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Siemens-Skandal: "Ich trete nicht zurück"

Für den ehemaligen Siemens-Chef Heinrich von Pierer wird die Luft immer dünner: Nach den Worten eines hochrangigen Buchhalters soll er von den schwarzen Kassen im Konzern gewusst haben. Einen Rücktritt lehnt der heutige Aufsichtsratsvorsitzende aber weiterhin ab.

Der Siemens-Aufsichtsratsvorsitzende Heinrich von Pierer lehnt einen Rücktritt im Zusammenhang mit der Schmiergeldaffäre beim Münchner Elektrokonzern strikt ab. "Ich trete nicht zurück", sagte von Pierer der "Welt am Sonntag". "Die Frage stellt sich mir nicht. Denn ich habe mir nichts vorzuwerfen."

Zuvor hatte eines hochrangiger Buchhalter schwere neue Vorwürfe gegen die Siemens-Vorstandsriege und von Pierer erhoben: Die millionenschweren Schmiergeldzahlungen bei Siemens seien mit Wissen der Konzernspitze geflossen. Der "Tagesspiegel" zitierte einen Anwalt, der den Leiter des Rechnungswesens bei der Kommunikationssparte Com vertrete, mit den Worten, der Zentralvorstand habe die Praktiken gebilligt. Darunter sei auch der damalige Vorstandschef Heinrich von Pierer gewesen, der heute den Aufsichtsrat leitet.

"Nichts billigend in Kauf genommen"

Derartige persönliche Versäumnisse will sich Pierer nicht anlasten lassen: "Wir haben nichts billigend in Kauf genommen. Wir haben viel gegen Korruption getan und unseren Leuten immer klar gesagt: Lasst lieber ein Geschäft sausen." Auch bei der Aufklärung handele der Konzern nun kompromisslos: "Wir haben alles getan, was man tun kann. Eine unabhängige und umfassende Aufklärung ist in die Wege geleitet."

"Ab einem gewissen Level wusste jeder, was da läuft", wird hingegen der Anwalt des Chefbuchhalters zitiert. Fast jeder bei Siemens habe gewusst, dass illegale Provisionen gezahlt worden seien. Von seinem Mandanten habe man "ausdrücklich gewünscht, beide Augen zuzudrücken", sagte der Anwalt dem Bericht zufolge. Dabei habe sich Siemens aber nicht anders verhalten als andere Konzerne, um Großaufträge in Afrika, Asien und Osteuropa zu gewinnen.

Laut einem Bericht des "Focus" sollen ein Ex-Finanzchef und ein ehemaliger Aufsichtsratsvorsitzender frühzeitig von dubiosen Geldströmen erfahren haben. Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG habe beiden spätestens 2004 in einem Management Letter über fragwürdige Vorgänge informiert. Wie der "Focus" weiter schreibt, sei ein langjähriger Vertriebsmitarbeiter der Siemens-Kommunikationssparte im November bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Die Polizei sehe Anhaltspunkte für einen Selbstmord. Das Opfer hätten "sowohl ein Zeuge als auch Unterlagen im Verfahren um schwarze Kassen unlängst belastet".

Unverhoffte Unterstützung für Pierer

Unterdessen erfährt Ex-Siemens-Vorstandschef Heinrich von Pierer laut der Online-Tageszeitung "Netzeitung" Rückendeckung von unerwarteter Seite. Der Vorsitzende von Transparency International (TI) Deutschland, Hansjörg Elshorst, halte es für unwahrscheinlich, dass von Pierer von den Machenschaften in seinem Unternehmen gewusst habe. "Pierer war einer derjenigen, die an oberster Spitze aktiv mitgewirkt haben, dass das Instrumentarium gegen die Korruption verschärft worden ist, da hat er sich Ende der 90er Jahre große Verdienste erworben", sagte Elshorst der "Netzzeitung". Erst in der vergangenen Woche hatte TI mitgeteilt, dass Siemens dem Wunsch der Organisation nach Austritt nachgekommen und ab sofort kein Mitglied mehr sei.

AP/DPA / AP / DPA