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Tod nach alternativer Krebstherapie: Ein Heilpraktiker. Ein Wundermittel gegen Krebs. Drei Tote.

Heilpraktiker Klaus R. behandelte Krebspatienten mit einem angeblichen Wundermittel. Drei Menschen starben kurz darauf. Polizei und Staatsanwaltschaft ermitteln nun auch in weiteren Fällen.

Ein Siegel verschließt die Tür des alternativen Krebszentrums in der Gemeinde Brüggen

Ein Siegel verschließt die Tür des alternativen Krebszentrums in der Gemeinde Brüggen

Seine Homepage sollte Ruhe und Zuversicht ausstrahlen: ein Sonnenuntergang über dem Meer in Orange- und Gelbtönen, glatt gewaschene Steine, die wie ein Weg zum Horizont führen. Klaus R., Betreiber des "Biologischen Krebszentrums Bracht" am Niederrhein, versuchte angenehme Assoziationen zu wecken – lieblichere als jene, die die nüchterne und sterile Schulmedizin den Kranken vermittelt hatte.

Dazu passten auch die Schlagworte, mit denen der Heilpraktiker seine Methoden pries: "alternative Krebsbehandlung", "Therapiemöglichkeiten auf biologischer Basis", "frei von chemischen Giften".

Doch mit der Ruhe und Zuversicht ist es nun vorbei in dem 7000-Einwohner-Ort Bracht, einem Teil der Gemeinde Brüggen. Das Praxisschild an dem roten Backsteinbau wurde abmontiert, nur die Dübel ragen noch aus der Wand. Heilpraktiker R. hat Berufsverbot im Landkreis Viersen, es laufen Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Krefeld wegen "fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung in mehreren Fällen"; die Ermittlungskommission "Brom" der Polizei Mönchengladbach sowie Gerichtsmediziner arbeiten an dem Fall.

Angeblich sollen weitere Todesfälle untersucht und zahlreiche Exhumierungen in Erwägung gezogen werden. Als die Ermittlungen begannen, stand R. verdattert vor seiner eigenen Praxistür und kam nicht mehr ins Haus. Die Polizei hatte vorsorglich die Schlösser ausgetauscht.

Verdeckte stern-Recherchen in der Krebsmittelbranche

Drei Patienten starben innerhalb kürzester Zeit

Ende Juli starben binnen vier Tagen drei Patienten, die zuvor im selben Zeitraum von R. behandelt worden waren: Leentje Callens, eine an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankte Belgierin, sowie die Niederländer Peter van O. und Joke van der K. Zwei weitere Erkrankte, die am selben Tag zur Therapie im Krebszentrum gewesen waren, hatten danach wegen Beschwerden ins Krankenhaus gemusst.

Sie alle sind offenbar von R. mit der Substanz 3-Bromopyruvat (kurz 3-BP) behandelt worden. Das Mittel hatte der 58-Jährige auf seiner Homepage als das "aktuell beste Präparat zur Tumorbehandlung" bezeichnet, als "effektiver als heutige Chemotherapeutika". "Nicht toxisch für gesunde Zellen", schonend für den Körper. Preis für eine zehnwöchige Krebsbehandlung: 9900 Euro.

Die Ermittlungen ausgelöst hatte der Tod der brustkrebskranken Joke van der K., einer 43-jährigen Mutter zweier Kinder aus dem niederländischen Wijk en Aalburg. Sie hatte nach der Behandlung unter Kopfschmerzen gelitten, war später nicht mehr ansprechbar gewesen und am 30. Juli im Krankenhaus in Mönchengladbach gestorben.

Bald nach ihrem Tod wurde den Ermittlern klar, dass zwei weitere Patienten, die auch in dem Zeitraum in Bracht behandelt worden waren, ebenfalls auffallend schnell verstorben waren: Der Architekt Peter van O., 55, aus dem niederländischen Apeldoorn war zwei Tage nach der Therapie tot. Seine Nachbarn erzählen, dass die 52-jährige Ehefrau Denise seinen Tod nicht verkraftet habe – sie beging zwei Wochen später Suizid. Auf ihrer weiß-beigen Trauerkarte steht: "Dein Rucksack war zu schwer. Du hast mit und für Peter gekämpft. Nun seid Ihr beiden wieder zusammen, wie Du es wolltest."

