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Siemens Keine Zukunft für das Atomgeschäft


2009 wollte Siemens noch weltweiter Marktführer im Kernenergiegeschäft werden, jetzt verabschiedet sich der Konzern aus der Atomkraft - und lässt die Kooperation mit dem russischen Atomkonzern Rosatom platzen. War die Entscheidung eine Reaktion auf die von der Politik verordnete Energiewende?
Von Angela Maier

Nach monatelangen Andeutungen macht Siemens den Ausstieg aus dem Atomgeschäft offiziell. "Das Kapitel ist für uns abgeschlossen", sagte Siemens-Chef Peter Löscher am Wochenende in einem "Spiegel"-Interview. Siemens werde das ursprünglich beabsichtigte Joint Venture mit dem russischen Atomkonzern Rosatom nicht eingehen und "im Bereich der Nukleartechnologie nicht zu der angedachten Kooperation mit unserem russischen Gesprächspartner kommen", sagte Löscher.

Löschers Worte besiegeln die abermalige Kehrtwende in Siemens' wechselvoller Atom-Geschichte. Im März 2009 hatte Löscher mit den Russen eine Absichtserklärung für ein Atom-Gemeinschaftsunternehmen unterzeichnet. Dessen Ziel war es, "weltweit Marktführer im Kernenergiegeschäft" zu werden. Zu der wenig später geplanten Vertragsunterzeichnung kam es nicht mehr, da Siemens' langjähriger Atom-Partner, der französische Atomkonzern Areva, die Münchner postwendend wegen Vertragsbruchs verklagte. Ein Schiedsgericht verdonnerte Siemens im Mai 2011 zur Zahlung einer Strafe von 682 Mio. Euro. Zudem darf Siemens Areva bis September 2013 im Atom-Geschäft keine Konkurrenz machen.

Ausstieg eine Frage der Zeit

Seit dem Schiedsspruch und der Atom-Katastrophe in Japan galt der Ausstieg der Münchner nur noch als Frage der Zeit - und der Zustimmung der Russen. Für Rosatom ist Siemens' endgültige Absage ein schwerer Schlag: Die Russen zählen zu den weltgrößten Herstellern von Kernkraftwerken, ihre Erfolge im Export hielten sich bislang aber in Grenzen. Hier hätte die Kooperation mit Siemens helfen sollen, deshalb hatte sich Ministerpräsident Wladimir Putin persönlich dafür eingesetzt. Löscher zufolge haben die Russen ein Einsehen: "Auf russischer Seite war die Reaktion sehr verständnisvoll. Dort versteht man den Primat den Politik." Rosatom selber reagierte am Wochenende nicht auf die Beendigung der gemeinsamen Pläne durch den Siemens-Chef. Ein Siemens-Sprecher betonte: "Das ist komplett einvernehmlich mit den Russen und mit Rosatom." Vor einigen Monaten hatte Rosatom-Vizechef Nikolai Spasski noch gesagt, er wolle an der Partnerschaft mit Siemens festhalten.

Der Sprecher betonte, "der Ausstieg kostet Siemens keinen Cent". Die mit Rosatom geschlossene Absichtserklärung sei "nicht rechtsverbindlich. Eine formelle Beendigung ist nicht notwendig", so der Sprecher.

Russen nicht verärgern

Löscher sagte, die Zusammenarbeit werde sich künftig "auf andere Felder" beziehen. So könnte Siemens für Rosatoms Kernkraftwerke Dampfturbinen liefern, wie sie auch in konventionellen Kraftwerken eingesetzt werden. Offenbar sind die Verhandlungen mit Rosatom zur Hängepartie geraten. Noch Ende Juli hatte Löscher angekündigt, "in den nächsten Wochen" werde über das weitere Vorgehen mit Rosatom entschieden. Nach FTD-Informationen aus Unternehmenskreisen wollte Löscher eigentlich im August eine Einigung erzielen - dies misslang.

Allerdings ist Siemens sehr daran gelegen, die Russen nicht zu vergrätzen. Schließlich ist das Land für die Münchner ein wichtiger Absatzmarkt, Siemens verbuchte beispielsweise in den vergangenen Monaten Aufträge für Züge in Milliardenhöhe. So haben die Münchner ein teures Zugeständnis bereits gemacht: Die Sperrminorität von 25 Prozent plus einer Aktie am größten russischen Turbinenhersteller Power Machines gibt Siemens zum Discountpreis ab, wie die FTD aus Unternehmenskreisen erfuhr. Die Münchner hatte Anfang August angekündigt, ihr Aktienpaket an den Mehrheitseigner Highstat zu veräußern. Hinter Highstat steht der russische Stahlmagnat und Putin-Intimus Alexej Mordaschow. Highstat zahlt für den Siemens-Anteil an Power Machines informierten Kreisen zufolge weniger als die Hälfte der rund 650 Mio. Dollar, die das Paket Anfang August an der Börse wert war.

Der russische Turbinenproduzent hatte sich in den vergangenen Jahren gut entwickelt und zuletzt bei 1,7 Mrd. Dollar Umsatz einen Nettogewinn von 255 Mio. Dollar verdient. Das Paket hatte Siemens 2006 für 93 Mio. Dollar erworben.

Antwort auf die Energiewende

Gegenüber dem "Spiegel" begründete Löscher den Atom-Abschied mit der Energiewende in Deutschland. Dies sei Siemens' "Antwort auf die klare Positionierung von Gesellschaft und Politik in Deutschland zum Ausstieg aus der Kernenergie". Nach der Atom-Katastrophe in Japan hatte die Bundesregierung beschlossen, die Kernkraftwerke frühzeitig abzuschalten. Bis 2022 sollen alle deutschen Reaktoren vom Netz gehen.

Nun muss Siemens Unternehmenskreisen zufolge auch für Hunderte von Ingenieuren neue Einsatzmöglichkeiten finden. Der Konzern hatte seit 2009 bereits kräftig in eigene Kapazitäten für die Entwicklung von Nukleartechnik investiert, die nun obsolet sind.

FTD

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