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Steigende Benzinpreise: Gaddafi-Trauma an der Tanke

Wer an diesem Wochenende tanken will, muss mit Rekordpreisen rechnen. Schuld daran ist der Volksaufstand in Libyen - sagt zumindest die Ölindustrie.

Von Gernot Kramper

Rohölmärkte in Panik. Der Liter Super mancherorts schon über 1,60 Euro. Tankstellenpächter, die ihre wütenden Kunden angesichts der explodierenden Benzinpreise nur noch mit einem resignierten Schulterzucken begrüßen - für deutsche Autofahrer sind harte Zeiten angebrochen.

Anlass für die aktuelle Preisrallye sind die Unruhen in Libyen. Deutschland bezieht etwa zehn Prozent seiner Ölimporte aus dem nordafrikanischen Staat. "Nur" zehn Prozent. Deshalb kann von einer echten Ölknappheit hierzulande zwar nicht die Rede sein, doch die Preise werden auch bei uns durch die internationalen Rohstoff-Börsen bestimmt. Die wiederum reagieren auf Gerüchte und Stimmungen.

Und davon gibt es in und um Libyen derzeit eine ganze Menge: Zwar wird trotz der Unruhen weiter gefördert, und der Öldurst der Welt spült jeden Tag Millionen von Dollar in die Kassen des Diktators. Aber wie lange wird das Regime die Produktion noch aufrechterhalten können? Einige Ölfelder in Libyen sollen bereits in der Hand der Aufständischen sein. Wer überhaupt übernimmt die Macht, wenn Gaddafi fällt? Und was ist mit den Nachbarstaaten und überhaupt der ganzen Region?

"Der aktuelle Preisanstieg wird im Wesentlichen von der Krise in Nordafrika und den steigenden Rohölpreisen verursacht", sagt Karin Retzlaff vom deutschen Mineralölwirtschaftsverband. "Diesel steigt allerdings im Preis zusätzlich besonders stark wegen des kalten Winters und einer großen internationalen Nachfrage: In China werden Generatoren zur Stromerzeugung mit Diesel betrieben."

Exporte aus Libyen werden weiter einbrechen

Infolge der Unruhen strebte der Preis pro Barrel Öl auf die Marke von 120 US-Dollar für die Sorte Brent zu. Mitte Januar lag er noch bei 95 Dollar, Mitte 2010 gar erst bei 75 Dollar. Weitere Preissteigerungen hängen davon ab, wie die OPEC, die Gemeinschaft der Öl-Exporteure, reagiert, sagt Carsten Fritsch, Analyst bei der Commerzbank zu stern.de. Sie könne dazu beitragen, einen Preisanstieg abzuschwächen. "Die Märkte sind nervös und von Nachrichten getrieben. Der leichte Rückgang am Freitag basiert auf der Ankündigung Saudi-Arabiens, die Produktion hochzufahren."

In den kommenden Wochen sei aber trotz des Engagements Saudi-Arabiens mit weiter steigenden Preisen zu rechnen, so Fritsch: "Die italienische Nachrichtenagentur INA berichtet von drohenden Produktionsausfällen in Höhe von 1,2 Millionen Barrel in Libyen. Das sind 70 Prozent der Produktion. Andere Quellen schätzen die Verluste etwas geringer ein", berichtet der Finanzanalyst. "Aber sobald die Lagerbestände im Land abgebaut sind, schlägt der Rückgang auf den Export durch. Durch die unterschiedlichen Sorten könnten europäische Raffinerien das libysche Öl nicht sofort durch saudisches ersetzen."

Internationale Öl- und Gaskonzerne ziehen bereits ihre Mitarbeiter aus Libyen ab. Sollten die Unruhen anhalten oder der Handel mit Libyen boykottiert werden, wird der Preis für das Barrel Öl sehr schnell auf 150 Euro steigen. Dann muss der Autofahrer sogar mit Preisen von bis zu 1,77 Euro für Superbenzin rechnen.

Ein Ende des Preisanstiegs ist nicht in Sicht

Solange das Regime von Muammar al-Gaddafi Krieg gegen das eigene Volk führt, wird die Nervosität an den Märkten anhalten, die Preise werden steigen. Aber selbst ein Totalausfall von Libyen als Öllieferant würde nicht zu einer echten Versorgungskrise führen. Doch genau diese Angst, und vor allem die Spekalution damit, treibt die Märkte an. Denn Gaddafi ist nicht der einzig verbliebene Diktator in der Region.

"In Deutschland betrachten wir die Entwicklung mit Sorge", sagt Karin Retzlaff. Die Entwicklung sei nicht berechenbar. "Im Moment beruhigt Saudi Arabien die Märkte, doch im Grunde herrscht in Saudi Arabien doch auch ein totalitäres Regime." Sollte die Protestwelle auf Algerien, Kuwait oder Saudi-Arabien übergreifen, steht der Welt eine echte Ölkrise bevor. In diesem Worst-Case-Szenario – so fürchtet Jeffrey Currie von der US-Bank Goldman Sachs – sind weltweit Rationierungen zu erwarten. Neben Höchstpreisen drohen dann Verhältnisse wie in der Ölkrise von 1973. Damals versuchte die Regierung, mit Fahrverboten den Ölverbrauch zu drosseln.

Doch selbst nach einer Beruhigung der Lage in Nordafrika wird es langfristig kein billiges Öl mehr geben. Zu Erinnerung: Das aktuelle Preisniveau gab es bereits vor zweieinhalb Jahren. Dann kam die Finanzkrise. Der Einbruch der Weltwirtschaft dämpfte, vor allem in den Schwellenländern, den Hunger nach Öl und anderen Rohstoffen und führte zum unerwarteten Rückgang der Energiepreise. Inzwischen hat die Wirtschaft weltweit und auch in Deutschland wieder Tritt gefasst. Der Anstieg des Ölpreis wird also dort anknüpfen, wo er im Sommer 2008 ausgebremst wurde.

Und was die Revolten in Libyen und anderswo angeht: Den "Preis der Freiheit" für die Länder in Nordafrika und Arabien zahlt der Endverbraucher allein, alle anderen verdienen am Preisschock. Die erdölexportierenden Staaten setzen im Windschatten der Krise weltweit höhere Preise durch, die Spekulanten an den Rohölbörsen schüren die Panik, von der sie profitieren. Und der Staat freut sich über steigende Steuereinnahmen.

Mit Agenturen