskij nach Moskau geschafft und in Untersuchungshaft gesteckt.

Im "Spez-Isolator Nr. 4" der schmuddeligen Anstalt "Matrosenruhe" teilt er sich eine Zelle mit zwei Häftlingen. Rasch ließen die Behörden verlautbaren, dass er Kühlschrank und Fernsehen nutzen darf - für russische Verhältnisse ein Luxus. Er darf Zeitungen lesen und Lebensmittelpakete empfangen ("Maximal drei Kilo Wurst und drei Kilo Käse pro Lieferung"). Bekommt mittags Suppe aus Reis und Fleisch, abends gebutterten Brei. Und ganz gegen ihre Gewohnheit beeilte sich die Generalstaatsanwaltschaft auch, die Anklagepunkte gegen den "politischen Gefangenen" ("Wall Street Journal") zu veröffentlichen: In der Strafsache Nummer 18/41 wird Chodorkowskij von langer Hand und mit krimineller Energie geplante Steuerhinterziehung in Höhe von mehr als einer Milliarde Dollar vorgeworfen. Gegen weitere Mitarbeiter der Firma wird ermittelt, einige sitzen seit Monaten in Haft, unter anderem wegen Mordes. Hunderte Verfahren laufen gegen den Yukos-Konzern. In strengem Ton belehrte Präsident Putin per Fernsehübertragung sein Volk und die Welt: "Vor dem Gesetz ist jeder gleich." Er weiß, dass ihm niemand glaubt. In Übereinstimmung mit dem Gesetz kann man in Russland jeden verhaften.

Jeder weiß, er gab grünes Licht für den Showdown im Krieg um Macht und Milliarden, der wieder einmal ganz Russland verändern könnte. Es ist der Krieg des Machtapparates gegen ein neues, offeneres Russland. In dieser Schlacht stehen die Bataillone der Silowiki gegen das Geld der Oligarchen, auch "Syrjeki" genannt, die "Rohstoffler". Die Silowiki bilden Putins entscheidende Machtbasis. "Die stalinistischen Herrschaftsmethoden des Apparates haben sich nicht geändert", sagt der liberale Politiker Grigorij Jawlinskij.

Sie hassen die Oligarchen

Schon kontrollieren die grauen Männer die meisten Medien, das Parlament und die Wahlen, Richter und Staatsanwälte sowieso. Sie hassen die Oligarchen als Marionetten der USA und Israels. "Die wollen Russland doch nur zum Rohstofflieferanten machen", wütet ein Oberst des Geheimdienstes FSB. "Die Oligarchen sind keine nationalen Unternehmer. Man muss sie aus dem Land jagen. Diese liberalen Werte wie Privateigentum werden nicht bestehen bleiben. Öl kann doch jeder aus der Erde pumpen. Ordnung herrscht erst, wenn wir einen totalitären Kapitalismus errichtet haben."

Vor allem zwei Namen fallen, wenn es um den schleichenden Putsch im Kreml geht: Wiktor Iwanow und Igor Setschin, beide Putins Vertraute, beide ehemalige KGB-Bürokraten wie er. Als stellvertretender Leiter der Präsidialadministration ist der 53-jährige Iwanow für Kaderfragen zuständig. Er begann seine Karriere vor 26 Jahren beim KGB und leitete später die Wirtschaftsabteilung der Nachfolgeorganisation FSB. Igor Setschin, 41, arbeitete bereits für Putin, als der noch im Petersburger Bürgermeisteramt diente. Heute leitet er Putins Sekretariat.

Das System Putin

Zum System Putin gehören auch Verteidigungsminister Sergej Iwanow, ein KGB-Mann aus Petersburg. Geheimdienst-Chef Nikolaj Patruschew gilt ebenso als treuer Gefolgsmann wie die stellvertretenden Minister für Wirtschaft, Kommunikation, Presse und Justiz. Die stellvertretenden Leiter der Steuerpolizei - Männer aus dem Geheimdienst FSB. Innenminister Boris Gryslow kommt aus der Rüstungsindustrie. In den Provinzen wachen "Räte für Sicherheit" über die Gouverneure.

"Die Silowiki behaupten, sie seien nicht korrupt", sagt die Soziologin Kryschtanowskaja, "sie verstehen sich als Bruderschaft. Als das Kommando des Präsidenten. Diese Leute wollen ein anderes, autoritäres, militarisiertes Russland. Und Putin? Er ist sicher einer der liberaleren unter ihnen. Er will kein Despot sein. Aber er gehört zu ihnen. Letztlich denkt er wie sie."

