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Verbraucherschützer Billen: Der pragmatische Weltverbesserer

Er will die Welt verbessern: Gerd Billen ist der neue Chef des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen. Er hat die Hoffnung aus Studientagen noch nicht aufgegeben, Umweltkatastrophen verhindern und die Lebensbedingungern vieler Menschen verändern zu können.

Von Ulrike Schuler

Es ist seine Ungeduld, die ihn antreibt. Sie sorge dafür, dass er die Dinge nicht so belassen wolle, wie sie sind, sagt der neue Chef des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen, Gerd Billen. Der Wunsch zur Weltverbesserung zieht sich wie ein roter Faden durch Billens beruflichen Lebensweg: Als Student der Sozial- und Ernährungswissenschaften war er bei Amnesty International und in Umweltgruppen aktiv. Später arbeitete er als Pressesprecher beim Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU), gründete 1985 die Verbraucher Initiative, war über zwölf Jahre Bundesgeschäftsführer des Naturschutzbundes Deutschland (NABU) und leitete von 2005 bis 2007 den Bereich Umwelt- und Gesellschaftspolitik beim Otto-Versand. Seit August sitzt der 52-Jährige nun als oberster Verbraucherschützer in seinem Büro im fünften Stock in der Kochstraße in Berlin-Mitte.

"Ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass wir die Welt vor größeren Umweltkatastrophen bewahren und die Lebensbedingungen vieler Menschen verbessern können", sagt Billen. Als Chef der Verbraucherzentralen will er seinen Teil dazu beitragen, dass die Kunden ökologische und soziale Aspekte beim Einkauf berücksichtigen. Das Thema "Nachhaltigkeit" ist neben Gesundheit, Finanzdienstleistungen und den neuen Medien einer der vier Schwerpunkte, die er sich für seine Amtszeit gesetzt hat. "Ich will die Fülle von Themen der Verbraucherzentralen bündeln", sagt Billen.

"Von der Umweltbewegung können wir lernen"

Ein anderes Ziel sind Kampagnen und Aktionen nach dem Vorbild der Bürgerinitiativen. "Von der Umweltbewegung und ihren Methoden können wir lernen", ist Billen überzeugt. Außerdem habe ihm das Organisieren von Demos gegen starke Gegner wie die Atom- oder Chemieindustrie schon während seiner Zeit als Umweltschützer Spaß gemacht. Eine Kampagne ist bereits angelaufen: Unter dem Motto "Ärgern Sie Ihren Stromanbieter" fordern die Verbraucherzentralen zum Wechsel des Versorgers auf und verbinden den Anreiz des Geldsparens durch weniger Stromverbrauch geschickt mit dem Umweltschutzaspekt. Für "schlichtweg Unsinn" hält Billen das Argument der Versorger, gestiegene Beschaffungskosten machten höhere Strompreise notwendig. "Ich habe den Eindruck, dass da die Marktmacht ausgenutzt wird", sagt er.

Dabei ist für den Verbraucher- und Naturschützer nicht generell jedes Unternehmen ein Feindbild. Für seine zweijährige Zeit auf der "anderen Seite" als Leiter der Abteilung Umwelt- und Gesellschaftspolitik beim Otto-Versand ist er "dankbar". Dort überprüfte er, ob die ökologischen und sozialen Standards, die sich das Unternehmen gegeben hat, auch eingehalten werden. "Ich habe erlebt, in welchen Zwängen ein Unternehmen steckt, das sich auf dem globalen Markt bewegt." Das sei ihm zuvor nicht so klar gewesen.

Billen ist ein "hartnäckiger Netzwerker"

Besonders wenn man Billen nach persönlichen Dingen fragt, nimmt er sich erstmal eine Weile Zeit zum Überlegen. Dann rückt er die schwarze, halb einfasste Brille zu Recht und antwortet sehr gewählt. Das besondere Bedürfnis, die Umwelt zu schützen, komme bei ihm wohl daher, dass er sich gerne in der Natur aufhalte und auf dem Land aufgewachsen sei. In seiner Freizeit fahre er Rad und laufe gern und habe schon allein deswegen ein Interesse an sauberer Luft. Zudem habe ihn noch als Schüler das Buch "Die Grenzen des Wachstums" von Dennis Meadows sehr beeindruckt und sein Interesse für die Ökologie geweckt.

Dass er mit seinem Engagement für Umwelt und Verbraucher immer in Spitzenpositionen aufrückte, hat er wohl einigen herausragenden Eigenschaften zu verdanken. Er sei jemand, der Visionen formulieren und Leute motivieren könne, sagen ehemalige Kollegen über ihn. Und ein "hartnäckiger Netzwerker". "Ich bin ein ganz guter strategischer Denker, der Probleme schnell erfassen und nach Lösungen suchen kann", beschreibt er sich selbst. Visionen habe er, ja. Aber auch einen großen Pragmatismus, ein starkes Gespür dafür, was an Veränderungen erzielt werden könne und was nicht. Seine Vision für den neuen Job: Mehr Menschen repräsentieren zu können als der ADAC mit seinen rund 15 Millionen Mitgliedern. Ein nicht gerade niedrig angesetztes Ziel. Der Dachverband der 16 Verbraucherzentralen und 25 anderen Verbänden hat derzeit rund neun Millionen Einzelmitglieder.

Der ideale Verbraucher ist der zufriedene Verbraucher

Die künftigen Neumitglieder will er mit konkreten Hilfestellungen ködern. Die Verbraucher sollen sich informieren können, wie sie das beste Pflegeheim für die Mutter finden oder welche Klinik für ihr spezielles Leiden am geeignetsten ist. "Ich will den Patienten eine Stimme verleihen", kündigt Billen an. Auch über so "hochkomplizierte Angelegenheiten" wie die Altersvorsorge sollen die Verbraucherzentralen beraten. Die "Abzocke" bei der Internetnutzung, die Urheber- und Zugangsrechte sind weitere Bereiche, die ihm besonders am Herzen liegen.

Und was wünscht er sich vom Verbraucher? "Der ideale Verbraucher ist der zufriedene Verbraucher, der Spaß am Konsum hat, aber auch soziale und ökologische Aspekte berücksichtigt." Die Gier- und Schnäppchenmentalität solle bei ihm nur ab und zu durchbrechen. Ganz frei sei er davon selbst auch nicht, gesteht er. Er freue sich sehr, wenn er im Schlussverkauf Kleidung finde, die nicht nur ein paar sondern gleich dreißig Euro billiger sei.

Sein "größter Erfolg" ist seine Familie

Nach Niederlagen gefragt, fallen Billen nicht verhinderte Hochspannungsmasten und Straßen ein. Begradigte Flüsse und der seiner Ansicht nach viel zu spät beschlossene Atomausstieg. Sein größter Erfolg? Dass er ab Mitte der achtziger Jahre vielen Holzschutzmittelgeschädigten bei ihren Prozessen gegen die Herstellerfirmen habe helfen können. "Es war ein tolles Gefühl zu sehen, dass Menschen, die sehr viel leiden mussten, am Ende eines langen Weges wieder Lebensmut bekamen und auch Erfolge erringen konnten."

Noch vor dem geglückten Einsatz für die Holzschutzmittelgeschädigten nennt Billen jedoch seine Familie als "größten Erfolg". Seine Frau und die drei Töchter. Für die will er sich sogar Mühe geben, seine treibende Kraft, die Ungeduld, "abzumildern".