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Rasantes Wirtschaftswachstum 2010: Wirtschaftsweise bezweifeln nachhaltigen Aufschwung

Nach dem Wachstumsrekord 2010 glauben Wirtschaftsexperten nicht daran, dass sich die Entwicklung in diesem Jahr fortsetzen wird. Mit einem nachhaltigen Aufschwung sei nicht zu rechnen. Rückschläge können jederzeit eintreten.

Die deutsche Wirtschaft ist 2010 in einer rasanten Aufholjagd so stark gewachsen wie noch nie im vereinten Deutschland. Das Bruttoinlandsprodukt legte dem Statistischen Bundesamt zufolge um 3,6 Prozent im Vergleich zum Krisenjahr 2009 zu. Getragen wurde es von einem starken Exportwachstum und von der anziehenden Binnennachfrage.

Nach dem rasanten Wachstum warnen Experten allerdings vor Rückschlägen für die deutsche Wirtschaft. "Die Risiken sind erheblich", sagte der Wirtschaftsweise Christoph Schmidt. Der Chefvolkswirt der UN-Konferenz für Handel und Entwicklung (UNCTAD), Heiner Flassbeck, hegt sogar Zweifel an der Nachhaltigkeit des Aufschwungs: "Insgesamt gesehen ist die deutsche Wirtschaftsentwicklung in diesem Jahr mehr als fragil".

"Das wahrscheinlichste Szenario ist, dass wir auf einen zwar flachen, aber stabilen Wachstumspfad kommen", sagte Schmidt, der als Mitglied des Sachverständigenrates die Bundesregierung berät

Heulen und Zähneklappern

Flassbeck rechnet trotz der sinkenden Arbeitslosigkeit nicht mit einem Konsum-Boom. "Die Masseneinkommen, die aus den Löhnen und den monetären Sozialleistungen gespeist werden, werden nominal kaum mehr als 2010 steigen und real sinken", schrieb er in einem gemeinsam mit der Ökonomin Friederike Spiecker verfassten Gastbeitrag für Reuters. Wegen der harten Sparprogramme in vielen Euro-Ländern zweifelt Flassbeck auch an der Fortsetzung des Exportbooms. "Man muss schon ein hartgesottener Exportfanatiker sein, um zu glauben, dass von Berlin und Brüssel mit der Androhung von Staatsbankrott via Sparauflagen in eine erneute Rezession getriebene Länder weiter lustig auf Pump deutsche Produkte kaufen, um die deutsche Konjunktur zu retten", schrieb Flassbeck. "Bleibt die Fortsetzung des Exportbooms aus, wird es Heulen und Zähneklappern geben."

Der Wirtschaftsweise Schmidt warnt vor einer Spaltung des Arbeitsmarktes. "Es wird weniger junge, leistungsbereite Menschen geben, diese aber werden heiß begehrt sein", sagte er mit Blick auf die Demografie. "Hochausgebildete Menschen werden künftig hohe Löhne verlangen können." Wer aber keine gute Ausbildung habe, den mache die Demografie nicht automatisch zum Gewinner. "Die Produkte, die mit gering qualifizierter Arbeit hergestellt werden, können woanders billiger produziert werden", sagte Schmidt. "Die Gefahr eines zweigeteilten Arbeitsmarktes ist da." Die Politik müsse deshalb in Bildung investieren.

Reuters/DPA / DPA / Reuters