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"Markus Lanz" Endlich wird's mal lauter – dank des Gepolters von Edmund Stoiber

Markus Lanz und Edmund Stoiber
CDU-Ehrenvorsitzender Edmund Stoiber redete sich derart in Rage, dass Markus Lanz sich um dessen Blutdruck sorgte
© ZDF
In einem mumienstarren Wahlkampf wirkt der Auftritt von Edmund Stoiber richtig wohltuend. Man müsse auch Menschen aus der "Leberkäs-Etage" erreichen, so der einstige Unions-Kanzlerkandidat. In Talkshows vermisse er die Inhalte. Ja, das rege ihn auf. Aber niemand müsse sich um seinen Blutdruck sorgen.
von Sylvie-Sophie Schindler

Muss der so rumbrüllen? Auf Twitter ist man "not amused". Vielleicht auch, weil's ungewohnt ist, wenn ein Politiker mal ein paar Dezibel mehr drauf hat. Ungewohnt in einem Wahlkampf, der temperamentsmäßig auf dem Niveau von Narkotisierten abläuft. Auch die "New York Times" spottete jüngst sinngemäß, das wäre genau die richtige Temperatur für die Deutschen. Läster-Zitat des Ex-US-Botschafters John Kornblum: "Der beliebteste Kerl im Wahlkampf ist auch der langweiligste Kerl – vielleicht sogar im ganzen Land."

Doch mit Edmund Stoibers leidenschaftlichem Gepolter ging's endlich mal raus aus der aktuellen Polit-Mumienstarre. Er war am Donnerstagabend bei Markus Lanz zu Gast. Mitunter hatte der CSU-Mann zwar seine Transrapid-Momente, "weil das ja klar ist", will heißen, man wusste dort und da gar nicht mehr, wohin er argumentativ will, ob er ein- oder aussteigen will, aber man muss es ihm lassen: Dieser Mann brennt für die Politik. Und zeigt es auch. So sehr, dass Lanz ihn beruhigen wollte: "Ich mache mir Sorgen um Ihren Blutdruck." Ach, was, wehrte Stoiber ab: "Das haben Sie vor zehn Jahren auch schon gesagt." Später gestand auch Lanz ihm zu: "Wenn der Wahlkampf mehr von Ihnen hätte, hätten wir mehr Spaß."

Es diskutierten:

Marcel Fratzscher, Ökonom

Anna Mayr, Journalistin

Edmund Stoiber, CSU-Ehrenvorsitzender

Julius van de Laar, Strategieberater

Stoiber zu Lanz: "Sie glauben, was sie glauben wollen"

Kommt er eigentlich noch, der Lazarus-Moment für Armin Laschet? Ob die CDU ja eigentlich keine Volkspartei mehr sei, wollte Lanz von Stoiber wissen. Vor drei Jahren habe er das schließlich in Bezug auf die SPD selbst gesagt: Man müsse überlegen, ob eine Partei, die unter 20 Prozent rutsche, noch Volkspartei genannt werden könne. Genau das ist nun der CDU passiert. "Das ist heute nicht mein Thema", kanzelte Stoiber Lanz ab. "Aber meins", schoss der Moderator zurück. Mit seiner üblichen Penetranz-Taktik biss er allerdings bei dem früheren Kanzlerkandidaten der Union auf Granit. Auch ausbremsen kann man einen Stoiber nur schwer: "Sie haben mich ja eingeladen, also rede ich." Lanz: "Die anderen habe ich auch eingeladen, und die wollen auch reden."

Allein: Stoiber ließ sich nie die Butter von der Brezn nehmen. Die CDU macht doch wieder eine Rote-Socken-Kampagne? Nein, so sei das nicht. Was das solle, das sei doch überhaupt nicht zu vergleichen. In den 90er-Jahren, da sei das noch was anderes gewesen, da sei die PDS angetreten. Zur Erinnerung: Die CDU plakatierte im Bundestagswahlkampf 1994 eine rote Socke an einer Wäscheleine, mit der Botschaft: "Auf in die Zukunft, aber nicht auf roten Socken". Stoiber betonte: "Heute geht es um was anderes, Rot-Rot-Grün ist eine reale Gefahr, die es vor sechs Wochen nicht gegeben hat." Aber doch, Sie machen da eine Rote-Socken-Kampagne, schoss sich Lanz ein. Das regte Stoiber auf, Blutdruck nach oben. "Sie missinterpretieren mich bewusst." Er sage doch auch nicht immer wieder zu ihm, Lanz, er habe schwarze Haare und eine krumme Nase. Mit der Wiederholung werde das ja nicht wahrer. "Aber Sie, Sie glauben, was sie glauben wollen", schnaubte Stoiber.

