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Vom Saatgut bis zum Handel: So kontrollieren wenige Konzerne, was wir essen

Nestlé und Co. sind im Netz der Kritik von Verbrauchern ausgesetzt. Als Großkonzerne haben sie Einfluss darauf, was wir essen. Doch die Marktmacht haben sie nicht allein. Vom Saatgut bis zum Handel haben sehr wenige Firmen die Verbraucher in der Hand.

Nestlé, Monsanto und Co.

Was Verbraucher essen, wird von sehr wenigen Großkonzernen kontrolliert

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Die Nespressomaschine in der Küche, Vittel-Wasser im Kühlschrank, Maggi für die Soße, Mövenpick-Eis und Wagner-Pizza im Tiefkühler: Die Produkte von finden sich in vielen deutschen Haushalten. Insgesamt gehören 6000 Marken zum Imperium des Schweizer, in Deutschland landen davon rund 40 in den Supermarktregalen. Die Hilfsorganisation Oxfam kam in einer Studie Anfang des Jahres zu dem Schluss: Nur zehn Großkonzerne kontrollieren weltweit, was auf unseren Tellern landet. Einer davon ist das Unternehmen Nestlé.

Aber der Konzern ist nicht allein, denn nicht nur die Firmen, die Lebensmittel produzieren, haben Einfluss auf unsere Essgewohnheiten. Schon beim Saatgut kontrollieren Firmen, was überhaupt angebaut wird. So bündelt sich bei Bayer nach der Übernahme von Monsanto ein Drittel des globalen Marktes für kommerzielles Saatgut. Mit den Firmen DuPont-Dow und ChemChina­-Syngenta kontrollieren diese drei Konzerne rund 60 Prozent des Saatgut-Marktes. "Eine solche Marktmacht führt zu vermindertem Wettbe­werb: Mehr denn je könnten wenige Konzerne Produkte, Preise und Qualitäten diktieren. Für die Bauern wären die Folgen weniger Auswahl an Saatgut und weniger Vielfalt auf den Feldern", urteilt die Naturschutzorganisation Bund. "Mit der Kontrolle über das Saatgut erlangen die Konzerne Macht über einen Markt, der so existentiell ist wie kein anderer und den es immer geben wird: Menschen müssen essen."

Agrarrohstoffe von der ABCD-Gruppe

Doch mit der Saat ist es nicht getan, danach folgen die Firmen der sogenannten ABCD-Gruppe. Die Firmen ADM, Bunge, Cargill und Louis Dreyfus (daher der Name der Gruppe) kontrollieren 70 Prozent des Handels mit Agrarrohstoffen. Mais, Weizen und Soja stammen meist von diesen Herstellern. Das Problem, wenn die Marktmacht sich auf so wenige Firmen verteilt: Sie können Bauern die Preise diktieren, es gibt wenig Antrieb für Innovation. "Die ABCD-Gruppe ist bestens informiert über Ernten, Preise, Währungsschwankungen, Wetterdaten und politische Entwicklungen in allen Teilen der Welt. Tagtäglich laufen Informationen aus den Anbaugebieten bei ihnen ein, die von ihren Finanzexperten analysiert werden", heißt es im "Konzernatlas", der gemeinsam von der Heinrich-Böll-Stiftung mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung und Organisationen wie Oxfam, Bund und Germanwatch veröffentlicht wurde. "Alle vier Konzerne besitzen eigene Tochterunternehmen, die den Handel mit Agrarrohstoffen gegen Preisrisiken absichern und auf die spekulativen Geschäfte an den Warenterminbörsen, allen voran denen in Chicago, ausgerichtet sind", so der Konzernatlas.

 

Die Marktmacht der Supermärkte

Auch bei den verarbeiteten Lebensmitteln haben die Verbraucher wenig Auswahl - denn die Supermarkt-Landschaft in Deutschland ist überschaubar. Aldi, Edeka, Rewe und die Schwarz-Gruppe (Lidl und Kaufland) dominieren mit einem Marktanteil von 85 Prozent das Einkaufsverhalten. Was sie in die Regale räumen, wird gekauft. Sie beziehen die Ware bei bevorzugten Lieferanten, regionale Produzenten würden schnell von der Lieferkette ausgeschlossen, so die Autoren des Konzernatlas. Statt regional zu kaufen setzen sie auf Massenproduktion. "Wesentlich für die Marktmacht der Supermärkte ist ihre Größe. Je höher der Marktanteil der Supermarktkette, desto höher die Kontrolle über den Vertrieb der . Er kann bessere Bedingungen von Zulieferfirmen verlangen, und die Gewinnspannen werden größer", heißt es im Konzernatlas. "Der Druck auf Zulieferer wird durch unfaire Einkaufspraktiken verschärft: Sie müssen dafür bezahlen, dass ihre Produkte in den Regalen der Einzelhandelsunternehmen ausliegen und zur Finanzierung der Werbung und neuer Geschäfte beitragen. Den Druck geben Zulieferer über die Lieferkette bis zu den Erzeugern weiter." 

Frag Nestlé - oder auch nicht

Allerdings geben die Studienautoren auch einen Lösungsansatz vor - nämlich die Macht der Verbraucher, aber auch der Produzenten vor Ort. "In vielen Ländern wehren sich Menschen gegen eine Agrar- und Handelspolitik, die die Macht der Multis stärkt", heißt es im Atlas. So werden Protestaktionen in Peru, Indien und Burkina Faso aufgezählt. "Der weltweite Nestlé-Boykott von 1977 bis 1984 wegen dessen aggressiver Werbung für Babymilchpulver war die vielleicht erfolgreichste Aktion gegen einen Lebensmittel-Multi überhaupt", heißt es im Konzernatlas. "Nestlé änderte schließlich sein Vorgehen, ein Kodex der Weltgesundheitsorganisation WHO reguliert seither solche Werbung. Aber bis heute ist Nestlés Ruf beschädigt." Das erklärt, warum die Kritik an dem Schweizer Konzern bis heute auch im Netz nicht verhallt. Nestlé selbst hat dazu immer wieder Position bezogen. "Ja, wir haben in der Vergangenheit Fehler gemacht. Aber diese haben wir systematisch korrigiert und das direkte Gespräch mit Kritikern gesucht. Dass wir unserer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht werden, bestätigen uns auch unabhängige Organisationen", lässt der Konzern wissen. In dem Bereich "Frag Nestlé" stellt sich der Konzern den häufigsten Beschwerden und gibt Antworten - ganz transparent. Wer allerdings auf die Frage "Ist es richtig, Nestlé zu boykottieren?" klickt, bekommt eine Fehlermeldung. Die Seite kann nicht angezeigt werden.

(Update 25. September: Nestlé hat den kaputten Link repariert.)  

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