Verbraucher Diese Frau regiert die Welt


Einfache Amerikaner wie Suzanne Cornwell bestimmen den US-Verbraucherindex - und damit das Klima der internationalen Wirtschaft. Denn gerade sie können Beben auslösen.

Manchmal fürchtet sich Suzanne Cornwell. Sie hat dann Angst vor der Zukunft, "die Zeiten sind so". Sitzt auf dem Sofa im schmucken Eigenheim, Colonial Hill Drive, in Wallingford, Connecticut, einem Städtchen zwei Stunden nördlich von New York City. Dies ist eine für amerikanische Verhältnisse hübsche Ecke mit gepflegten Häusern und kleinen Gärten davor und schönen Holzterrassen dahinter und Basketballkörben in den Einfahrten. Es ist an sich kein Ort, an dem man Angst haben müsste. Amerika ist hier noch intakt und ziemlich durchschnittlich.

Aber wenn

Suzanne, Assistentin des Dekans an der vornehmen Privatschule "Choate Rosemary Hall", abends nach Hause kommt und gegessen hat mit Ehemann Roger und Enkel Noah und Tochter Stacey und sie sich dann gemeinsam vor den Fernseher setzen und die Nachrichten laufen, bekommt sie es eben doch gelegentlich mit der Angst zu tun. Da ist ständig vom bevorstehenden Krieg die Rede. Oder von korrupten Wirtschaftsbossen und gigantischen Pleiten und wenig rosigen Aussichten. Ende des Monats häufen sich diese Nachrichten, und dann sagen die gelackten Moderatoren mit einem Lächeln auf den Lippen Sätze wie: "Der Index des US-Verbrauchervertrauens ist wieder um 14,3 Prozentpunkte gefallen und hat damit den niedrigsten Stand seit neun Jahren erreicht." Das war Ende Oktober. Im November stiegen die Prozentpunkte ein wenig - und krachten im Dezember zusammen. Die Amerikaner hatten ihr Vertrauen in die Wirtschaft wieder verloren. Und die Nachrichtensendungen auf allen Kanälen in den Vereinigten Staaten brachten das als Top-News neben Irak und noch vor Nordkorea. Es sieht nicht gut aus.

Suzanne

Cornwell, 53 Jahre, vier Kinder, diplomierte Erzieherin, war ein kleiner Bestandteil dieser Meldung. Sie hatte darüber mit entschieden, wie sich die Verbraucher in der mächtigsten Nation der Welt fühlen. Sie hatte einen Fragebogen ausgefüllt, wie 4.999 andere Amerikaner. Das Ergebnis machte Schlagzeilen - rund um den Globus.

An jedem

letzten Dienstag des Monats werden die Daten des US-Verbrauchervertrauens veröffentlicht, und die Wirtschaftsexperten überall warten gierig darauf. Darüber berichten das "Wall Street Journal" und die "New York Times" ebenso üppig wie das "Handelsblatt", die "FAZ", "Le Monde", der "Guardian" oder der "Asahi News Service" in Tokio. Die Überschriften lauteten zuletzt sinngemäß: "Verbraucher gefährden US-Wachstum" oder "Vertrauensschock für Aktien" oder "Neue Daten belasten den Dollar". Es ist der Wert, der längst die Börse beeinflusst. Und eben nicht nur in Amerika. Hüsteln die US-Verbraucher, bekommen die deutschen Wirtschaftsforscher kalte Füße, mindestens. Nicht nur die. Dow Jones, Nikkei, Dax, Nasdaq oder Nemax - alles gut und schön. Aber in den vergangenen Jahren, speziell seit Börsencrash und Internet-Implosion, gilt der "Consumer Confidence Index" als verlässlichstes Messinstrument für Experten, Anleger und Wirtschaftsinstitute. Diese Zahlen - ermittelt durch eine repräsentative und sehr exakte Umfrage - bestimmen über das Wohl und Wehe der Weltökonomie. Und Suzanne Cornwell bestimmt mit.

Sie selbst

empfindet das als gleichermaßen erstaunlich wie "scary", furchteinflößend. Und es hat auch ein Weilchen gedauert, bis die sympathische Frau mit dem offenen Lächeln und der Sammelleidenschaft für Teddybären realisierte, wie wichtig diese Kärtchen sind, die sie in regelmäßigen Abständen nach bestem Wissen und Gewissen ausfüllt. Suzanne Cornwell ist Miss Average, Frau Normalbürger. Und genau aus diesem Grund so interessant für das so genannte Conference Board, ein Wirtschaftsforschungsinstitut, in dessen Auftrag die Umfragen entstehen. Auf freiwilliger Basis natürlich und ohne Entlohnung. Suzanne hat mal ein Steakmesser-Set bekommen, als kleines Dankeschön. Das war?s auch schon. Sie interessiert sich nicht sonderlich für Politik und Wirtschaft. Sie studiert auch nicht die Business-Seiten in der Zeitung. Suzanne Cornwell fühlt ganz einfach. Sie geht einkaufen in ganz normalen Supermärkten und kann sich freuen wie ein Kind, wenn der Kassenzettel im "Stop&Shop" von Wallingford ausweist, "dass ich in diesem Jahr schon 1714 Dollar und 96 Cent durch Rabatte gespart habe". Suzanne führt den täglichen Überlebenskampf wie zig Millionen anderer Amerikaner. Sie hört nicht auf die schrillen Botschafter des "buy, buy, buy" und "get, get, get". Sie betrachtet Konsum ganz nüchtern - "ich kaufe das, was wir brauchen". Sie lebt ein unaufgeregtes Leben ohne große Ausschläge nach oben oder unten. Suzanne Cornwell repräsentiert Amerika.

