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Sondersteuer auf Boni in Großbritannien: Das Champagnerglas ist halb leer

Der Staat schlägt zurück: Großbritannien erhebt eine Sondersteuer auf Boni. Der Vorstoß trifft die Londoner Banker ins Mark - doch das Geschrei vom Ende des Finanzplatzes ist reine Heuchelei.

Von Daniel Kramb, Horst von Buttlar und Christian Baulig

Es ist die Nacht nach dem Big Bang, die Nacht nach dem Angriff, und nun sitzen sie hier, die Schuldigen, die Bestraften. Oben die Kronleuchter, die mit Stuck besetzte Decke, unten die Banker mit vollen Gläsern. Und noch geht es heiter zu! Feierabend, man lacht, man blödelt, man entspannt sich. Wie immer hier, im "Counting House" auf Londons Cornhill Street, im Herzen der City of London.

Nein, die Feierlaune will sich keiner verderben lassen, auch nicht von der spektakulären Strafsteuer auf Boni, die der britische Finanzminister Alistair Darling am Mittag verhängt hat. Überhaupt die Boni. Darüber kann man wirklich auch morgen noch sprechen. "Alles halb so wild", sagt ein Banker an der runden Theke der imposanten Trinkhalle in der Nähe der Bank of England. Damit will der Staat sich sanieren? "Peanuts!", tönt ein anderer. Und im beliebten The Hatchet, bei O'Neills: Weihnachtslichter, alles blinkt, auch die Gesichter.

Erst nach ein paar Pints oder dem ein oder anderen Glas Wein kommt er dann doch hoch, der Ärger. Das Unverständnis. Der Missmut, über das, was die Regierung ihnen antun will. "So kann man uns doch nicht behandeln", schimpft ein 25-Jähriger, der im Asset-Management tätig ist. Er steht vor einer Corney & Barrow-Weinbar im Schatten des Nat West Towers und zieht an seiner Zigarette. "Wir arbeiten so hart. Der Finanzsektor, die Banken - das ist doch das Blut der britischen Wirtschaft. Wir schmeißen den Laden hier. Und was bekommen wir dafür?" Er schüttelt den Kopf. "Eine völlig überflüssige, populistische Bestrafung, die dem Land mehr schaden als nützen wird. Das ergibt keinen Sinn."

20.000 Banker betroffen

Ob sinnvoll oder nicht: Großbritannien macht Ernst. Als erstes Land haben die Briten am Mittwoch eine saftige Steuer auf Bankerboni eingeführt. Die Hälfte von allen Sonderzahlungen über 25.000 Pfund schluckt der Fiskus. Ein einmaliger Schritt, den andere Staaten bislang gescheut haben. Und der London teuer zu stehen kommen könnte.

Kaum ist der kühne Plan der Regierung verkündet, geht das Geschrei los, und die Gespenster wandeln. Das Gespenst vom Exodus der Banker. Vom Ende des Finanzplatzes London. "Purer Populismus", ätzt die konservative Opposition und sieht in der Strafsteuer den Versuch der Labour-Regierung, vor der Parlamentswahl verlorenes Vertrauen der Wähler zurückzugewinnen. Von anderer Seite gibt es Beifall: Ein "überfälliger Schritt", loben die Gewerkschaften.

Von der Sondersteuer betroffen sind laut britischem Finanzministerium rund 20.000 Banker. 550 Millionen Pfund will Darling so von den Banken "für die Steuerzahler zurückholen". Geld, das der Staat in die Institute während der Finanzkrise stecken musste.

Was aber bedeutet die Strafsteuer für die City? Ist das Endzeitgeschrei nur Alarmismus der Lobbyisten? Oder ist es ein Menetekel für eine Stadt, die wie keine zweite für ein Leben und eine Branche steht? Stirbt hier ein Mythos?

"Es trifft den Mittelbau"

Zumindest geht ein Kampf in die nächste Runde, der vor einigen Wochen anders auszugehen drohte: Im Herbst schien es, die Banker seien davonkommen. Die Regulierung stockte, der politische Wille schien erlahmt, und es gab sie wieder, die Gehaltsexzesse, die Partys, die Milliarden an Boni. Nun schlägt der Staat zurück. Und trifft da, wo es wehtut.

Und so dröhnen in dieser Nacht aus den Bars immer nur die gleichen Wörter. Unnötig. Sinnlos. Ein Witz. "Das Ganze ist ein großes Täuschungsmanöver, das die breite Masse besänftigen soll", sagt ein Banker. Ein Angestellter von JP Morgan wendet ein: "Die Banker, die eh schon seit Jahren ihre Millionen verdienen, wird es nicht so hart treffen. Es trifft den Mittelbau, jene Banker, die sich vielleicht gerade ein Haus gekauft haben." Denn viele Topverdiener bleiben verschont: Hedge-Fonds-Manager, Versicherer und jene Banker mit einem garantierten Bonus - etwa die höher gestellten Managing Directors.

Wer diese Wut verstehen will, muss die Bedeutung des Bonus verstehen: Der Bonus ist die Brennstoffzelle der City. Für ihn arbeiten die Heerscharen von Investmentbankern jedes Jahr, er ist das Ziel, er gibt Anreiz, das Adrenalin, ja sogar den Sinn.

Alles dreht sich um Boni

Weil der Bonus winkt, lassen sich Berufsanfänger ausbeuten, arbeiten Nächte und an Wochenenden durch. "Warum spielen alle dieses Spiel mit?", fragte kürzlich ein 32-jähriger Londoner Associate von der Deutschen Bank. "Es gibt nur eine Antwort: Es ist dein Bonus." Er saß an diesem Abend in einer Runde junger Kollegen von anderen Investmenthäusern in einem Pub, im Hintergrund spielte eine Jazzband, sie aßen Hamburger und tranken Lager. Es ging bodenständig zu, nur einer hatte Champagner bestellt. Sie alle waren sich einig: Der Bonus ist der Antrieb schlechthin. "Man bekommt nie ein Dankeschön in dem Job. Man bekommt auch keinen Respekt", sagte der Associate. "Aber man bekommt seinen Bonus."