"Das Problem liegt im System"

Auf der anderen Seite der Front stehen die unendlich Reichen wie Chodorkowskij, Einflüsterer der korrupten "Familie" um den ehemaligen Präsidenten Jelzin. Im Kreml waren sie bislang durch den mächtigen Leiter der Präsidialadministration Alexander Woloschin sowie durch Premierminister Michail Kasjanow vertreten. Sie kontrollieren die besten Unternehmen des Landes. Jetzt rufen sie nach dem Rechtsstaat, propagieren "Parlamentarismus". Ein Parlament von Oligarchen-Gnaden - doch immerhin ein Gegengewicht zu den Schattenmännern im Kreml. "Das Problem liegt im System", sagt die Politologin Lilija Schewzowa von der unabhängigen Moskauer Carnegie-Stiftung. "Wir haben keine Gewaltenteilung. Eine Machtbalance wird durch Absprachen zwischen herrschenden Clans hergestellt. Das ist die wichtigste Aufgabe des Präsidenten. Aber mit seiner Entscheidung, Chodorkowskij verhaften zu lassen, hat Putin dieses Gleichgewicht zerstört. Jetzt macht er sich zur Geisel seines eigenen Systems. Es wird eine Weile dauern, aber er muss einen Kompromiss suchen."

Der aber ist nicht vorgesehen. Die anstehenden Präsidentschafts- und Parlamentswahlen müssen gewonnen werden - eine demokratische Legitimation für Putin. Brav nahm der Leiter der Zentralen Wahlkommission Anfang September vor laufenden Kameras Putins Befehl entgegen, für die "Regulierung des Wahlprozesses" zu sorgen. Putin, der seine erste Wahl vor allem mit Hilfe der manipulierten Medien gewann, ließ das Staatsfernsehen faktisch gleichschalten.

Die Propagandamaschine arbeitet

Die Parlamentswahlen sollen dem Kreml eine Zweidrittelmehrheit bringen. Die braucht man für Verfassungsänderungen - etwa bei der Rücknahme von Privatisierungen. Schon arbeitet die Propaganda-Maschine: "Der Profit der Rohstoffunternehmen gehört dem Volk!", ruft der Innenminister. Und schon jetzt geht es auch um die Frage: Wer wird Putins Nachfolger im Jahr 2008? Einer von den Silowiki, die glauben, sie müssten das Land erneut ins Korsett der Angst stecken? Oder einer wie Chodorkowskij? Ein zum modernen Demokraten bekehrter Räuberkapitalist?

Putin und Chodorkowskij - beide wurden groß mit der typischen Doppelmoral des Sowjetmenschen, der tagsüber flammend den Kommunismus verteidigte und sich abends in der Küche zum Dissidenten soff. Beide machten atemberaubende Karrieren. Beide leise, blässlich, gnadenlos, mit harten Augen. Herrscher des Apparates der eine, Herr des größten Ölkonzerns der andere. Der eine aber, der Präsident, blieb ein Sowjetmensch.

Wladimir Putin träumte vom Leben als KGB-Spion. Wurde geformt vom Clan der "Tschekisten", die sich als Sowjetelite verstanden. Der ewige Klassenbeste Michail Chodorkowskij wollte schon als Kind Werksleiter werden. "Direktor", rief man ihm in der Schule hinterher. Während Leutnant Putin in der winzigen KGB-Außenstelle Dresden landete und jahrelang Akten studierte, beendete Michail Chodorkowskij sein Studium der Chemietechnologie als Bester. In seiner Funktion als stellvertretender Komsomol-Sekretär des Moskauer Stadtteils Frunse kassierte er die Mitgliedsbeiträge. Sein Wunsch, in einer Rüstungsfabrik anzuheuern, wurde aus "Sicherheitsgründen" abgelehnt - er hatte einen jüdischen Namen.

"Unser Idol ist das Kapital"

Es ist 1987, mit der "Beschleunigung" will Michail Gorbatschow das System verbessern. Chodorkowskij darf das "Zentrum der wissenschaftlich-technischen Kreativität der Jugend" gründen, eine Art kapitalistische Keimzelle mit Einzimmerbüro im Keller. Er lässt Matrjoschka-Puppen mit Gorbatschow-Porträts herstellen, die an Touristen verkauft werden. Importiert Brandy, später Computer, knüpft ein Netz guter Beziehungen. 1988 erhält er eine Lizenz zur Gründung einer Bank, die er später Menatep nennt. Mit der Verwaltung von Staatspapieren macht er Millionen, wird "ökonomischer Berater" des Premiers. "Unser Idol ist das Kapital", schreibt er einmal, "unser Ziel die erste Milliarde." Da ist er 27 Jahre alt.

