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Schienenverkehr: Bahn: Die Zukunftsfragen drängen weiter

Es ist ein langer Weg vom Beamteninstrument zu einem freien und marktwirtschaftlichen Unternehmen. Aber die Bahn fährt in die richtige Richtung.

Missbrauch von Marktmacht ist nur einer der Vorwürfe, die sich Bahn-Chef Hartmut Mehdorn immer wieder anhören muss. Seit die Deutsche Bahn AG im vergangenen Herbst die Ansicht vertrat, dass ihre Verschuldung womöglich nicht mehr zu beherrschen sei, hat sie überwiegend negative Schlagzeilen gemacht. Positive Nachrichten könnte Mehdorn nun selbst liefern, wenn er am Donnerstag in Berlin die Bilanz 2000 vorlegt.

Umsatzrückgang - aber weniger schlimm als erwartet

Dabei geht es mehr um die Zukunft als um das vergangene Jahr, das nach vorläufigen Zahlen, trotz des Expo-Desasters, das erfolgreichste seit 1994 war. Nach einem operativen Gewinn von 390 Millionen DM rechnet die Bahn 2001 jedoch wieder mit einem erheblichen Verlust. Der Umsatz sank im vergangenen Jahr um ein Prozent auf 30,3 Milliarden DM. Rechnet man jedoch das im Januar 2000 verkaufte Touristikgeschäft der DER-Gruppe heraus, stieg er um 5,1 Prozent. Auch das neue Jahr hat sich mit einem Verlust von 75 Millionen DM im 1. Quartal nicht ganz so schlimm angelassen wie befürchtet.

Bund springt in die Bresche

Die drängendsten Finanzprobleme sind durch aufgestockte Zahlungen des Bundes abgehakt. Dennoch bleibt die Bahn im Umbruch. Die Behördenzeit wirkt nach und angestoßene Projekte zeigen erst langsam Ergebnisse. Viele Zukunftsfragen bleiben kontrovers. Ob Wettbewerb mit oder ohne Trennung von Schienennetz und Bahnbetrieb, Strecken- und Stellenstreichungen oder das angekündigte neue Preissystem. Aufsichtsratschef Dieter Vogel hat das Handtuch geworfen und für Michael Frenzel Platz als obersten Kontrolleur gemacht. Die Bundesländer, die jährlich Milliarden DM für Regionalzüge ausgeben, wenden sich gegen eine Verkehrsausdünnung. Fahrgastverbände sehen den Kahlschlag in der Fläche kommen. Der Konkurrent Connex und kleinere Privatbahnen sind auf dem Sprung.

»Ergebnisoffene« Prüfung

Bundesverkehrsminister Kurt Bodewig (SPD) scheint inzwischen von seiner ursprünglichen Haltung, Netz und Bahnbetrieb zu trennen, abzurücken. Es wird ergebnisoffen geprüft. Das Eisenbahn-Bundesamt wird gestärkt, um den von Brüssel geforderten diskriminierungsfreien Zugang privater Bewerber, den es in vielen EU-Mitgliedsstaaten noch nicht gibt, zu gewährleisten. Es kann Zwangsgeld gegen die Bahn verhängen. Das für Wettbewerbsverstöße zuständige Kartellamt sieht die Kompetenzausweitung kritisch.

Verluste könnten geringer ausfallen

Der Bund zahlt bis 2003 jährlich 8,7 Milliarden DM und damit zwei Milliarden DM mehr als vorher, zum großen Teil als Zuschüsse statt bisher als Kredite. Bis 2005 will die Bahn 77 Milliarden DM in Großinvestitionen stecken. Jetzt rechnet die Bahn statt Verlusten bis 2004 schon ein Jahr früher wieder mit Gewinnen. Die Verluste bis dahin sollen geringer ausfallen als im Herbst vermutet. Damals war Mehdorn davon ausgegangen, dass bis 2005 unter dem Strich 4,2 Milliarden DM Verlust anfallen werden.

Bis 2004 schwarze Zahlen

Der Personalabbau wird unvermindert vorangetrieben, Tarifverträge werden regionalisiert. Nachdem seit 1994 schon 100.000 Eisenbahner gegangen sind, sollen mittelfristig nochmals mehrere Zehntausend sozialverträglich ausscheiden. Derzeit hat die Bahn 221.000 Beschäftigte. Ende 2004 sollen im Unternehmen dann schwarze Zahlen erreicht sein. Danach wird die Börsenfähigkeit angestrebt. Sie könnte zum Rückzug des Bundes führen und die Deutsche Bahn AG dem von Mehdorn beklagten politischen Einfluss entziehen.

Claus Höcker