Das Grundgehalt ist in den ersten Jahren nämlich oft gar nicht so hoch, es liegt oft unter 40.000 Pfund, nach ein paar Jahren können es schon knapp 60.000 Pfund sein. Das Interessante ist der Bonus, anfangs bekommen die Banker etwa 80 bis 100 Prozent der Summe noch mal oben drauf, später sind es dann 150 oder gar 200 Prozent. Und nach ein paar Jahren geht es dann richtig los, das Geldverdienen. Der Bonusstreit lähmt nun den Leistungsdrang vieler Angestellter, zumal der Berufsanfänger.

Gefährdeter Finanzplatz London

"Es gab bisher einen Deal: Geld gegen Zeit", sagte einer der Banker an jenem Abend. "Der Bonus für die besten Jahre deines Lebens." Viele ärgern sich auch über die Bestrafung eines ganzen Berufszweigs. "Natürlich kann ich den kleinen Mann verstehen", sagt der JP-Morgan-Banker. "Auf der anderen Seite trifft viele persönlich keine Schuld an der Krise. Sie haben in ihren Bereichen gutes Geld verdient. Und die werden nun in Mithaftung genommen." Im Eifer des Gefechts drohen einige, London den Rücken zu kehren. "Die Botschaft zu senden, dass Hochverdiener hier nicht willkommen sind, wird Musik in den Ohren von anderen Finanzplätzen sein", warnt Stuart Fraser von der City of London Corporation. Andere Stimmen malen drastische Szenarien, dass bis zu 40 Prozent der Finanzindustrie ins Ausland abwandern könnten.

Das dürfte übertrieben sein. Dennoch haben sich Standorte wie die Schweiz in Position gebracht. In teuren Londoner Hotels werben die Eidgenossen für ihre Standortvorteile. Allein im vergangenen Jahr sollen sie Dutzende Hedge-Fonds, die zusammen mehr als 15 Milliarden Dollar verwalten, von der Themse in die Alpen gelockt haben. Die Boni-Steuer könnte die Auswanderungswelle beschleunigen.

Für London wäre das ein Desaster. Der Finanzmarkt ist der am schnellsten wachsende Sektor. Vor Beginn der Krise machte er neun Prozent des Bruttosozialprodukts aus. Jahrelang hat sich die Politik bemüht, den Banken angenehme Bedingungen zu schaffen. Dennoch dürften nur wenige britische Steuerzahler Mitleid haben. Großbritannien steckt in der schlimmsten Rezession der Nachkriegszeit, die Staatsschulden sind explodiert, Tausende Briten haben ihre Jobs verloren.

Sondersteuer auch in Frankreich

Und andere Länder ziehen bereits nach: In einem Gesetzentwurf sieht Frankreich nach Informationen der Financial Times ebenfalls eine 50-prozentige Steuer auf Boni vor. Sie wäre für Zahlungen von mehr als 27.000 Euro fällig - also bei der gleichen Summe wie in Großbritannien. Bislang hat sich Frankreich auf einen Verhaltenskodex beschränkt.

Deutschland gibt sich verhalten. Kanzlerin Angela Merkel lobte den britischen Vorstoß zwar als "charmante Idee", ausdrücklich aber "für die City of London". Allerdings wollen die deutschen Großbanken schon in diesem Jahr die von 2010 an geltenden internationalen Regeln freiwillig anwenden. Die Vorgaben der G20 sehen vor, dass sich Boni am langfristigen Geschäftserfolg ausrichten.

Auch die USA werden dem britischen Vorbild nicht folgen, glaubt Douglas Elliott von der Denkfabrik Brookings Institution: "Es wird vielleicht einen Gesetzesentwurf geben", sagt Elliott. "Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass er durchgeht." Dabei schlägt auch in den USA die Bonusdebatte hohe Wellen. Aus einem Bericht des Rechnungshofs von New York geht hervor, dass allein die Großbanken Bank of America, Citigroup, Goldman Sachs, JP Morgan Chase, Morgan Stanley und Wells Fargo in diesem Jahr 112 Milliarden Dollar für Gehälter und Boni beiseitegelegt haben.

Grundgehalt statt Bonus

Auch die USA werden dem britischen Vorbild nicht folgen, glaubt Douglas Elliott von der Denkfabrik Brookings Institution: "Es wird vielleicht einen Gesetzesentwurf geben", sagt Elliott. "Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass er durchgeht." Dabei schlägt auch in den USA die Bonusdebatte hohe Wellen. Aus einem Bericht des Rechnungshofs von New York geht hervor, dass allein die Großbanken Bank of America, Citigroup, Goldman Sachs, JP Morgan Chase, Morgan Stanley und Wells Fargo in diesem Jahr 112 Milliarden Dollar für Gehälter und Boni beiseitegelegt haben.

Einige Banker erwarten, dass künftig dann eben das Grundgehalt steigt: "Das Wort 'Bonus' ist so belastet, dass man eh umschichten sollte. Dann wird das Grundgehalt höher, der Bonus kleiner", sagt ein junger Investmentbanker.

Wird sich also alles beruhigen? Zumindest gibt es in dieser Nacht auch Einsicht und Verständnis. An der Theke des Corney & Barrow lehnt ein Anwalt. "Viele meiner Freunde", erzählt er, "haben heute zu mir gesagt: Sollte ich ein bisschen bestraft werden? Wahrscheinlich schon."

FTD