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Solarzellen: Ein Platz an der Sonne

Beim weltweiten Wettlauf um die besten Solarzellen liegt Schraubenhändler Würth in Führung. Ein Blick in seine geheime Fabrik.

Sein Flugplatz liegt in Sichtweite, und auch sein Museum mit Meisterwerken der Moderne ist nicht weit von der Fabrik entfernt, die die neue Goldgrube des Milliardärs Reinhold Würth werden soll. In den Hallen ist es sauber und hell wie in einem Operationssaal. Gelbe Roboter wuchten Glasplatten auf Förderbänder, auf denen sie geräuschlos in blecherne Gehäuse gleiten. Was drinnen geschieht, bleibt im Dunkeln. Wie man in Künzelsau bei Schwäbisch Hall aus Fensterglas Solarzellen macht, ist so geheim, dass bei Besuchern sogar die Handys einkassiert werden. Mit denen könnten ja Spionagefotos gemacht werden. Die Produktion läuft automatisch. "Wir sind hier technologischer Weltmarktführer", frohlockt Karl-Heinz Groß, Chef der Firma Würth Solar.

Weltmarktführer aus der Provinz

Die Fabrik Cis-Fab gilt als Meilenstein der Solarbranche. Sie ist die erste der Welt, in der Solarzellen im Dünnschichtverfahren ohne Silizium in Serie hergestellt werden. Weil das Photovoltaik-Geschäft jährlich um 35 Prozent zulegt, ist das hochreine Silizium knapp und teuer. Erst in zwei, drei Jahren, wenn neue Siliziumfabriken fertig sind, wird der Engpass behoben sein.

55 Millionen Euro hat Würth in Gebäude und Maschinen investiert, die größte Einzelinvestition in der Geschichte des Konzerns, der mit Schrauben und Werkzeugen rund um die Welt sieben Milliarden Euro Umsatz macht. Würth selbst hat sich zwar 1994 offiziell aus der Geschäftsführung zurückgezogen, doch bei seinem Solar-Baby zieht der 71-Jährige noch immer die Fäden.

Fabrik in Rekordzeit fertiggestellt

Um den Vorsprung zu halten, wurde die Cis-Fab in nur einem Jahr aus dem Boden gestampft, wurden 100 Spezialmaschinen in Rekordzeit aufgestellt und abgestimmt. Schon zum Jahreswechsel soll die Fabrik ausgelastet laufen. 200.000 Module sollen dann produziert werden. Damit könnte man eine Fläche von 20 Fußballfeldern abdecken und eine Leistung von fast 15 Megawatt erzielen. Eine Strommenge, mit der 3500 Vier-Personen-Haushalte ein Jahr lang versorgt werden können. Die Fließbänder sollen 360 Tage im Jahr laufen und 140 Mitarbeiter in Zwölf-Stunden-Schichten auf Trab halten. Auf vier Tage Arbeit folgen vier freie Tage.

Der Stammsitz von Würth liegt im Hohenlohischen Städtchen Künzelsau, und bei der Wahl des Firmenstandorts blieb er Baden-Württemberg treu. Schließlich wurde dort das Cis-Verfahren (siehe Kasten) entwickelt. Seit 30 Jahren haben Wissenschaftler an der Stuttgarter Uni und später am Zentrum für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung (ZSW) daran getüftelt. 1999 gründete der Konzernpatriarch die Firma Würth Solar, um mit den Technikern des ZSW das Verfahren auf Marktreife zu trimmen und auszuprobieren, wie die Produktion am effizientesten laufen kann. Dazu wurde eine Pilotanlage in der Halle eines ausgedienten Kraftwerks in Marbach am Neckar gebaut. 40 Millionen Euro hat die Entwicklung gekostet, zwischen acht und zwölf Millionen Euro haben Land und Bund zugeschossen. Weil Würth die Fabrik nicht in Ostdeutschland gebaut hat, sondern in Baden-Württemberg, hat er auf weitere 28 bis 30 Millionen Euro Fördergelder verzichtet.

