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Ölpest und Lockerbie: BPs verwässerte Wahrheiten

Die Fehlschläge von BP nur als "PR-Desaster" zu bezeichnen, wäre verniedlicht. Neue Vorwürfe legen den Verdacht nahe, dass der Katastrophen-Konzern die Welt für dumm verkaufen will.

Von Dirk Benninghoff

Bislang ist der unglückliche Auftritt von BP im Golf von Mexiko häufig als "PR-Desaster" abgestempelt worden. Das Wort wird ohnehin arg überstrapaziert und ist im Fall BP erst Recht fehl am Platze. Deutet es doch an, dass der britische Konzern mit besserer Kommunikation blendend dastünde, zu allererst also an seiner schlechten Öffentlichkeitsarbeit leide. Angesichts des Ausmaßes der Katastrophe und des nicht endenden Reigens fehlgeschlagener Bemühungen könnte aber auch die weltbeste PR die Briten nicht als souveränen, fest zupackenden Krisenbewältiger verkaufen.

Und eine neue Geschichte aus dem BP-Katastrophenuniversum wäre mit dem Schlagwort "PR-Desaster" schlichtweg verniedlicht. So kommen für einen Vorwurf, den der Amerikanische Verband der Professoren erhebt, nur härtere Bezeichnungen in Frage: Vertuschung, Verschleierung, Betrug der Öffentlichkeit. In einem Interview mit der BBC sagte Verbands-Vertreter Cary Nelson, dass BP versucht habe, sich das Schweigen von Experten zu erkaufen. Angesichts zu erwartender Massenklagen im Golf von Mexiko hielt der Konzern es für opportun, so der britische Sender, von Wissenschaftlern in Verträgen zu verlangen, dass sie ihre Forschungen für BP nicht veröffenlichen. Zudem sollten sie drei Jahre nicht über die Ergebnisse sprechen.

Was lief mit den Wissenschaftlern?

Der Erdölgigant gab in einer Erklärung an die BBC an, mehr als ein Dutzend Wissenschaftler mit Fachkenntnissen zum Golf von Mexiko angeheuert zu haben. Das Unternehmen erlege Forschern aber "keine Beschränkungen dabei auf, über wissenschaftliche Daten zu reden". Bop Shipp, der Leiter der Meeresforschung an der Universität von South Alabama, sagte dem Sender, Anwälte von BP hätten ihn angesprochen und gleich seine ganze Abteilung gewollt. Als er die Grundregeln festgelegt habe, dass alle Daten der Wissenschaftsgemeinschaft frei zugänglich sein und unabhängig überprüft werden müssten, seien die BP-Vertreter aber schnell wieder abgezogen. Shipp: "Wir haben nie mehr von ihnen gehört."

Mehr als nur einen "Geschmack" hat auch das Vorgehen des Unternehmens an einer ganz anderen Front: Die Gerüchte, BP habe Druck auf die schottische Regierung ausgeübt, damit diese den Attentäter von Lockerbie vorzeitig aus der Haft entlässt, wollen nicht verstummen.

Der Fall Lockerbie

Angeblich wollte sich der Erdölkonzern so das Bohrrecht vor Libyen sichern. Abdel Basset al-Megrahi war im August 2009 acht Jahre nach seiner Verurteilung zu lebenslanger Haft vorzeitig aus dem Gefängnis in Schottland entlassen worden. Der Libyer Megrahi sei unheilbar an Krebs erkrankt, hatte Schottland damals erklärt. Bei dem Anschlag auf ein Pan-Am-Flugzeug, das 1988 über der schottischen Ortschaft Lockerbie abstürzte, waren 270 Menschen getötet worden.

BP hatte jüngst sogar eingeräumt, damals bei der britischen Regierung vorstellig geworden zu sein. Man sei besorgt gewesen, dass Verzögerungen bei der Freilassung ein Bohrvorhaben vor der libyschen Küste beeinträchtigen könnten. BP argumentiert, die Regierung in London sei vom Konzern zu einer Beschleunigung eines Abkommens über einen Gefangenenaustausch mit Libyen angehalten worden, um Aufträge in dem Land anbahnen zu können. Es sei aber niemals spezifisch um den Fall Megrahi gegangen.

Heikler Auftritt in Washington

BP-Chef Tony Hayward muss nun vor einem US-Ausschuss Rede und Antwort stehen, wie aus Senatkreisen in Washington verlautete. In mehrfacher Hinsicht dürfte der Auftritt am kommenden Donnerstag heikel werden für den Manager: Zum einen waren die meisten der Lockerbie-Opfer Amerikaner, entsprechend erbost waren viele US-Bürger, dass der Attentäter vorzeitig entlassen wurde. Zum anderen hat sich Hayward mit zahlreichen dummen Aussagen ("Die Folgen dieses Desasters dürften sehr, sehr mäßig sein") zu der Ölpest den Zorn der Amerikaner auf sich gezogen. US-Präsident Barack Obama jedenfalls machte schon einmal klar: Der Mann würde bei ihm keinen Job bekommen.

Eine weitere, am Donnerstag bekannt gewordene Panne dürfte mit "PR-Desaster" ebenfalls nur unzureichend umschrieben sein. Ein Unternehmenssprecher musste zugeben, dass mehrere Fotos vom Einsatz gegen die Ölpest manipuliert worden seien. Bislang war nur von einem bekannt, und das hatte schon für Spott gesorgt. Der Sprecher sagte CNN, ein Fotograf habe Bildbereiche eingefügt, die im Original nicht vorhanden seien. Nach Bekanntwerden der Manipulationen entfernte BP die Fotos von seiner Website. Das britische Unternehmen präsentierte jedoch "im Interesse der Transparenz" drei veränderte Fotos jeweils im Original und in der bearbeiteten Fassung im Internet-Fotoportal Flickr.

Bearbeiten Sie BP-Fotos!

Das zuletzt manipulierte Foto zeigt den Blick aus dem Inneren eines Hubschraubers. Im Original steht der Pilot mit seiner Maschine auf dem Deck eines Schiffs oder auf einer Plattform. In der veränderten Fassung ist dieser Teil des Hintergrunds entfernt. Damit sieht es so aus, als ob der Hubschrauber über Wasser fliegt und sich mitten in einem Einsatz befindet.

Das Online-Magazin gizmodo.com wies bei dem zunächst veröffentlichten Foto nach, dass es manipuliert wurde. Wenigstens diese Geschichte ist eine Lachnummer: Das Magazin ruft seine Leser auf, selbst Hand an BP-Fotos zulegen und sie mit einem Bildbearbeitungsprogramm zu verändern.

(mit Agenturen)