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Neuer BP-Chef Bob Dudley: Der schwierigste Job der Welt

Bob Dudley nimmt auf einem Schleudersitz Platz. Der Amerikaner wird neuer BP-Chef und Nachfolger des ungeschickten Tony Hayward. Seine heikle Mission: die Zerschlagung des Ölmultis verhindern.

Von Sebastian Huld

Die Stellenausschreibung klingt nicht gerade vielversprechend: "Suchen neuen Chef für den meistgehassten Konzern der Welt. Unsere Ressourcen gehen demnächst aus. Des Weiteren drohen Milliardenklagen, nachdem wir die vielleicht schlimmste Umweltkatastrophe überhaupt zu verantworten haben. Der Bewerber muss eine mögliche Zerschlagung des Konzerns aber unbedingt verhindern, da wir sonst Millionen Rentner, über 80.000 Beschäftigte und den Staat Großbritannien mit in den Abgrund ziehen." In etwa so klingt das Aufgabenprofil für den neuen Vorstandschef des Ölkonzerns BP. Der Amerikaner Bob Dudley ist der Mann, der sich diese Aufgabe zutraut.

Ersatz für den Totalausfall

Seit Tagen gab es Gerüchte, seit Dienstag steht fest: Der bisherige, und lange Zeit gefeierte Vorstandsvorsitzende von BP, Tony Hayward, tritt zum ersten Oktober zurück. Das Amt gibt er dann an seinen USA-Chef Bob Dudley ab. Dudley scheint tatsächlich wie geboren für die BP-Krise: Der Mann, der im Bundesstaat Mississippi aufgewachsen ist, ist schon jetzt Manager und Gesicht der Krise. Mit seinem Südstaatenakzent und seinem hemdsärmeligen Auftreten erreicht er die Amerikaner. Ganz anders als Tony Hayward, der es sich während der schlimmsten Tage der Ölkatastrophe schon mal eben gestattete, an einer Segelregatta teilzunehmen. Dann bekundete Hayward entnervt, er hätte gern sein altes Leben zurück. Hayward war als Krisenmanager und Kommunikator ein Totalausfall. Jetzt ist Dudley am Zug. Neuer Chef, neues Glück?

Dudley war bei BP schon immer zur Stelle, wenn es heikel wurde. Er übernahm die Verantwortung für schwierige Auslandsgeschäfte in Indien, Russland und China. Der Mann, der 1955 im New Yorker Stadtteil Queens geboren wurde, kennt die Ölbranche aus dem Effeff. Seit 30 Jahren arbeitet der studierte Chemie-Ingenieur in dem Business und weiß, wie man sich durchsetzen kann. Als Chef des russisch-britischen Joint Ventures TNK-BP musste er sich sogar einmal mit einem Konsortium russischer Oligarchen anlegen. 2008 verließ Dudley nach einem Besuch bei der Staatsanwaltschaft fluchtartig Moskau, weil ihm das Visum nicht verlängert wurde. Er soll "russische Gesetze missachtet" haben. Sicher ist: Der Mann hat Nerven.

Haywards Fehler korrigieren

Ironischerweise übernimmt Dudley jetzt den Job, den Hayward ihm noch 2007 vor der Nase weggeschnappt hat. Hayward seinerseits übernimmt den Posten in Russland. Wer meint, Hayward würde jetzt mit Schimpf und Schande vom Hof gejagt, irrt. Bis vor wenigen Wochen war der Mann noch der Star seiner Branche. Hayward war es, der das Unternehmen auf maximalen Profit getrimmt hat. Er hat die Tiefseebohrungen intensiviert, seine kurzfristige Profitorientierung war es aber auch, die im Konzern keinen Raum ließ für Sicherheitsdenken und teure Vorkehrungen für den Ernstfall.

Die Strategie schien aufzugehen: Im ersten Quartal 2010 meldete das Unternehmen einen Rekordgewinn von 5,6 Milliarden Dollar. Ein Profit, der auch dadurch erkauft wurde, dass Hayward die Diversifikationsstrategie seines Vorgänger Lord John Browne aufgegeben hat. Bis dahin wenig profitable Investitionen in erneuerbare Energien wurden gestoppt. Die Fokussierung auf das riskante, und in absehbarer Zeit endliche, Ölgeschäft nahm zu. Nach Angaben von Greenpeace leitet BP derzeit insgesamt 32 Ölförderprojekte in der Tiefsee. Damit steckt der Energiekonzern laut der Umweltschutzorganisation 20 mal soviel Geld in riskante Ölförderprojekte wie in erneuerbare Energien.

