Preiserhöhungen Die Bahn bittet zur Kasse


Der alljährliche Fahrplanwechsel bringt für Millionen Kunden grundlegende Änderungen mit sich: Der Rabatt für Mitfahrer wird eingeschränkt, eine Jugendbahncard kommt, und auch Pendler und Fernreisende werden die angekündigten Preiserhöhungen spüren. Aber es könnte noch teurer werden.

Dass die Tickets auch in diesem Jahr teurer werden, hatte der bundeseigene Konzern schon im Sommer beschlossen - mit Verweis auf gestiegene Energiekosten. Im Nahverkehr müssen Fahrgäste außerhalb der Verkehrsverbünde im Schnitt 2,6 Prozent mehr zahlen. Im Fernverkehr gehen die Preise im Schnitt um 2,9 Prozent hoch. Dies wirkt sich aber je nach Entfernung unterschiedlich aus.

Fahrgastvertreter sprechen von falschen Signalen. "Die Bahn hätte die Chance gehabt, wegen der hohen Benzinpreise mehr Kunden vom Auto anzulocken und ihre Umsätze zu steigern", sagt der Vorsitzende des Verbands Pro Bahn, Karl-Peter Naumann. "Die Erhöhung ist nicht nachvollziehbar", meint auch Heidi Tischmann, Bahnexpertin beim Verkehrsclub Deutschland (VCD). Zwar seien die Kosten für Strom und Diesel gestiegen. Die Regionalzüge machten aber höhere Gewinne, und der Fernverkehr sei wirtschaftlich wieder auf Kurs.

Gutachten fordert weitere Erhöhung

Aber es könnte noch teurer werden: Die von der großen Koalition geplanten höheren Entschädigungen für Bus- und Bahnfahrer bei Verspätungen würden nach Angaben der Bahn die Fahrkarten um über zehn Prozent verteuern. "Es wäre theoretisch eine Preiserhöhung von weit über 10 Prozent notwendig", heißt es in einem Bahn-Gutachten zu den Koalitionsplänen. Die Bahn hätte zusätzliche Kosten von jährlich 273 Millionen Euro zu tragen, wenn nur jeder zweite Kunde seine Ansprüche geltend machte, heißt es unter Berufung auf Vorschläge eines noch unveröffentlichten Regierungs-Gutachtens. "Signifikante Preiserhöhungen sind bei Einführung der vorgeschlagenen Regelung daher unvermeidbar", schreibt die Deutsche Bahn in ihrer Stellungnahme.

Im Koalitionsvertrag wird auf das Regierungs-Gutachten ausdrücklich Bezug genommen: "Die Entschädigungsansprüche der Reisenden bei Verspätungen, Ausfällen etc. bei allen öffentlichen Verkehrsträger werden nach Auswertung des vorliegenden Gutachtens zum Verbraucherschutz verbindlich festgeschrieben." Dies geht weit über die jetzigen Regelungen der Bahn hinaus, die Schadenersatz nur im Fernverkehr und bei Verspätungen von über einer Stunde leistet. Diesen wiederum gibt es nur in Form eines Gutscheins in Höhe von 20 Prozent des Fahrpreises. Die Koalition will dagegen gesetzliche Ansprüche durchsetzen, die auch im Schienen-Nahverkehr sowie im Busverkehr gelten sollen.

Bar-Erstattung bei Verspätung

Das Gutachten plädiert für eine Bar-Erstattung von 30 Prozent des Fahrpreises bei 30 Minuten Verspätung, 60 Prozent bei 60 Minuten und 90 Prozent bei 90 Minuten Verspätung. Das Gutachten kommt ebenfalls zu dem Schluss, dass auf die Bahn dann jährliche Kosten von über 270 Millionen Euro zukämen. Dabei wird unterstellt, dass jeder zweite Berechtigte eine Entschädigung einklagt. Zudem wird eine Bearbeitungszeit pro Fall von 15 Minuten angenommen. Sollte diese dagegen 45 Minuten betragen, würden die Kosten noch einmal um 300 Millionen Euro für die Bahn steigen.

Die Bahn lehnt daher in ihrer Stellungnahme die Überlegungen der Regierung zur gesetzlichen Regelungen insgesamt als kontraproduktiv ab. Die nötigen Preiserhöhungen würden zu einem Fahrgastrückgang führen, der auch das politische Ziel von mehr Verkehr auf der Schiene ins Gegenteil umkehre. Die bisherige Kundencharta der Bahn sei ausreichend.

Neuer Service: Bahncard für Jugendliche

Um Kunden bei der Stange zu halten, sollten zumindest 2006 die Preise stabil bleiben. Teurer werden nach längerer Zeit auch Bahncards für Vielfahrer. Der "Klassiker" mit 50 Prozent Ermäßigung kostet statt 200 Euro dann 206 Euro, die Karte mit 25 Prozent Rabatt 51,30 Euro statt 50 Euro. Trotzdem fällt dabei die Möglichkeit weg, bis zu vier Reisende für die Hälfte des Preises mitnehmen zu können. "Das war für viele eine gute Alternative zum Auto", kritisiert der VCD. Der Mitfahrerrabatt gilt aber weiterhin bei den Frühbucherpreisen mit 25 und 50 Prozent Ermäßigung, für die sich Kunden auf einen Zug festlegen müssen.

Lob ernten die Planer dagegen für eine neue Bahncard eigens für Jugendliche. Für einmalig zehn Euro bietet sie bis zum 19. Geburtstag 25 Prozent Ermäßigung - das soll junge Leute schon vor dem ersten eigenen Auto als Kunden der Zukunft umwerben. Eine solche "gute Sache" sollte es auch für ältere Studenten geben, empfiehlt Pro Bahn.

In den Verkauf gehen am Sonntag auch Angebote zur Fußball-WM 2006 wie das "Weltmeisterticket" ab 54 Euro für Fans, die schon eine Eintrittskarte haben. Von dem Großereignis im eigenen Land erhofft sich die Bahn im nächsten Jahr bis zu fünf Millionen zusätzliche Fahrgäste.

Fernverkehr macht wieder Freude

Dank Sonderaktionen wie beim Discounter Lidl bleiben aber immer weniger Plätze in den Zügen leer. Dank ihres schnellen Tempos von 230 km/h ist die Nachfrage nach den ICE auf der Trasse Hamburg-Berlin um 60 Prozent angestiegen. "Es hat sich gezeigt, dass man mit Qualität und guten Angeboten Kunden gewinnen kann", sagt Pro-Bahn-Chef Naumann. Die Bahn dürfe dabei aber nicht nachlassen.

Konzernchef Hartmut Mehdorn könnte sich insbesondere über steigende Nachfrage in der Sparte Fernverkehrs freuen - angesichts harter Konkurrenz der Billigflieger steckte die zuletzt in den tiefroten Zahlen. Bis Ende September lockten ICE und Intercity 700.000 Reisende mehr an als ein Jahr zuvor. Das einstige Sorgenkind werde wohl noch 2005 die Gewinnschwelle erreichen, versprach Mehdorn jetzt dem Aufsichtsrat.

DPA/Reuters DPA Reuters

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