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Nobelpreisträger Stiglitz: Griechenland-Hilfe hilft den Deutschen

Lange hat die Bundesrepublik gezögert. Sie wollte Athen Hilfen nur unter harten Bedingungen gewähren. Doch mit dieser Haltung hat Berlin auch sich selbst geschadet, sagt der US-Nobelpreisträger Joseph Stiglitz.

Von Thomas Fricke und Mathias Ohanian, Cambridge

Deutschlands langer Widerstand gegen finanzielle Hilfen hat das Risiko einer griechischen Staatspleite erhöht. Damit ist auch das Risiko eines höheren wirtschaftlichen Schadens für die Deutschen selbst gestiegen. Davor hat am Wochenende der US-Nobelpreisträger Joseph Stiglitz gewarnt. Das politische Zögern animiere die Spekulanten sogar noch und treibe die griechischen Zinsen hoch. Dabei ließe sich eine Staatspleite am besten dadurch verhindern, dass Griechenlands Zinsen wieder auf normalere Niveaus sinken, sagte Stiglitz der "Financial Times deutschland" (FTD) am Rande der ersten Konferenz des Institute for New Economic Thinking (INET) in Cambridge.

Die Bundesregierung war zuletzt stark in die internationale Kritik geraten, weil sie lange gezögert hatte, Griechenland Hilfen zuzusagen. Zudem hat sie bei diesen auf "marktübliche Zinsen" gedrungen. Immerhin haben sich die Regierungen der Euro-Länder am Sonntag auf Hilfen für Griechenland zu Zinsen von etwa fünf Prozent einigen können.

Stiglitz befürchtet kein zweites Argentinien

Nach Stiglitz' Diagnose gibt es im Falle Griechenlands keinen objektiven Grund für eine Staatspleite, anders als es etwa bei Argentinien Anfang der 2000er-Jahre der Fall gewesen sei. Zwar seien die griechischen Staatsschulden mit 130 Prozent des Bruttoinlandsprodukts sehr hoch. Es gebe anders als etwa in den USA aber keine Finanzblase, die geplatzt sei und jetzt überwunden werden müsse.

Wenn Griechenland wirtschaftliche Probleme habe, dann vor allem als Folge der globalen Krise, die zwei wichtige Sektoren des Landes treffe: den Schiffbau und den Tourismus. Anders als bei einem ernsthaften Pleitekandidaten gebe es für Griechenland gute Chancen, dass sich die Lage in beiden Bereichen mit der globalen Erholung wieder bessert.

Stiglitz gab sich überzeugt, dass Griechenland bei niedrigen Zinsen deshalb auch keine Schwierigkeiten bekommen hätte, seine Staatsschulden zu bedienen. Den Grund für die Zuspitzung sieht der US-Ökonom denn auch in den spekulativen Attacken der Finanzmärkte. Und: Diese seien in den vergangenen Monaten noch dadurch animiert worden, dass die Regierungen der Euro-Zone und vor allem die Bundesregierung vor klaren Zusagen zurückgeschreckt seien. "Hätten die Euro-Partner rasch klargemacht, dass sie die spekulativen Attacken gar nicht zulassen, wären die Zinsen nicht so stark gestiegen", sagte Stiglitz. Dann hätte sich die Lage auch nicht so zugespitzt.

Was Regierungen tun können

In Zukunft sollten Regierungen spekulative Angriffe gleich im Keim ersticken. "Die Regierungen sollten klarmachen, dass sie mit Hilfen bereitstehen, falls die Märkte weiter so irrational reagieren und auf Staatspleiten wetten", sagte der Nobelpreisträger. Dies könne die Spekulanten bereits hinreichend abschrecken. Und selbst im Falle von notwendig werdenden Liquiditätshilfen müsse dies für die Deutschen nicht teuer werden. Im Gegenteil könne Deutschland das Geld mit den üblichen deutschen Zinssätzen plus eines kleinen Aufschlags verzinsen. Dann würden die Deutschen sogar einen Gewinn machen, und Griechenland könnte sich dennoch weit günstiger finanzieren, als es an den Märkten derzeit der Fall sei, so Stiglitz.

Andernfalls drohe der Euro-Zone und auch Deutschland ein herber wirtschaftlicher Rückschlag. Wenn die Finanzturbulenzen nicht gestoppt würden, könnten neben Griechenland auch andere Euro-Länder unter Druck geraten. Da viele Prognostiker im Jahresverlauf ohnehin eine konjunkturelle Verlangsamung erwarten, könnte dies schlimmstenfalls zu einem Rückfall in die Rezession führen, sagte Stiglitz.

Längerfristig sollten die Euro-Länder dringend eine Art Solidaritätsfonds einrichten, sagte Stiglitz. Dieser müsse dann dafür da sein, Ländern zu helfen, die an den Finanzmärkten unter Druck geraten, obwohl sie fundamental eigentlich gesund genug sind, um einer Staatspleite zu entgehen. Ähnlich hatte sich auf der INET-Konferenz in Cambridge auch der Chef des Internationalen Währungsfonds, Dominique Strauss-Kahn, geäußert. Er begrüßte Forderungen nach der Einrichtung einer europäischen Institution, die Staaten helfen könne, wenn sie akut unter den Druck der Finanzmärkte geraten.

FTD