HOME

Opel-Aufsichtsrat im Interview: "Wir sind nicht Holzmann II"

Opels Existenz ist bedroht. Aufsichtsratmitglied Armin Schild hofft im stern.de-Interview auf den Einstieg eines weiteren Autokonzerns neben GM. Opel hätte gerade im Kleinwagenmarkt eine Zukunft. Eine Staatsbeteiligung sei kein verbranntes Geld. Schild: "Wir sind nicht Holzmann II."

Wie kann Opel gerettet werden?

Opel muss einen Sanierungsplan vorlegen. Aus meiner Sicht haben wir da gute Nachrichten gehört, als GM-Europachef Carl-Peter Forster die Öffnung für dritte Investoren bekannt gegeben hat. Das war bislang nicht der Fall. Auf dieser Grundlage muss jetzt ein zukunftsfähiges Geschäftsmodell entwickelt werden. Dazu muss eine Herauslösung aus dem GM-Konzern gehören - wenigstens ein Stück weit. Eine vollständige Herauslösung ist auf mittlere Sicht nicht nötig und nicht sinnvoll. Dazu sind die beiden Autokonzerne zu verwoben. Gegen gemeinsamen Einkauf, Forschung und Entwicklung spricht ja nichts. Aber die zentralistische Fernsteuerung des Unternehmens aus den USA hat sich nicht bewährt und muss beendet werden.

Was ist der Wert der Reise von Jürgen Rüttgers einzuschätzen?

Bei allem Respekt: Die Nachricht, dass GM bereit ist, mit einem dritten Unternehmen zusammenzuarbeiten, ist die wichtigste Nachricht. Bei vielen schlechten Nachrichten ist das die einzige gute. Die Botschaften, die Herr Rüttgers aus den USA mitgebracht hat, können morgen auch schon wieder Schnee von gestern sein.

Wer könnte dieses dritte Unternehmen sein?

Ich will nicht spekulieren. Ich glaube, es kommt jedes Automobilunternehmen in Frage, nicht nur deutsche. Automobilinteressierte Anleger mit mittel- oder gar langfristiger Perspektive sind besser als irgendwelche Finanzinvestoren, die vom Geschäft keine Ahnung haben und auf kurzfristige Erfolge steuern. Das würde sofort die Gefahr von Werkschließungen beinhalten.

Was muss das Rettungskonzept leisten?

Die Perspektive muss auf die Zukunftsmärkte zielen. Opel ist da technologisch gut aufgestellt und ergänzt viele Unternehmen gut. Gerade der Markt für Kleinfahrzeuge wird bedeutend werden. Drei Modelle für eine Zusammenarbeit mit einem dritten Unternehmen sind denkbar. Erstens: Opel wäre hier in der Rolle wie Skoda im VW-Verbund - derjenige, der nach unten abrundet. Zweitens: Ein Unternehmen nutzt Opels Vertriebsstruktur, gerade auch in Osteuropa und Russland. Die dritte Variante ist die exotischste: Opel ist die Abrundung nach oben.

Hat sich durch die Insolvenz von Saab die Lage für Opel verändert?

Was sich konkret verändert ist die Produktionsplanung für das Opel-Werk in Rüsselsheim. Der Saab 9-5 sollte ab dem Sommer hier gebaut werden. Diese Auslastung entfällt. Ansonsten zeigt das Beispiel Saab: Man darf nicht zu klein sein in der Automobilwelt. Da muss man gewisse Marktanteile haben. Das Geschäftsmodell, Nischen mit Exoten zu besetzen, funktioniert jetzt nicht mehr. Die Betroffenheit ist eher eine aus Solidarität. Wir bedauern die Insolvenz sehr.

Sie sitzen auch im Aufsichtsrat von Opel. Welche Rettungskonzepte werden da diskutiert?

Die Situation ist für den Aufsichtsrat hoch dynamisch. Aber wir sind Tochter eines amerikanischen Mutterkonzerns und von deren Geschäftspolitik abhängig. Der Anteilseigner bestimmt - und nicht die Gewerkschaft oder die Geschäftsführung oder der Vorstand von Opel.

Wie soll man denn in der derzeitigen Automobilkrise einen Partner finden?

Das ist sicherlich schwierig. Eine Staatsbeteiligung könnte außerdem Sinn machen - temporär und im begrenzten Umfang. Wir sind nicht Holzmann II. Es geht um ein Zukunftskonzept. Ich glaube, das ist mit der Beteiligung Dritter sehr gut denkbar. Bis zur nächsten Aufsichtsratssitzung am nächsten Freitag müssen wir mehr wissen über das Geschäftsmodell. Jetzt muss Butter bei die Fische.

Von Opel-Händler hört man teilweise von einer Stimmung nach dem Motto "Jetzt erst recht". Wie ist sie unter den Opel-Beschäftigten?

Die Leute sind verunsichert. Wenn es ein Geschäftsmodell gibt, dann kann es auch ein befreiender Akt sein. Die Zentralisierungsstrategie der Amerikaner war eher belastend und schwierig. Wenn sich das ein Stück weit auflöst, haben wir wirklich gute Voraussetzungen, diese Marke mit einem Stück mehr Freiheit in eine gute Zukunft führen zu können. Es sind zuhauf Management-Fehler gemacht worden, die teilweise gegen den Widerstand des deutschen Managements durchgedrückt wurden. Man hatte die Vorstellung, einen Autokonzern global aus einem Hochhaus in Detroit steuern. Wenn das sich auflöst, ist eine echte Zukunftsperspektive da. Wenn wir uns durch diese Stromschnellen retten können, wird Opel wieder in gutes Fahrwasser kommen. Aber im Moment ist die Lage dramatisch und kann von Tag zu Tag auch schief gehen.

Interview: Axel Hildebrand