Bob Dudley muss nun die Folgekosten dieser Strategie ausputzen: Die gigantischen Folgekosten der Ölkatastrophe bezahlen und gleichzeitig die Investitionen in erneuerbare Energien erhöhen. Sonst steht das Kürzel BP wohl nur noch für "Bald Pleite".

Ein kurzer Blick in der Vergangenheit zeigt, die Opfer der Ölkatastrophe drohen leer auszugehen. Warum, lesen Sie auf der nächsten Seite.

Warum BP nicht sterben darf

Schon jetzt beziffert BP die Folgekosten der Explosion der Ölplattform "Deepwater Horizon" auf 32,2 Milliarden Dollar. Hierin ist der Entschädigungsfonds mit etwa 20 Milliarden Dollar enthalten. Auf den Rekordgewinn des ersten Quartals folgt deshalb ein Rekordverlust: 17 Milliarden Dollar. Niemand weiß, was auf den Konzern noch zukommt. Der "Sunday Times" zufolge plant BP aber, insgesamt 50 Milliarden Dollar aufwenden zu müssen. Die Unternehmen Andarko und Mitsui, die mit 25 beziehungsweise zehn Prozent an der explodierten Plattform beteiligt sind, sollen, wenn es nach BP geht, entsprechend mitbezahlen.

Seit Wochen wird spekuliert, ob BP angesichts der Entschädigungszahlungen die Zerschlagung droht. Schon jetzt hat das Unternehmen Teile seines US-Geschäfts für etwa sieben Milliarden Dollar verkauft. Es werden noch andere profitable Geschäftsteile veräußert. Doch eine Zerschlagung des Konzerns ist unwahrscheinlich. Denn die Rettung des Unternehmens ist, allen Lippenbekenntnissen zum Trotz Dudleys einzig wichtige Aufgabe. Und mit der britischen Regierung hat er einen starken Partner an seiner Seite. Nicht nur, dass BP Großbritanniens größter Steuerzahler ist und mit circa 80.000 Beschäftigten weltweit einer der wichtigsten Arbeitgeber. Am Öltropf von BP hängt auch die britische Finanzbranche: 44 Prozent der BP-Aktionäre kommen aus Großbritannien. Bei vielen Pensionsfonds macht BP den größten Posten im Aktienportfolio aus. Eine BP-Pleite könnte Hunderttausende in die Armut stürzen. Längst hat der britische Premierminister David Cameron bei US-Präsident Barack Obama dafür geworben, BP zu schonen. Schließlich, so Cameron, haben auch US-Fonds in das einstige Profitwunder investiert.

Vorbild "Exxon Valdez"

Angesichts dieser gewaltigen Aufgaben, die vor Dudley liegen, sollten sich die Küstenbewohner der USA nicht allzu sehr auf den freundlichen Mann aus Mississippi verlassen. Dudley wird künftig andere Sorgen haben als die Umwelt und den Arbeitsmarkt im Golf von Mexiko. Die Katastrophe gilt es für den neuen BP-Chef vor allem aus Imagegründen sauber über die Bühne zu kriegen. Anwohner und Natur drohen dagegen im Stich gelassen zu werden, wenn der Medientross erst einmal abgezogen ist.

Der "Weltspiegel" zeigte jüngst in einer beeindruckenden Reportage, wie es den Anwohnern der Prince William Meerenge ergangen ist. 1989 havarierte hier der Tanker "Exxon Valdez". Es war die bis dahin größte Ölkatastrophe. Der Ölkonzern Exxon versprach damals vollmundig, man werde für alle Kosten aufkommen und angemessene Entschädigungen zahlen. Als die Medien erst einmal abgezogen waren, begann das Tauziehen vor Gericht. Exxon stritt um jeden Penny. Die arbeitslosen Fischer der Region gingen am Ende jahrelanger Prozesse praktisch leer aus. Für die Investoren von BP ist das "Exxon Valdez" -Modell sicher ein Musterbeispiel guten, und vor allem kostengünstigen Krisenmanagements. Bob Dudley steht nun vor der Gewissensfrage, ob er das auch so sieht.

mit DPA/Reuters / Reuters