Der Zusammenbruch der Sowjetunion bedeutet für KGB-Oberstleutnant Putin das Ende eines Lebenstraums. Trotzig beharrt er darauf, "ein Mann des Staates" zu sein. Chodorkowskij aber schießt weiter nach oben. Ungeklärt bis heute, ob Gelder der KP über seine Bank ins Ausland verschoben wurden. Schon 1994 gehört Chodorkowskij zu den Großen. Er besitzt Dutzende privatisierter Firmen, oft gekauft mit Investitionszusagen, die er skrupellos bricht. Er ist begeistert von der unverschämten Idee des Unternehmers Wladimir Potanin, dem notleidenden Staat Kredite zu gewähren - gegen das Recht, erst das Management zu übernehmen und später Eigentümer zu werden. Das System "Kredite gegen Aktien" funktioniert. Für lächerliche 309 Millionen Dollar luchst Chodorkowskij dem Staat die Aktienmehrheit der Ölfirma Yukos ab.

In einem beispiellosen Abkommen, dem "Davos-Pakt", schließen sich die Wölfe des russischen Business 1996 zusammen und finanzieren den bereits verloren geglaubten Wahlkampf des kranken Präsidenten Jelzin. Damals gelingt es ihnen in letzter Minute, die drohende Aussetzung der Wahlen durch die Hardliner um Jelzins Leibwächter Korschakow abzuwenden. Die Oligarchen retten ein winziges Stückchen Demokratie - und die Jahrhundertchance, sich das ganze Land unter den Nagel zu reißen.

"Der Staat ist mächtiger als die Wirtschaft"

Selbst aus der katastrophalen Finanzkrise im August 1998 schlagen die Oligarchen Profit. Während der Großteil der Bevölkerung über Nacht alle Ersparnisse verliert, lässt Chodorkowskij seine Bank Pleite gehen, die Yukos-Aktien abstürzen. Westliche Aktionäre - unter anderem die Westdeutsche Landesbank - lassen sich in Panik zu Niedrigstkursen auszahlen. Nur ein Jahr später gehört Yukos faktisch ihm allein. "Wenn mich der Premierminister bitten würde, von meinem Posten zurückzutreten, würde ich das sofort tun", tut er bescheiden. " So funktioniert Russland eben. Der Staat ist mächtiger als die Wirtschaft." Im Kreml sitzt ein neuer Präsident - auch Putin ist einer von Oligarchen Gnaden. "Das russische Großkapital hat sich einen neuen Direktor ausgesucht", sagt der Oligarch Boris Beresowskij, bevor er von Putin ins Exil gejagt wird.

Chodorkowskij versteht: Er muss seinen Konzern transparent machen, wenn er bei den ganz Großen mitspielen will. Auch aus der Schmuddelecke muss er raus, weg vom mafiosen Oligarchen-Image. Er heuert westliche Experten an, beruft US-Manager in seinen Vorstand. In seiner "Föderation für Internetausbildung" sollen in den kommenden fünf Jahren 250000 Lehrer den Umgang mit dem Internet lernen. Seine Stiftung "Open Russia" finanziert Universitäten und Menschenrechtsgruppen und leistet sich Henry Kissinger im Vorstand. Er unterstützt für sein "liberal-demokratisches Projekt" die Parteien, die nicht zum Putin-Lager gehören. Er sagt: "Wir müssen uns entscheiden, ob wir in ein totalitäres System zurückfallen. Ich gehe lieber ins Gefängnis als ins Ausland." Er weiß, das ist eine Kriegserklärung.

Nach der Fusion mit dem Konkurrenten Sibneft ist Yukos der viertgrößte private Ölkonzern der Welt. Fördert zurzeit 20 Prozent des russischen Öls. Macht mehrere Milliarden Dollar Reingewinn. Und zahlt fünf Milliarden Dollar Steuern pro Jahr - fünf Prozent des russischen Staatshaushaltes. Im Sommer dieses Jahres liegt Chodorkowskijs Privatvermögen bei acht Milliarden Dollar. Er lässt mit dem US-Giganten Exxon über eine Beteiligung verhandeln. Und dann zeigt er auch noch politische Ambitionen: "In vier Jahren höre ich auf mit meinem Job bei Yukos. Meine Zukunft liegt in Russland, in Russland allein."

Dieser Mann ist eine Bedrohung

In diesem Herbst sehen Putins Schattenmänner, dieser Mann ist eine echte Bedrohung. Er fügt sich nicht mehr. Und wenn er sich nicht mehr fügt, wird bald das ganze Land nicht mehr gehorchen.

Chodorkowskij hat sich ein Exemplar der russischen Verfassung in die Moskauer "Matrosenruhe" kommen lassen und verbreitet unerschütterlichen Glauben an die Macht des Rechts. Er verlasse sein Unternehmen, erklärt er. "Wir leben seit mehr als 1000 Jahren in einem Sklavenstaat", hatte der Untersuchungshäftling wiederholt gesagt. "Immer noch glauben wir, wir alle sind die Lakaien des Zaren. Diesem Staat sollen wir gefälligst unser Leben und das unserer Kinder opfern und uns darüber auch noch freuen."

Michail Borisowitsch Chodorkowskij ist längst zu groß geworden, um noch Sklave zu sein.

Katja Gloger / print