Lanz hält sich zu oft mit Befindlichkeiten auf

Eben erst hat Markus Lanz den Deutschen Fernsehpreis in der Kategorie "Beste Information" gewonnen – die Verleihung fand nach der Aufzeichnung mit Stoiber statt. Nur: Ist diese Sendung eigentlich eine gute Idee? Stoiber hatte da so seine Zweifel. Überlegen Sie mal, Herr Lanz, was erreichen Sie eigentlich mit ihrem Format? Auf keinen Fall jedenfalls die, die Politik "intuitiv angehen" würden, krittelte der Politiker herum. Er beklagte die "Inhaltsleere" in den Talkshows und das dauernde Kreisen um "Befindlichkeiten." Auch auf die Politik blicke er besorgt: "Da gibt's zu wenig Empathie." Mit Angela Merkel sei ein eigener Stil eingezogen, sachlich, wissenschaftlich. Das aber erschwere den Draht zu den Menschen in diesem Lande, die "gerade so über die Runden" kommen würden. Man erreiche, "wie wir in Bayern sagen", die "Leberkäs-Etage" nicht.

Interessanter Punkt: Wie bürgernah ist Politik? Und was muss sich ändern, um näher dran zu sein? Doch Lanz stieg weder in diese Analyse ein, noch zeigte er sich selbstreflektiert. "Inhaltsleer" sind seine Sendungen sicher nicht. Aber den Schuh, sich zu oft mit "Befindlichkeiten" aufzuhalten, sollte er sich durchaus anziehen. Erst am Vortag verkasperte er mit den Generalsekretären von CDU und SPD einen Großteil der Sendung mit längst durchdeklinierten Themen wie "Armin Laschets Lachen",  der "Merkel-Raute von Olaf Scholz" und "Saskia Esken an der Pommesbude". Und fand nichts dabei, auch Stoiber wieder in seine Grübeleien über "Das Lachen des Armin L." reinzuziehen. Mit der klassischen Frage: "War das sein Untergang?"

"Markus Lanz": Endlich wird's mal lauter – dank des Gepolters von Edmund Stoiber

Strategieberater van de Laar: "Die Optik spielt in der Politik eine immense Rolle."

Julius van der Laar zeigte Verständnis für diese Themensetzung. Man solle es auch den Bürgern nicht verübeln, dass sie sich, auch in Wahlkampfzeiten, gerne mit "Banalitäten" aufhielten: "Es ist leichter, darüber zu sprechen." Man müsse verstehen: "Die Optik spielt in der Politik eine immense Rolle." Es gehe darum, Bilder zu kreieren. Sie vermittelten, ob es ein Kandidat "in sich" habe: "Sie sind das MRT der Seele". Käme ein Bild nicht gut an, gäbe es nur eins: "Neue Bilder". Wer sich stattdessen erkläre, der würde verlieren. Stoiber schoss quer. Ja, aber nach dem Lachen, wenn da einer nicht aufgebe und weitermache, der macht ja weiter, das zähle doch, man könne das nicht nur an Bildern festmachen, der gibt nicht auf.

Stoiber schwenkte lieber woanders hin. Nun schauen wir doch dieses Land an, Herr Lanz, schauen wir doch, die viertgrößte Handelsmacht der Erde, man könne doch nicht die Steuerbelastung für Unternehmen erhöhen, was ist denn das für ein Menschenbild, man kann ihnen nicht einfach was wegnehmen für "irgendwas, was ich nicht sehe". Man sieht's nicht? Ach, so. Weil's ja klar ist. Und weiter: "Mit Schwächung der Leistungsfähigkeit werden wir ein Stückchen matter." Wie es in Deutschland laufe, das sei mühsam erarbeitet, und das Krankensystem, Herr Lanz, niemand hat so ein Krankensystem, nicht in Italien, nicht auf Sardinien, nicht in Frankreich. Der Stoibersche Verbalrausch ad infinitum. Und erneut eine bodenständige Fürsprache: "Das Rückgrat unserer Gesellschaft ist der Mittelstand, die klagen zum Teil über eine enorme steuerliche und bürokratische Belastung.

Corona-Schulden: Ökonom Marcel Fratzscher fordert Entlastung von Geringverdienern

Doch wie die Pandemie-Verschuldung abbauen? Sind Steuererleichterungen überhaupt drin? Ist das ein Weg, auf den man setzen kann? Marcel Fratzscher machte deutlich, dass es noch keinem Land gelungen sei, mit Steuersenkungen die Wirtschaft anzukurbeln. Denn es würden vor allem die Topverdiener davon profitieren, und die würden das Geld lieber anlegen und nicht ausgeben. Also müsse man sich darauf konzentrieren, Menschen mit geringen Einkommen zu entlasten, denn das rege die Konsumbereitschaft an.

Und was bringt der Mindestlohn? Zwölf Euro, ist das mit Ihnen zu machen, Herr Stoiber? Die Politik solle sich da nicht einmischen, sagte der, das werde über Tarifverhandlungen geregelt. Das sah Anna Mayr völlig anders. Schließlich arbeite man den Großteil des Tages; die Politik müsse sich für die Bezahlung von Arbeit verantwortlich fühlen. Zwölf Euro? Herr Stoiber? Das müssen andere regeln, Herr Lanz. Und Ihr Blutdruck? Habe einen sehr guten Blutdruck. Lanz setzt nach: "Ich freue mich auf den Tag, an dem Sie ganz entspannt hier sitzen." Darauf Stoiber: "Das kann ich doch nicht in einer Situation, in der die Union gegenwärtig ist."

yks

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