Wenn sie auf die allgemein gehaltenen Fragen nach ihrem Eindruck von der "economic situation", der Lage auf dem Arbeitsmarkt oder den Einkommenserwartungen, lediglich die Rubrik "mittelmäßig" ankreuzt, kann das eben damit zusammenhängen, dass die Preise für Brot und Milch oder Bonbons für den Enkel gerade gestiegen sind. Oder dass Sohn Joe, 23, immer noch als Türsteher vor einem Strip-Club jobben muss. Aber genau so wollen das die Leute von der "NFO Worldgroup", jener Meinungsforschungsfirma, die für das Conference Board die Umfrage erstellt und in deren Datenbank 575.000 Amerikaner gelistet sind. 5.000 davon werden Monat für Monat nach dem Zufallsprinzip per Computer ausgelost, bekommen die Fragen per Post und entscheiden letzten Endes über Börsenstimmung und Dollarkurs und Wirtschaftslage: Daumen nach oben oder nach unten, je nach Gefühl und persönlichem Erleben. Das alles geschieht unter höchster Anonymität. Und ehe man Mrs oder Mr Average überhaupt treffen darf, müssen die allerlei Formulare ausfüllen und zustimmen, dass ihr Name genannt wird.

Dann endlich

trifft man Suzanne in ihrem kleinen Büro an der renommierten Schule und stellt fest, dass sie statistisch in vielem dem Bild des braven amerikanischen Mittelstands entsprechen mag. Aber gewiss keine durchschnittliche Frau ist. Sie hat vier Kinder großgezogen, war vor der Ehe mit Roger schon einmal 16 Jahre verheiratet. Sie hasst Schulden und tilgt die Zinsen ihrer vier Kreditkarten mindestens einmal pro Jahr. Suzanne hat immerhin 1.000 Dollar auf dem Sparkonto, wohingegen der Durchschnittsamerikaner mit gut 8.000 Dollar bei den Banken in der Kreide steht, gleich elf "credit cards" besitzt und mit einer Karte die Miesen auf den anderen abträgt. Ein Teufelskreis. Suzanne könnte so nicht leben, "ich bin konservativ". Schlägt nicht über die Stränge, träumt vom kleinen Glück. Träumt gerade vom Jahresurlaub mit Roger. Eine Woche Kreuzfahrt für 1.500 Dollar auf einem Nichtraucherschiff, "Bermudas, Puerto Rico, US Virgin Islands, wonderful".

Sie will

nicht klagen. Mit Roger, Ingenieur im Dienst der Stadt, kommt sie gemeinsam auf rund 90.000 Dollar Jahreseinkommen. Das ist mehr als das Doppelte des durchschnittlichen US-Haushaltsverdienstes. Nur, so kann Suzanne nicht rechnen, weil Roger und sie die Finanzen streng trennen, "mein Geld, sein Geld". Es ist die Regel in Zeiten wirtschaftlicher Schwindsucht und scheidungsmäßiger Hausse. Obendrein schleppt sie Tochter Stacey und deren Sohn, Enkel Noah, mit durch. Stacey kehrte zurück ins mütterliche Haus, als sie im dritten Monat schwanger war. Inzwischen ist Noah drei Jahre alt, Stacey diplomierte Biologin und verdient gutes Geld. Aber die Tochter beteiligt sich nicht am Unterhalt. Jeder ist sich selbst der Nächste, und man muss früh sehen, wo man bleibt, und auf die Altersversorgung achten, selbst mit Mitte 20. Mutter Suzanne, großes Herz, richtet's schon. Was soll sie machen?

Sie beschwert

sich nicht. Hat einen guten Job, einen guten Mann, die Kinder, und das Haus mit vier Schlafzimmern ist längst abbezahlt. Aber sie sorgt sich. Schaut im Fernsehen die Nachrichten, und die sind in Wallingford nicht verheißungsvoller als in Wuppertal. Krieg und Krisen. "Well", sagt Suzanne, "uns geht's ja gut." Vergleichsweise. Sie hat da eine Schülerin aus Kenia, 19 Jahre jung, die kam mit einem Stipendium in die Staaten und spielt Fußball in der Schulmannschaft. Das Mädchen überweist alles Geld nach Hause. Bettelarm sei die. Also hilft Suzanne. "Wenn sie Bücher braucht oder Schuhe, kaufe ich ihr das." Es tut ja sonst keiner. Sie sagt: "Das ist meine Mission." Nur hat sie in diesem Jahr vor Weihnachten weniger gespendet als sonst. Sie hätte ja gern, aber es ging nicht. Sie sagt das in einem Tonfall, als wäre das peinlich und eine Schande.

Jeden letzten

Dienstag im Monat werden die Daten des US-Verbrauchervertrauens herausgegeben. Das ist ein mathematisch-kühles Zeremoniell mit nackten Zahlen und klugen Forschern und nüchternen Analysen. Danach gehen die Nachrichten um die Welt, Top-News beinahe überall. Manchmal ist Suzanne Teil des Ganzen. Und es ist irgendwie gut zu wissen, dass die Broker an der Wall Street wenigstens einmal im Monat verdammten Respekt haben vor einer überdurchschnittlich warmherzigen Mrs Average aus Wallingford, Connecticut.

Michael Streck

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