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Schneller als Gerichte: Schiedsstellen: Im Land der Schlichter und Denker

Ab zur Schiedsstelle: Ärger mit Stromanbietern, Fluggesellschaften oder Versicherungen muss nicht gleich vor Gericht landen. Für viele Branchen gibt es Schlichter, Ombudsmänner, Schiedsfrauen. Nun werden sie noch mehr.

Schiedsstelle: Schlichter und Denker

Schiedsstellen arbeiten schneller als Gerichte. 

Eimer, natürlich! Vielleicht noch Schüsseln - aber Fotos? Kaum jemand denkt an Fotos, wenn nach einem Wolkenbruch das Wasser durchs Kellerfenster dringt. Aber wenn die Versicherung zahlen soll, braucht sie meist Bilder. Günter Hirsch gelingt es dennoch immer wieder auch ohne Fotos, dass nach dem Wasser auch Geld fließt.
Der frühere Bundesrichter ist Ombudsmann für Versicherungen, einer der schlichtet, wenn Verbraucher Streit mit ihrem Anbieter haben.

Schlichtungsstellen, schneller als Gerichte

Ob Handy-Schutzbriefe, Lebensversicherungen oder Kfz-Kasko - knapp 11 000 Fälle bearbeitet allein seine Schlichtungsstelle pro Jahr, schneller als Gerichte und für Kunden kostenlos. Die Branche der Versicherer ist nicht die einzige mit einem Ombudsmann. Nach und nach wird Deutschland zum Land der Schlichter - jetzt auch per Gesetz.

Wer mit Bus oder Bahn, Schiff oder Flugzeug unterwegs ist und Ärger hat, kann sich schon lange an einen Schlichter wenden, Bankkunden haben eine Schlichtungsstelle, Strom- und Gaskunden auch. Es gibt zahlreiche Schlichter, Ombuds- und Schiedsleute, nun sollen sie noch mehr werden.

Schiedsstellen: Flächendeckendes Netzwerk

Seit April gilt ein Bundesgesetz, das für alle Kauf- und Dienstleistungsverträge den Aufbau von Schlichtungsstellen vorsieht. Deutschland setzt damit eine Vorgabe der EU um, die hofft, dass Milliarden von Steuergeld eingespart werden, wenn weniger Leute vor Gericht ziehen.

Beispielgebend für das flächendeckende Schlichtungsstellen-Netz ist für Justizminister Heiko Maas (SPD) der Versicherungsombudsmann, den es seit 15 Jahren gibt. "Er hat gezeigt, dass sie nicht in Konkurrenz zur gerichtlichen Streitentscheidung steht, sondern den Rechtsschutz durch Gerichte sinnvoll ergänzt und vervollständigt." Seine Effizienz sei Vorbild für viele Stellen, die nun entstehen.

Wimmelt es im Land bald von unerschrockenen Kämpfern für die Interessen der Verbraucher, vor denen Unternehmen zittern und die sie obendrein noch bezahlen müssen? Günter Hirsch winkt ab. "Ich bin kein Verbraucherschützer." Einseitige Interessenvertretung sei nicht Aufgabe des Schlichters. "Wir wollen in erster Linie auf eine gütliche Einigung hinwirken."

Gerichtsverfahren sind "lang und teuer"

Wer den Sieg auf ganzer Linie sucht, sollte es lieber bei Gericht versuchen. "Doch die Verfahren sind lang und teuer, ihr Ausgang ungewiss", urteilte unlängst die Stiftung Warentest über den Gerichtsweg. Die Schlichtung sei ein zusätzlicher und leichterer Weg.
"Können sich die Parteien nicht einigen, steht ihnen immer noch der Gang zu Gericht offen."

Unternehmen schätzen die Schlichtung, denn der Gang zum Richter kann auch für sie teuer werden. Die Versicherungen etwa weisen ihre Vertriebsleute im Verhaltenskodex ausdrücklich an, Kunden auf den Ombudsmann aufmerksam zu machen. Auch zwischen Unternehmen gewinnt die Schlichtung an Bedeutung. Wenn es etwa auf großen Baustellen Streit zwischen Firmen und Bauherr gibt, hilft seit Kurzem die "Gemeinsame Kontaktstelle Streitlösung" von Bau- und Immobilienbranche - schnell und kostengünstig, wie es zum Start hieß.

Doch nicht jeder Gang zum Schlichter führt zum Erfolg. Im Fall der Versicherungen hieß das im vergangenen Jahr: Knapp die Hälfte der Beschwerden war erfolgreich. Die Lebensversicherung ist da nicht berücksichtigt. Hier war nur etwa jeder vierte Kunde erfolgreich. 

kg / DPA