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Studie zur Wettbewerbsfähigkeit: Eurosorgenkinder holen auf

Konkurrenz für die deutsche Wirtschaftslokomotive: Die kriselnden Euroländer Irland, Spanien, Portugal und sogar Griechenland steigern ihre Wettbewerbsfähigkeit. Deutschland fällt hingegen zurück.

Von Mathias Ohanian

Die Randstaaten der Eurozone holen gegenüber den Kernländern massiv an Wettbewerbsfähigkeit auf. Das geht aus einer noch unveröffentlichten Studie der globalen Researchfirma The Conference Board hervor, die der Financial Times Deutschland vorliegt. Demnach sind insbesondere Irland und Spanien seit 2008 deutlich konkurrenzfähiger geworden. Seit 2010 hat auch in Griechenland und Portugal die Anpassung in hohem Tempo begonnen.

Die Lohnstückkosten in den Eurorandländern sinken teils rapide - ein großer Lichtblick für den gesamten Kontinent", sagte Bart van Ark, Chefökonom von The Conference Board und Mitautor der Studie. Weil gleichzeitig die Kosten pro Stück in der deutschen Industrie und anderen Nordländern kräftig stiegen, schreite die makroökonomische Anpassung innerhalb der Eurozone voran.

Süden passt sich immer mehr an den Norden an

Damit widersprechen diese Volkswirte vehement jenen vor allem in Deutschland vertretenen Skeptikern, die ausschließen, dass die kriselnden Eurosüdländer innerhalb des Währungsraums wirtschaftlich wieder auf die Beine kommen können - und Griechenland deshalb den Austritt aus dem Währungsraum empfehlen.

Wie die Zahlen von van Ark und seinem Kollegen Bert Colijn zeigen, ist die makroökonomische Anpassung zwischen dem Süden und dem Norden Europas jedoch bereits fortgeschritten. Von Anfang 2008 bis Ende 2011 stieg die Konkurrenzfähigkeit aller angeschlagenen Randländer relativ zu den Kernländern deutlich. Die größten Fortschritte machten seitdem Irland und #link:http://cms.guj.de/iw/cci/meta/injection/iw-mount/iwstore5/main/stern2/WORKAREA/redaktion/bookmarks.html;Spanien#, wo die Kosten pro Produktionseinheit in der Industrie und bei den Dienstleistern um 6,3 beziehungsweise 4,4 Prozent sanken.

Auch Griechenland und Portugal machen Fortschritte

In Irland habe demnach die Flexibilität am Arbeitsmarkt die Entwicklung gestützt - Unternehmen konnten in der Rezession mit Entlassungen schneller auf die gesunkene Nachfrage reagieren. Die Erfolge auf der iberischen Halbinsel dürften den Forschern zufolge vor allem auf den höheren Einsatz von Teilzeitbeschäftigten zurückzuführen sein.

Seit Anfang 2010 machen auch die kleinen Südländer Griechenland und Portugal messbare Fortschritte. "In Griechenland sind die Lohnstückkosten 2010 und 2011 um mehr als fünf Prozent gesunken - das ist enorm", so van Ark. Das sei vor allem gesunkenen Löhnen zu verdanken. Damit steigerte die hellenische Wirtschaft ihre Konkurrenzfähigkeit in den vergangenen beiden Jahren wie kaum eine andere im Währungsraum.

Lohnstückkosten in Deutschland am höchsten

Noch höher ist das Aufholtempo der Peripherie gegenüber dem Kern des Kontinents in der für die Exportwirtschaft wichtigen Industrie. Der Studie zufolge sanken die Lohnstückkosten in Irlands verarbeitendem Gewerbe seit 2008 um 41,5 Prozent. Damit kostet dort eine produzierte Ware heute nur noch etwa die Hälfte dessen, was vor der Finanzkrise bezahlt wurde. Auch Spaniens Industrie erzielte ein knapp zweistelliges Minus.

Im Gegenzug haben die als wettbewerbsstark geltenden Nordländer des Währungsraums seit 2008 teils massiv eingebüßt. Nirgends legten die Lohnstückkosten stärker zu als in der deutschen Industrie - nämlich um 14 Prozent. Auch in Österreich und Finnland sind die Zuwächse beträchtlich. "Die Anstiege gehen in Deutschland und Österreich vor allem auf die Kurzarbeit zurück, auf die viele Unternehmen in der Rezession 2009 zurückgegriffen haben", so Ökonom van Ark. Statt ihre Beschäftigten zu entlassen, hatten viele Unternehmen sie trotz Wirtschaftskrise gehalten - jedoch weniger Stunden arbeiten lassen. Das drückt die Produktivität bis heute. "Höhere Lohnabschlüsse in der deutschen Industrie könnten die Anpassung in Europa weiter begünstigen", sagte van Ark. Weil deutsche Exporteure international immer stärker die Nachfrage aufstrebender Schwellenländer bedienten, seien höhere Lohnanstiege nicht dramatisch - gleichzeitig müsse jedoch die Produktivität gesteigert werden.

Ein Austritt Griechenlands führt zu massiver Rezession

Mit den Produktivitätsgewinnen im Süden und den Verlusten im Norden dürfte die in Europa notwendige makroökonomische Anpassung langfristig gelingen, glaubt van Ark. Entsprechend warnt er vor einem Ausstieg Athens aus dem Währungsraum: "Darunter würde mittelfristig sowohl die Wettbewerbsfähigkeit Griechenlands als auch der verbliebenen Länder in der Eurozone leiden." Zwar könnte Hellas bei einem Ausscheiden über die Abwertung der neuen Währung kurzfristig konkurrenzfähiger werden und die Wirtschaft stimulieren. Langfristig dürften jedoch die Nachteile überwiegen - auch weil Reformen erstmal nicht helfen würden.

Für die restlichen Euroländer sei ein Griechen-Austritt van Ark zufolge voraussichtlich mit einer massiven Rezession und kräftig steigender Arbeitslosigkeit verbunden. Verständigten sich die Regierungschefs der Eurozone in den kommenden Wochen indes auf eine Fiskalunion, dürfte davon die Wettbewerbsfähigkeit aller Staaten im Währungsraum in den kommenden Jahren profitieren, glauben die Experten.

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