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Heute vor 15 Jahren Transrapid-Unglück im Emsland: Der Tod kam auf der Teststrecke

Mit völlig zerstörter Front steht das Wrack des Magnetschwebebahnzuges Transrapid 08 auf der Versuchsstrecke in Lathen
Bei dem Unglück 2006 fuhr der Transrapid auf der Versuchsstrecke in Lathen auf einen 60-Tonnen-schweren Werkstattwagen auf
© Ingo Wagner / DPA
Einst galt sie als Wunderwerk deutscher Ingenieurskunst: die Magnetschwebebahn Transrapid. Doch 2006 läutete ein schrecklicher Unfall das Ende des milliardenschweren Projekts ein. Bei dem Unglück im Emsland vor 15 Jahren verloren 23 Menschen ihr Leben. 

Knapp 32 Kilometer lang ist die Trasse, auf der ein Entwicklerteam den Transrapid von 1987 bis 2011 intensiv getestet hat. In einer Höhe von fünf Metern rauschte hier einst die Magnetschwebebahn über die Versuchsstrecke im Emsland in Niedersachsen hinweg – mit einer Geschwindigkeit von bis zu 450 Kilometern die Stunde. 

Damals war das milliardenschwere Projekt, das vom Bund gefördert wurde, eine Touristenattraktion. Menschen aus der ganzen Welt reisten täglich nach Lathen an, um das Wunderwerk deutscher Ingenieurskunst zu bestaunen. Teilweise warteten sie stundenlang in der Schlange, um für 18 Euro zehn Minuten rasante Fahrt zu genießen. Bis 2006 besuchte mehr als eine halbe Millionen Menschen die Teststrecke.

Werkstattwagen blockierte Transrapid-Strecke

Am 22. September 2006 machten sich elf Mitarbeiter und zwei Lehrlinge des RWE-Konzerns auf den Weg von Nordhorn nach Lathen. Sie waren zu einer Messfahrt eingeladen. Auch ein Ehepaar aus Nordrhein-Westfalen und neun Mitarbeiter eines Altenpflegedienstes hatten an dem Tag eine Einladung für eine Fahrt mit der Schwebebahn. Zudem stiegen zwei US-Bürger und fünf Mitarbeiter der Betreibergesellschaft an diesem Tag in die Bahn – insgesamt 31 Menschen. 

Bei dem Unfall wurde das Dach des ersten Waggons vom Transrapid aufgerissen
Bei dem Aufprall schob sich die Bahn unter den tonnenschweren Werkstattwagen, sodass das Dach des ersten Waggons abgerissen wurde
© Ingo Wagner / DPA

Was niemand ahnte: Kurz zuvor hatten zwei Mitarbeiter mit einem Werkstattwagen die Strecke gereinigt und das 60 Tonnen schwere Fahrzeug an der Stütze 120 der Trasse abgestellt – an der Stelle, wo eine Weiche in die Werksgarage führte. Dort warteten sie auf die Erlaubnis, in die Garage fahren zu dürfen. Doch von den Kollegen vom Leitstand erhielten sie keine Antwort.

Transrapid-Unglück kostete 23 Menschen das Leben 

Einer der beiden Zugführer in der Frontkanzel erkannte noch das Hindernis auf der Strecke und versuchte eine Notbremsung. Doch da war es schon zu spät. Der Transrapid wurde kaum langsamer und prallte mit Tempo 170 auf den Werkstattwagen. Noch tausend Meter weit war der ohrenbetäubende Knall im Umland zu hören. Das Gefährt schob sich über die Magnetschwebebahn, riss das Dach des ersten Waggons ab. Erst nach einem halben Kilometer kamen die ineinander verkeilten Fahrzeuge zum Stehen.

Ein Gedenkstein steht neben der Transrapid-Versuchsanlage Emsland
Ein Gedenkstein neben der Transrapid-Versuchsanlage Emsland erinnert an die Toten der Katastrophe
© Sina Schuldt / DPA

23 Menschen starben in den Trümmern, zehn wurden schwer verletzt. Niedersachsens damaliger Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) und sein Kabinettskollege, Verkehrsminister Walter Hirche, eilten zum Unglücksort. Der damals amtierende Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee brach seine China-Reise ab, wo er in Peking mit dem chinesischen Eisenbahnminister Liu Zhijun über eine Verlängerung der Transrapidstrecke in Schanghai verhandelte. Auch Kanzlerin Angela Merkel brach politische Gespräche ab und machte sich schnell auf den Weg zur Unglücksstelle. "Ich möchte einfach durch meine Anwesenheit zeigen, dass unsere Gefühle heute hier bei den Menschen sind, in der Region, insbesondere bei den Angehörigen", sagte sie den Journalisten auf einer einberufenen Pressekonferenz. Die Trauerfeier für die Toten wurde live im Fernsehen übertragen.

Betriebsleiter zu hohen Geldstrafen verurteilt

2008 verurteilte das Landgericht Osnabrück zwei frühere Betriebsleiter wegen Organisationsfehler zu hohen Geldstrafen. Die beiden Mitarbeiter des Leitstandes, die versehentlich die Fahrstrecke für den Magnetzug freigegeben hatten, bekamen später noch Haftstrafen auf Bewährung und eine Geldstrafe. Das Unglück sei eine Verkettung von organisatorischen und menschlichen Versäumnissen gewesen, so das Landgericht.

Der verheerende Unfall war der Anfang vom Ende des Transrapids. Obwohl menschliches Versagen als Ursache gilt, folgte fünf Jahre später das endgültige Aus der Teststrecke, als der Bund die Förderung des Transrapids einstellte. Schon 2008 stoppte die bayerische Regierung die Pläne für eine Transrapid-Strecke vom Hauptbahnhof zum Münchner Flughafen. Auch zum Einsatz zwischen Hamburg und Berlin kam es nicht. Nur in China wurde eine kommerzielle Strecke gebaut. Dorthin wurde das Transrapid-System verkauft. Seit 2002 verbindet der Hochgeschwindigkeitszug in Schanghai die City mit dem Flughafen.

Weitere Nutzung für Transrapid-Teststrecke denkbar

Während viele noch vor fünf Jahren an den Abbruch der Teststrecke in Lathen dachten, stehen nun die Zeichen gut, dass es doch noch eine weitere Nutzung für sie gibt. Der Chef der Teststreckenbetreiberin Initis GmbH, Ralf Effenberger, berichtet gleich von drei möglichen Projekten: Eine französische Firma wolle mit europäischen Partnern dort einen Hochgeschwindigkeitszug testen – das könnte nochmals eine Nachnutzung von 15 Jahren bringen.

Heute vor 15 Jahren: Transrapid-Unglück im Emsland: Der Tod kam auf der Teststrecke

Die Testanlage wäre aber auch eine Option für die Erprobung des Hyperloop, einer Nachfolgetechnologie des Transrapid. Schließlich habe auch ein chinesischer Bahnkonzern Interesse bekundet, die Trasse zur Erprobung eines neu entwickelten Magnetzuges zu nutzen.

Weltweit sei die Testanlage in Lathen einmalig – und offensichtlich nicht so einfach woanders nachzubauen, sagt Effenberger. "Klar ist natürlich, wer die Anlage nutzen will, muss auch dafür zahlen, das kann man nicht dem deutschen Steuerzahler aufbürden." Aber noch nie sei die Chance auf eine neue Nutzung der Testanlage so realistisch gewesen wie jetzt. "Die Anlage jetzt abzureißen, das wäre ein Jammer", sagt Effenberger.

Quellen:  NDR, Galileo, Welt, DPA


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