Am dritten Tag der Behandlung begannen die Probleme

Die Belgierin Leentje Callens, 55, ist der dritte Fall: Sie litt seit Oktober 2015 an Bauchspeicheldrüsenkrebs, hatte Chemotherapien und eine Operation hinter sich. "Klaus R. fanden wir im Internet. Beim Vorgespräch fragten wir ihn sehr genau nach 3-BP und möglichen Nebenwirkungen", erzählt Françoise Goedhuys, die Ehefrau der Verstorbenen. R. habe gesagt: Müdigkeit, mehr nicht. Das Mittel sei nicht schädlich, ohne Risiko.

Die ersten zwei Behandlungstage Ende Juli verliefen ohne Zwischenfälle. Die anderen Patienten in der Praxis seien Joke und Peter gewesen, so Goedhuys. "Aber nach der Behandlung am dritten Tag fühlte sich meine Frau, als ob sie ohnmächtig würde. Auch die anderen Patienten bekamen Probleme: Joke hat sich mehrfach übergeben, dann begann es bei Peter."

Auf ihre Nachfrage, was hier los sei, habe Klaus R. gesagt, er hätte die gleiche Dosis wie tags zuvor verabreicht, es könne gar kein Problem geben. Anstatt den Krankenwagen zu rufen, habe er die Patienten und Angehörigen vor die Tür gesetzt und "Wir sehen uns morgen" gesagt. "Meine Frau konnte nicht mehr laufen, die Koordination der Beine funktionierte nicht mehr", sagt Goedhuys.

Nach epileptischen Anfällen in der Nacht wurde Callens mit dem Krankenwagen aus dem Hotel in eine Klinik nach Nijmegen gebracht. "Die Ärzte dachten, es sei ein Schlaganfall oder eine schwere Hirnverletzung", sagt Goedhuys. Die Patientin hatte Flüssigkeit im Gehirn, fiel ins Koma und verstarb später auf der Intensivstation. "Plötzlich kamen Polizisten, der Staatsanwalt und Forensiker. Dann erfuhr ich: Auch Joke und Peter sind tot."

Aus diesen drei Todesfällen ergeben sich drängende Fragen: War die Behandlung mit 3-BPInfusionen durch den Heilpraktiker die jeweilige Todesursache? Woher bezog R. das Mittel – aus einer Apotheke in Deutschland oder aus den USA? Hat er aus dem Pulver selbst die Infusionen zusammengemischt, dabei "einen fatalen Fehler gemacht und eine zu hohe Dosis gewählt", wie der Niederländer André Hartel, ehemaliger Gründer des Biologischen Krebszentrums Bracht und zeitweiliger Kompagnon R.s, in der Zeitung "De Telegraaf" vermutet? Auf Anfragen des stern reagierte Klaus R. nicht.

In manchen Nachbarländern Deutschlands sind die Regulierungen zu alternativmedizinischen Heilmethoden wesentlich strenger als hierzulande, auch deshalb hatte R. eine Vielzahl von ausländischen Kunden. "Die Patienten, die in das Krebszentrum kamen, waren hauptsächlich Niederländer", erzählt Jan Krenzien, Inhaber der Dohlen-Apotheke in Bracht. "Das waren Krebspatienten, die sich an den letzten Strohhalm klammerten."

Fürs Internet ließ sich R. im Kittel fotografieren, wie ein Arzt, mit Stethoskop. Dabei ist er gelernter Werkzeugmacher, der an der Fachhochschule Gießen Medizintechnik studierte und danach bei wechselnden Arbeitgebern als Vertreter für Medizingeräte arbeitete. In keiner Firma blieb er länger als drei Jahre, behaupten ehemalige Kollegen. Er war verheiratet und galt als leidenschaftlicher Hobbykoch. Frühere Nachbarn beschreiben ihn als einen höflichen, tüchtigen Mann.

Aber es finden sich auch irritierende Facetten in seinem Leben: So engagierte er sich im Vorstand der Deutschen Patientengesellschaft, einer Organisation, die Abtreibung als Mord verunglimpft und Organspende als Organraub bezeichnet. Und ein ehemaliger Weggefährte charakterisiert R. so: "Er ist extrem von sich überzeugt. Wenn man ihn zur Rede stellte, meinte er immer, im Recht zu sein. Ich glaube nicht, dass er jetzt Schuldgefühle hat." Ein anderer Bekannter empfand ihn als notorischen Besserwisser und rechthaberischen Selbstdarsteller.

