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Tour-de-France-Berichterstattung: Live mitgestalten - abschalten

Die Tour de France ist zu einem traurigen Spektakel geworden, doch Sat.1 scheint das nicht zu stören. Niveau als Kapital ist unwichtig geworden - das zeigt, wie sehr Finanzinvestoren die Sendergruppe beherrschen.

Ein Kommentar von Johannes Röhrig

Egal, ob es noch immer weitere Dopingfälle gebe, hat der Chef der Senderfamilie ProSieben Sat.1, Guillaume de Posch, trotzig hinausposaunt, "wir werden weiter übertragen". Der Zuschauer solle entscheiden.

Am Dienstag warf das Team Astana hin, nachdem ihr Top-Fahrer Winokurow unter Blutdoping-Verdacht geraten war. Sat.1 sendet.

Nachdem ARD und ZDF aus der Doping-Tour ausgestiegen waren, schnappte sich der schwindsüchtige Kanal die TV-Rechte. Zahlen muss er dafür - nach allem, was man hört - fast nichts. Auch die TV-Bilder - Sat.1 hat keine Sportredaktion (!) - kommen zum Discount-Preis aus Frankreich bei dem Berliner Sender an. Die Sponsoren der Epo-Reklame-Veranstaltung sind schon froh, wenn sich einer der vermeintlich großen Sender überhaupt für das traurige Spektakel interessiert. So zeigt Sat.1 seit Tagen nichts anderes als eine Art Schleichwerbesendung für Trikot-Aufnäher und die kraftmeierische Wirkung von Pharmazeutika.

Auch Niveau ist ein Kapital

Es ist eine Farce, die der Sender veranstaltet. Das haben selbst die Zuschauer gemerkt. Am Montag erreichte Sat.1 mit der Tour-Übertragung gerade mal vier Prozent der so heftig umworbenen jüngeren Zuschauerschaft. Bei den Älteren sah es kaum besser aus. Der Kanal ist schlicht heruntergewirtschaftet.

Das ist jammerschade, denn früher war Sat.1 ein Programm, das sich auch mal kostspielige Sendungen leistete. Die rechnen sich zwar nicht immer auf den Cent, aber sie gaben dem Kanal Ansehen und Niveau. Auch das kann man bei einem Privat-Sender als Kapital werten.

Heute beherrschen Finanzinvestoren die Sendergruppe - und die haben eine andere Vorstellung von Kapital. Doch die neue Ignoranz könnte sich noch rächen: Werbekunden sehen mittlerweile kritisch, mit welcher Geschwindigkeit der Sender an Image verliert.

Gute Argumente für Private-Equity-Beschränkungen

Immerhin einen Nebeneffekt kann die ganze Aufregung um den Niedergang von Sat.1 noch entwickeln: Sie spielt jenen in der Bundesregierung gute Argumente in die Hand, die derzeit hier zu Lande eine gesetzlichen Beschränkung der Beteiligungs-Möglichkeiten so genannter Private-Equity-Firmen und ausländischer Staatsfonds planen.

Der Zuschauer kann die Diskussion nun live mitgestalten: Er sollte Sat.1 abschalten. Sat.Null!