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Risse im Mauerwerk: Schanghai protestiert gegen Transrapidausbau

Der Ausbau der Transrapidstrecke in Schanghai stößt bei den Anwohnern auf heftigen Widerstand. Sie fürchten, künftig laut, ungesund und womöglich gefährlich zu leben - und dafür nicht ausreichend entschädigt zu werden.

Die geplante Verlängerung der Transrapidstrecke in Schanghai stößt auf Widerstand. Einige Bewohner entlang der Strecke fürchten wegen der schnellen Magnetbahn um ihre Sicherheit. Andere, die wegen der neuen Trasse ihre Wohnungen verlieren, haben Sorge, nicht ausreichend entschädigt zu werden. Am Haus Nummer 69 der Siedlung "Essig-Pflaumen-Garten Nr.1" im Xuhui-Bezirk klebt ein Plakat: "Bekanntmachung über Abriss und Umsiedlung". Ein alter Mann zeigt in die Runde der Nachbarn: "Wir sind traurig, dass wir gehen müssen", sagt der Rentner, der seinen Namen nicht preisgeben will.

Seit Jahren ziehen sich die Verhandlungen um die Verlängerung der weltweit einzigen kommerziellen Transrapidstrecke hin. Nun muss plötzlich alles schnell gehen, obwohl die Verträge mit den deutschen Partnern Siemens und ThyssenKrupp nicht einmal unterschrieben sind. Tausenden Anwohnern in den Bezirken Xuhui, Minhang und Pudong wurde schon ihre Zwangsumsiedlung verkündet. Viele fühlen sich überrumpelt. Vor allem im Internet äußert sich ihr Widerstand. "Die Regierung hat jedoch alle Proteste der Menschen, die hier leben, ignoriert", schreiben Bewohner aus der Shuying-Straße Nr. 1111 im Minhang-Bezirk.

Schanghai will die Strecke noch vor der Weltausstellung 2010 fertig stellen. Bisher führt sie vom Stadtteil Pudong über 30 Kilometer zum Internationalen Flughafen. Sie soll nun über das Expo- elände und den Südbahnhof bis zum Inlandsflughafen Hongqiao um 37 Kilometer verlängert werden. Für diesen Teil liegen nach offiziell unbestätigten Berichten alle Genehmigungen vor. Er soll schon vor 2009 fertig werden und wird durch dicht besiedeltes Gebiet führen. Die 175 Kilometer lange Verlängerung bis in die Stadt Hangzhou sei dagegen noch nicht genehmigt, heißt es.

Die Frist ist kurz

Im "Essig-Pflaumen-Garten Nr. 1" sind rund 180 Familien betroffen, die am Rand der Siedlung wohnen. Die Frist ist kurz, seit Ende Januar bis Ende Mai wird umgesiedelt. Zuständig ist die chinesische Transrapid-Entwicklungsgesellschaft. Niemand weiß hier, wie hoch die Entschädigung sein wird. Doch im Internet fordern Anwohner aus anderen Gegenden bereits mehr Geld. Nun soll es ein Treffen mit den Behörden geben: "Erst dann sehen wir, ob wir auch Grund zum Protestieren haben", sagt der Alte.

In Internetforen machen die zukünftigen Anwohner ihrer Angst vor Lärm, Erschütterungen und Unfällen Luft. Es gibt eine eigene Anti-Transrapid-Seite. Hauptstreitpunkt ist der Sicherheitsabstand von 22,5 Metern, der vielen als zu gering erscheint. Manche befürchten ungesunde Strahlungen durch die Magnetbahn. "Wenn wir nicht sicher sind, sollten wir umgesiedelt werden", sagt der 30-jährige Sean Pan aus Minhang. Es fehlten Informationen: "Die Regierung klärt uns nicht über ihre Pläne auf."

Transrapid erhöht den Geräuschpegel

Vielen wäre ein Umzug deshalb sogar lieber. Sie klagen über den Lärm der vorbeifahrenden Züge. Die Wohnanlage "Essig-Pflaumen-Garten Nr.1" liegt an der Eisenbahnverbindung von Schanghai ins benachbarte Hangzhou. Der Geräuschpegel dürfte durch den Transrapid noch steigen. "Wir sollten auch umgesiedelt werden", sagt der 63-jährige Wang Tianzhen. Er zeigt Risse an der Decke seiner Wohnung - eine Folge der Erschütterungen.

Wang Tianzhens Haus liegt genau im Winkel der Siedlung, nur wenige Meter von den Gleisen. Er hat im vergangenen Jahr - nachdem er zum ersten Mal von den Transrapid-Plänen hörte - einen besorgten Brief an den Schanghaier Bürgermeister Han Zheng geschrieben. Mitsamt einer Skizze, die zeigt, dass seine Wohnung in Zukunft direkt neben der Magnetbahn liegen wird. Eine Antwort hat er nie bekommen.

Till Fähnders/DPA / DPA