Mit über 50 Jahren ließ sich R. an der Heilpraktikerschule in Krefeld ausbilden. 2010 fiel er bei der Prüfung durch, im zweiten Anlauf bestand er sie. Um 2014 begann er, bei André Hartel im Krebszentrum zu arbeiten; später machte er dort allein weiter. Er lebt in Moers in einer 50-Quadratmeter-Wohnung, 370 Euro Warmmiete, und fährt ein über zehn Jahre altes Auto.

"Die Verabreichung als Infusion ist ein Unding"

3-BP, die Substanz, deren wundersame Wirkungen R. anpries, wird seit ein paar Jahren eine krebszerstörende Wirksamkeit nachgesagt. Tatsächlich erforschen einige seriöse Wissenschaftler den – keineswegs wie von R. propagierten "biologischen", sondern chemischen – Stoff, unter anderem an der amerikanischen Johns-Hopkins-Universität. Die Substanz hemmt den Abbau von Glukose und damit die Energieproduktion von Krebszellen, so der Erklärungsansatz. Allerdings: Bislang existieren nur tierexperimentelle Studien und Untersuchungen im Reagenzglas dazu.

Über die Anwendung am Menschen gibt es nur einzelne medizinische Fallberichte: Unter anderem verabreichte der Radiologe Thomas Vogl von der Universität Frankfurt am Main zusammen mit US-Wissenschaftlern einem 16-jährigen Patienten mit seltenem Leberkrebs die Substanz. Im Rahmen eines "humanen Heilversuchs" wurde das Mittel mehrmals lokal in jene Arterie gespritzt, die den Tumor versorgte. Das Geschwulst wurde zwar kleiner, der Patient verstarb dennoch zwei Jahre später.

Vogl warnt ausdrücklich vor der Verabreichung des Stoffs als Infusion. Zu den Geschehnissen in Bracht sagt er: "Es ist ein Unding, dass jemand diese Substanz, die man als Pulver in manchen Apotheken kaufen kann, einfach in eine Infusion gibt und dann in den Körper laufen lässt." Seiner Meinung nach dürfe 3-BP ausschließlich in wissenschaftlich kontrollierten Studien und nur lokal angewendet werden. "Ich hoffe, dass sich nach diesen Fällen prinzipiell etwas in Deutschland ändert: Es muss geprüft werden, wer welche medizinischen Handlungen vollziehen darf, wer beispielsweise Infusionen verabreichen darf", sagt er.
Politiker des nordrhein-westfälischen Landtags wollen nun einmal mehr die Gesetze für Heilpraktiker verschärfen. Das Heilpraktikergesetz stammt aus dem Jahr 1939 und öffnet immer wieder Tür und Tor für Scharlatane. Hierzulande dürfen Heilpraktiker ihren Kunden zwar keine verschreibungspflichtigen Arzneien, dafür aber alternative Mittel geben. Wenn Patienten korrekt aufgeklärt sind, steht es diesen frei, sich in Kenntnis aller Risiken für eine alternative Behandlungsmethode zu entscheiden.

Heilpraktiker ist kein Ausbildungsberuf, es gibt keine rechtsverbindliche Berufsordnung und keine staatliche Aufsicht über die Qualität der Ausbildung. Geprüft wird schulmedizinisches Wissen, nicht aber Wissen zu späteren Therapiegebieten. Zum Krebsspezialisten können sich Heilpraktiker selbst ernennen. Aber: Sie müssen in jedem Fall Infektionen und lebensbedrohliche Zustände erkennen – und den Arzt rufen.

So hätte es auch Klaus R. beim Auftreten der entsprechenden Symptome seiner Patienten machen müssen. Er tat es offenbar nicht.

Am Eingang seiner Praxis hängt derzeit ein DIN-A4-Zettel. Auf dem steht in englischer Sprache sinngemäß: "Aufgrund unvorhersehbarer Ereignisse ist die Praxis bis auf Weiteres geschlossen. Ich entschuldige mich für die Unannehmlichkeiten."

Der Artikel ist bereits am 25. August 2016 im stern (Ausgabe Nr. 35) erschienen und wurde zwischenzeitlich aktualisiert.

Anika Geisler, Andreas Endemann, Frank Gerstenberg, Kerstin Herrnkind, Matthias Lauerer

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