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Horst von Buttlar: Der Capitalist: Zerschlagung von ThyssenKrupp: Mit einem Denkmal kann man keine Zukunft bauen

Die Zerschlagung von ThyssenKrupp wird als Endkampf um die soziale Marktwirtschaft inszeniert. Das Beispiel taugt aber nur bedingt. Die Lager Gut und Böse scheinen längst ausgemacht.

Die Debatte um ThyssenKrupp hält das Land in Atem

Die Debatte um ThyssenKrupp hält das Land in Atem

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Die Stahlgewitter bei , seit Tagen halten sie das Land in Atem: Eines der letzten deutschen Konglomerate ringt um seine Zukunft. Alles ist hochemotional und symbolisch, weil hier Jahrzehnte von Industriegeschichte erzittern wie Gemälde an holzvertäfelten Wänden der Villa Hügel; mit überlieferten Versprechen auf Sterbebetten, "die Einheit des Unternehmens für die fernere Zukunft möglichst zu wahren". Und weil 160.000 Menschen um ihre Zukunft fürchten. Es fehlt noch, dass uns Bertold Beitz, der letzte Generalbevollmächtigte der Krupps, leibhaftig erscheint.

Zwei Lager kämpfen erbittert um zwei gegensätzliche Strategien: Auf der einen Seite die Investoren Cevian und Elliott, die ThyssenKrupp zerlegen wollen, in einzelne, angeblich wertvollere Teile. Auf der anderen Seiten sind die Arbeitnehmer und Teile des Managements, die die Einheit erhalten wollen, aber nach nun mit Aufsichtsratschef Ulrich Lehner einen zweiten Abgang von ganz oben verkraften müssen.

Mit Macheten durch Industrieurwälder

Die Lager Gut und Böse scheinen ausgemacht: Hier die Investoren, die unersättlich sind; die die Aufspaltung um jeden Preis fordern, die gierigen Geier, die mit ihren neumodischen Zerschlagungsstrategien machetenmäßig durch gewachsene Industrieurwälder ziehen. Der nächste konzernfreie Landstrich voller "Abgehängter" scheint besiegelt. Stahlharter Shareholer-Value eben.

Auf der anderen Seite die Kämpfer der sozialen Marktwirtschaft, die verantwortlich handeln und nicht zulassen, dass zwischen Essen, Duisburg und Bochum ein westdeutscher "Rust Belt" entsteht. Die "Stakeholder"-Philosophie, die alle mit einbezieht: Mitarbeiter, Kunden, Eigentümer. "Wer Klassenkampf von oben sät, wird einen neuen Klassenkampf von unten ernten", warnt schon der ehemalige Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel im "Handelsblatt" und erklärt die Investoren zu potentiellen "Feinden der Demokratie".

Sagen wir mal so: In einem Kinofilm würde ich mich ohne zu zögern auf die Seite von Gabriel schlagen. Klar! Unser Herz schlägt für Industrie-Ikonen, für Tradition, für 160.000 Menschen. Nicht für Fratzen des Kapitalismus wie Eliott-Chef Paul Singer, der vor Hiesinger auch schon den begabten Klaus Kleinfeld (Ex-Alcoa-Chef) auf dem Gewissen hatte. Indes: Das ist kein Film. Und es geht noch nicht mal um Geschichte. Mit einem Denkmal kann man keine Zukunft bauen, und mit einem Museum verteidigt man keine Märkte. Mit Emotionen und Erinnerungen schon gar nicht.

Das falsche Beispiel für den Endkampf

Welche Strategie ist die richtige? Es wäre wohl vermessen, dies in ein paar Sätzen aus der Hüfte zu beantworten. Zumal wenn sich kluge Köpfe in Dutzenden Vorstandsvorlagen, die eine ganze Bibliothek einer Villa Hügel füllen könnten, seit Jahren darüber den Kopf zerbrochen haben. Wenn ich jetzt "Experten" anrufen würde, bekäme ich für jede Sicht eine Meinung. Ich denke, wir sollten uns stattdessen lieber eines fragen: Ob ThyssenKrupp für diesen angeblichen Endkampf der sozialen Marktwirtschaft das richtige Beispiel ist.

Denn diese Krise ist nicht über Nacht über Thyssen hereingebrochen: Am Anfang steht eine gigantische Fehlentscheidung vor über einem Jahrzehnt, als sich der Konzern mit einem Stahlwerk in Brasilien verhob. Diese Investition brachte Thyssen an den Rand seiner Existenz, kostete Milliarden, aber auch Zeit und Energie. Ähnliches beobachten wir derzeit bei General Electric – zu viele Fehler, zu viele Milliarden für falsche Zukäufe, auch hier erfolgt der Umbau – der eine Zerschlagung ist – in höchster Bedrängnis.

Das Vakuum der Krupp-Stiftung

Siemens zum Beispiel wandelt sich derzeit aus eigener Kraft, ohne von "Heuschrecken" gejagt zu werden, weil man rechtzeitig mit dem Umbau begonnen hat, aus freien Stücken und einer Position der Stärke. Und egal, wie man die Floskel um Joe Kaesers "Flottenverband" finden mag oder zu der schicken Strategie steht - hier wird immerhin planvoll exerziert (was ironischerweise dazu führen könnte, dass Siemens eines der letzten Konglomerate bleibt, wenn GE und in dem Tempo weitermachen.)

Thyssen ist seit Jahren ein Getriebener, und der größte Aktionär, die Krupp-Stiftung, wo die Geschichte gerade am heftigsten weht, ist derzeit das größte Vakuum. Und so eindrucksvoll und anständig Heinrich Hiesinger den Koloss auch umbaute und kulturwandelte – die Zukunftsfrage der Filetierungsfraktion hat einen Punkt: Können vielleicht einzelne Bereiche tatsächlich besser agieren, wenn sie eigenständig sind? Was, wenn 160.000 Arbeitsplätze eher eine Zukunft haben, wenn sie getrennt sind? Vielleicht werden es sogar 180.000? Oder können 20.000 andere 50.000 bedrohen? Unternehmen wie Bayer haben mit Abspaltungen wie Covestro und Lanxess immer wieder bewiesen, das einstige Sparten erfolgreich sein können. Natürlich gibt es auch hier Gegenbeispiele, die Handysparte BenQ von Siemens etwa. Die aber war vorher schon ohne Geschäftsmodell.

Die obige Überlegung heißt nicht, dass alle Konglomerate von gestern sind, auch wenn es gerade modern und in Mode ist, die Gebilde zu zerlegen, getreu dem Motto: Synergien schaffen kein Wachstum, nur Fokus tut dies. Gegenfrage: Warum wurden sie dann überhaupt einmal erschaffen? Nun, weil damals die Regel galt, dass man zum einen Synergien hebt (gemeinsame Funktionen nur einmal unter einem Dach), und weil man glaubte, dass mal der eine oder der andere Teil des Konglomerats stark ist oder schwächelt, und alles sich gegenseitig ausgleicht. Die Logik ist nicht falsch.

Diese "Gesetze" sind aber keine "Zehn Gebote des Managements". Und nur, weil Gebilde vor 50 Jahren so gebaut wurden, müssen sie nicht das ideale Konstrukt für die Zukunft sein. Ein Familienunternehmen wie Bosch etwa mag sich verschiedene Sparten leisten – es gibt aber kein Grundrecht aufs Konglomerat. Die tragische Ironie dieser Tage ist nur, dass uns ausgerechnet einer der aggressivsten, unsympathischsten und unerbittlichsten Investoren wie Elliott diese so simple Rechnung aufmacht.