Neugründung aus Neugier

Fragt man Würth, warum er so viel Geld in dieses Projekt steckt, erhält man einen bunten Strauß von Antworten, die viele Facetten des umtriebigen Konzerngründers und Kunstsammlers, Hobbypiloten und neuapostolischen Christen berühren. Aus Neugierde sei er in die Solarbranche eingestiegen, erklärt der Milliardär: "Ich will wissen, was hinterm Berg und ums Eck ist." Photovoltaik sei für ihn "ein prickelndes Stück Schöpfung". Außerdem sei es langweilig, immer nur Schrauben zu verkaufen, immer nur das Gleiche zu tun, das mache die Firma schläfrig. "Ich bin ein starker Verfechter gesunder Diversifikation, um nicht alle Eier in einem Korb zu haben." Einer, der immer mal wieder einen Stein ins Wasser wirft, um zu sehen, was für Kreise entstehen, so einer sei er.

Doch auch mit Photovoltaik will er Geld verdienen. "Wir machen keine Orchideentechnik, die nett anzusehen ist." Die Solarbranche sei ein Verkäufermarkt. "Wir produzieren nicht auf Halde, sondern werden alles verkaufen können." Ein Fünftel der Produktion wird exportiert. Dieses Jahr werden fünf Millionen Euro umgesetzt, für das kommende Jahr sind 42 Millionen eingeplant.

Schrauben in allen Größen und Formen gibt es bei Würth natürlich immer noch. Doch inzwischen handelt der Konzern in großem Maßstab auch mit Hightech und Dienstleistungen. Schon vor 30 Jahren wurde die Würth Elektronik gegründet, die Leiterplatten und elektronische Bauteile produziert. Zudem finden sich unter dem Dach des Konzerns Versicherungsgesellschaften, eine Leasingfirma, eine Bank, Hotels und ein Unternehmen der Nanotechnologie. Und jetzt die Photovoltaik.

Von Schrauben zu Hightech

"Mit Solar machen wir zwar weniger als ein Prozent des Umsatzes", sagt Würth-Manager Jürgen Klohe: "Auch mit zehn Fabriken wird der Bereich Solar unser traditionelles Geschäft nicht überflügeln, aber er hat großes Steigerungspotenzial." In die neue Fabrik setzt Würth auch deshalb große Hoffungen, weil man sich den Konkurrenten zwölf Monate voraus sieht.

Heide Traemann, Sprecherin der Firma Johanna Solar Technology, billigt der Würth-Technik dagegen allenfalls einen Vorsprung von sechs Monaten zu. Ihre Firma baut in Brandenburg an der Havel eine Dünnschicht-Solarfabrik. "Im Januar fahren wir die Produktion hoch." Das Verfahren der Brandenburger stammt aus Südafrika, beteiligt ist die Aleo Solar AG, einer der größten Hersteller von Siliziummodulen in Deutschland.

Auch die übrige Konkurrenz kämpft verbissen. "Es ist wie beim Domino", sagt ZSW-Forscher Hansjörg Gabler, der für Würth die Cis-Technik entwickelt hat. Eine Fabrik nach der anderen kämpft um Anteile am lukrativen Solarmarkt.

Konkurrenten in Deutschland und aller Welt mischen mit:
  • In Berlin betreibt die Firma Sulfurcell eine Pilotanlage und plant, im kommenden Jahr die Produktion von Solarzellen mit einer Leistung von einem Megawatt, 2008 von fünf Megawatt.
  • Der Glas-Konzern Schott und die Firma Ersol Solar setzen auch auf die Dünnschicht-Technologie, allerdings auf der Basis von Silizium. "Wir starten die Produktion Mitte 2007", sagt eine Ersol-Solar-Sprecherin.
  • Auch Öl-Multi Shell ist mit von der Partie, zusammen mit dem französischen Glaskonzern Saint-Gobain unter dem Namen Avancis.
  • In Japan beackert Honda das Feld der Cis-Technologie, ebenso der Technologie-Konzern Showa Shell.

Angesichts solch globaler Konkurrenz spielt Reinhold Würth mit schwäbischer Bescheidenheit: "Gegen Shell sind wir nur ein winzig kleiner Zwerg." Allerdings einer, der nicht am Kindertisch sitzen, sondern fleißig mitverdienen will.

Klappt alles wie erwartet, will es Würth nicht bei einer Cis-Fab belassen. "Dann denken wir über die nächsten drei Fabriken nach." Seine Vision: Innerhalb von fünfzehn Jahren bis zu zehn Fabriken bauen. "Vor allem in Äquatornähe, wo die Sonne mehr Energie liefert."

Mathias Rittgerott / print