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Neuer IG-Metall Chef: Huber predigt Basisarbeit

Der neue IG-Metall-Chef Berthold Huber weckt wenig Begeisterung bei den Mitgliedern. Anstatt großer Visionen propagiert Huber die mühselige Kleinarbeit an der Basis. Der Unterschied zu Vorgänger Jürgen Peters könnte nicht krasser sein.

Von Doris Schneyink

Das Wort "Neoliberalismus" fällt in seiner 90-minütigen Rede kein einziges Mal. Auch kämpferische Floskeln wie "da müssen wir Druck machen, liebe Kolleginnen und Kollegen, das werden wir uns nicht bieten lassen" hört man von ihm nicht: Berthold Huber, der neue Erste Vorsitzende der IG-Metall, hat heute auf dem Gewerkschaftstag in Leipzig sein Zukunftsreferat gehalten.

Eine "differenzierte" Rede

Er hat wenig getan, um die Seelen der rund 500 Delegierten zu massieren. Statt der kraftmeierischen Sätze, wie man sie von seinem Vorgänger Jürgen Peters gewohnt war, hört man von Berthold Huber eher leise Töne. Eines seiner Lieblingsworte ist "differenziert". Bei der 35-Stunden-Woche müsse es "differenzierte" Antworten geben; bei der Rente bedürfe es "differenzierter" Ausstiegslösungen, anstatt dass alle bis 67 arbeiten.

Jürgen Peters war nie differenziert. Er liebte den starken Auftritt. Ballerte seine kurzen Sätze ins Publikum. Benannte mit schneidender Stimme stets den Feind, der Schuld an allem Elend hat. Auch Huber reitet Attacken gegen die Arbeitgeber, aber er übt sich durchaus in Selbstkritik: "Wir reden zu viel über die Menschen, anstatt mit ihnen. Wir dürfen keine Versprechungen machen, die wir nicht halten können", sagte er vor den Delegierten in Leipzig.

Mitgliederzahlen sind am wichtigsten

Das kann man als Hieb gegen Jürgen Peters verstehen, der 2003 einen Streik in Ostddeutschland für die Einführung der 35-Stunden-Woche organisierte - und verlor. Auch Huber will die IG-Metall wieder stärken. Aber er weiß, dass man keinen "Druck" machen kann, wenn die Basis weg bricht. Sein zentrales Anliegen ist es deshalb, wieder mehr Mitglieder zu gewinnen, gerade auch die gut qualifizierten Ingenieure und Programmierer.

"In der Mitgliederfrage geht es um alles für uns, nur unsere eigene Stärke zählt", sagte Huber. Die IG-Metall müsse handlungs- und streikfähig bleiben. Und wie ein Oberstudienrat diktiert er den 500 Delegierten dann die Hausaufgaben: Dort stärker präsent werden, wo Mitgliederpotenziale sind, sich bei jedem Schritt fragen ‚bringt das, was ich tue, Mitglieder?', Zielvereinbarungen abschließen, professioneller werden, sich schulen.

Kärrnerarbeit statt Visionen

Das alles hat nichts mit heroischem Klassenkampf zu tun, der in Jürgen Peters Visionen gewerkschaftlicher Arbeit immer wieder aufblitzte, nein, Huber entwirft ein ganz anderes Bild von Gewerkschaftsarbeit: "Sich für soziale Gerechtigkeit einzusetzen ist Kärrnerarbeit", so Huber.

Die Delegierten reißt es nicht gerade vom Hocker, sie applaudieren höflich. Huber bedient kaum Emotionen, er ist immer sachlich, redet viel von Tarifpolitik und den "differenzierten" Lösungen, die man in den Betrieben finden müsse.

Huber bleibt neutral

Er vermeidet es, auf die politische Parteien einzudreschen oder sich bei einer anzubiedern. Während Peters in Leipzig noch einmal betonte, dass es keinen Grund gebe "ausgerechnet die Linke unter Quarantäne zu stellen", sagt Huber nur lapidar: "Die Konzepte einer Partei müssen fürs 21. Jahrhundert taugen. Zurück in die Zukunft kann niemand reisen."

Vier Jahre lang haben Jürgen Peters und Berthold Huber die IG-Metall gemeinsam geführt. Nun hat der Pragmatiker die Macht übernommen und kann seine Konzepte für die IG-Metall umsetzen. Ob sie für das 21. Jahrhundert taugen, wird sich zeigen.