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"Wie Jugoslawien nach Tito": Chaos bei Thyssen-Krupp: Das sagt die entmachtete Gründerfamilie zu dem Drama

Finanzinvestoren gegen Traditionalisten: Bei Thyssen-Krupp tobt ein Machtkampf um die Zukunft des Essener Weltkonzerns. Nun meldet sich die entmachtete Gründerfamilie in einem Interview zu Wort - und zieht Vergleiche zum jugoslawischen Bürgerkrieg.

Traditionskonzern in Gefahr: Thyssen-Krupp leidet unter schwachen Geschäftszahlen und einem harten internen Machtkampf

Traditionskonzern in Gefahr: Thyssen-Krupp leidet unter schwachen Geschäftszahlen und einem harten internen Machtkampf

DPA

Der Name Thyssen-Krupp steht wie kaum ein anderer für deutsche Industriegeschichte. Für den Aufstieg der westdeutschen Schwerindustrie, das dunkle Kapitel in der NS-Zeit, und bis heute für einen Weltkonzern und wichtigen Arbeitgeber in der Region. 160.000 Mitarbeiter hat der 1999 aus den beiden Einzelunternehmen fusionierte Stahl-Gigant weltweit, etwa 67.000 davon im deutschsprachigen Raum, 39.000 in Nordrhein-Westfalen.

Doch nun tobt bei ThyssenKrupp ein Machtkampf um die zukünftige Ausrichtung, der den Konzern zu zerreißen droht. Die internationalen Finanzinvestoren Cevian und Elliott drängen auf eine Zerschlagung des Industrieriesen, auf die Abspaltung einzelner Sparten, weil der Gesamtkonzern nicht mehr sonderlich profitabel ist und zuletzt sogar in die roten Zahlen rutschte. 

Gegen die Zerschlagung wehren sich Arbeitnehmervertreter und Teile des Managements. Doch mit den Rücktritten von Vorstandschef Heinrich Hiesinger und Aufsichtsratschef Ulrich Lehner, der "Psychoterror" beklagte, haben die Gegner der Zerschlagung zuletzt ihre beiden wichtigsten Köpfe verloren. 

Krupp-Nachfahren kritisieren die Stiftung, die ihren Namen trägt

Nun äußern sich erstmals die Nachfahren der Gründerfamilie Krupp zu dem Chaos im Konzern. In einem Interview mit dem "Handelsblatt" beziehen die Cousins Eckbert und Friedrich von Bohlen und Halbach sowie Diana Friz ausführlich Stellung. Das Trio bildet den sogenannten "Familienrat", der mehr als 50 Nachkommen der Familie Krupp von Bohlen und Halbach repräsentiert - aber keinerlei Mitspracherecht im Unternehmen hat.

In dem Gespräch schießen die Nachfahren vor allem gegen die Krupp-Stiftung als größten Aktionär des Unternehmens. Die heißt zwar offiziell "Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung", die Nachfahren mit diesem Namen sind dort aber nicht vertreten: "Wir kritisieren, dass die Stiftung ihrem unternehmerischen Auftrag nicht nachkommt", sagt Friedrich von Bohlen und Halbach. "Wenn ich mit 21 Prozent größter Aktionär eines Unternehmens bin, dann muss ich eine klare unternehmerische Strategie haben und dazu Farbe bekennen." 

In den Augen der Krupp-Nachfahren fehlt es in dem Gremium heute an unternehmerischer Kompetenz. Diese wurde bis zu seinem Tod 2013 vom legendären Berthold Beitz verkörpert, der den Konzern als Generalbevollmächtigter zusammen mit Alfried Krupp seit den 50er Jahren wiederaufgebaut hatte.

Machtvakuum "wie in Jugoslawien nach Tito" 

Nach dem Tod von Alfried Krupp wurde Beitz der alleinige starke Mann im Unternehmen. Den Versuch des Familienrates, wieder Einfluss zu gewinnen, vereitelte er auf juristischem Wege. Nun rechnen die Krupp-Nachfahren mit Beitz' Erbe ab. "Berthold Beitz hat es versäumt, die Stiftung so zu besetzen, dass das Kuratorium seinen Aufgaben auch heute noch gerecht werden kann", sagt Diana Friz, die ihren Onkel Alfried Krupp noch persönlich kennenlernte.

Beitz habe einen autokratischen Führungsstil gepflegt, fast schon selbstherrlich, ergänzt Friedrich von Bohlen und Halbach. "Als er starb, fand sich die Stiftung in einer ähnlichen Situation wieder wie Jugoslawien nach Tito: eine Art post-autokratische Dekompressions-Apathie."

Die Familienmitglieder sehen die Einheit des Unternehmens gefährdet, die zu bewahren eigentlich der offizielle Auftrag der Stiftung ist. Einer Abspaltung einzelner Sparten, wie von den Investoren gefordert, stehen sie aber dennoch positiv gegenüber. "Die 'Einheit des Unternehmens' bedeutet für uns nicht, bis zum Sankt Nimmerleinstag Stahl oder Aufzüge zu produzieren. Denn sonst läuft man Gefahr, ein veraltetes Geschäftsmodell am Leben zu erhalten", sagt Eckbert von Bohlen und Halbach. "Es kann Sinn machen, einzelne Sparten zu verkaufen", sagt sein Cousin Friedrich ausdrücklich. Dies müsse aber einer klaren Strategie folgen. "Das heißt, die Stiftung müsste für solche Fälle einen Plan haben, auch wie sie dadurch gewonnene Gelder investiert und nutzt. Ferner, wie sie mit möglichen sozialen Härten umgehen würde." Wie auch immer es mit Thyssen-Krupp weitergeht, die Nachfahren der Gründerfamilie werden wohl nur Zuschauer sein.