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Volkswagen: "Es geht ums Überleben"

VW quält sich mit zu hohen Kosten. Ab September verhandelt das Unternehmen mit den Gewerkschaften über die Zukunft. In einem stern-Interview bricht Betriebsratschef Bernd Osterloh jetzt mit alten Gewerkschaftspositionen.

Von Jan Boris Wintzenburg

Bernd Osterloh schwitzt. Trotz des kurzärmeligen Hemdes, das der Vorsitzende des Gesamtbetriebsrats von Volkswagen in diesen Tagen im Büro trägt, glänzt sein kahlgeschorener Schädel feucht. Die Temperatur in seinem nüchternen Arbeitszimmer klettert gegen Mittag in Richtung 30-Grad. In den denkmalgeschützten Bürogebäuden auf dem Gelände des Volkswagenwerkes gibt es keine Klimaanlage - erst recht nicht für den obersten Arbeiterführer von VW. Schließlich soll keiner der rund 340.000 Konzernbeschäftigten, der vielleicht mal in sein Büro kommt, denken, die Gewerkschafter würden sich das Leben leicht machen.

Vielleicht liegt es an dieser Hitze, dass Osterloh die gewerkschaftlichen Tabubrüche in einem stern-Interview so leicht über die Lippen kommen: Rückkehr zu längeren Arbeitszeiten? Warum nicht, wenn die Arbeit tatsächlich da ist. Voller Lohnausgleich? Eine Beteiligung am Gewinn - sofern denn einer anfällt - reicht völlig aus.

In der klimatisierten IG-Metall-Zentrale in Frankfurt dürfte es einigen altgedienten Gewerkschaftsfunktionären angesichts der Worte ihres mächtigen Kollegen aus Niedersachsen ebenfalls heiß werden. Schließlich steckt die IG-Metall wegen Mitgliederschwund, zunehmender Globalisierung und schwacher Konjunktur sowieso in einer schwierigen Lage. Da kann Gewerkschaftsboss Jürgen Peters die Querschüsse aus Wolfsburg gegen seine erklärte Gewerkschaftslinie kaum gebrauchen.

Zwischen Leben und Tod

"Es geht um das Überleben von Volkswagen", begründet Osterloh seine überraschende Kompromissbereitschaft schon vor den im September beginnenden Tarifgesprächen im VW- Konzern. Bei denen strebt der VW-Vorstand eine Verlängerung der Arbeitszeit an, um die Produktionskosten zu senken. "Das könnte ein Weg sein", kommentiert Osterloh das Modell der Arbeitgeber. Einen Arbeitsplatzabbau möchte er um fast jeden Preis verhindern. Dazu muss auch die nächste Version des Dauerbrenners VW-Golf wieder im VW-Stammwerk produziert werden.

Bisher wurde die Arbeitgeberlogik (mehr Wochenstunden = niedrigere Arbeitskosten = mehr Arbeit) von der IG-Metall und ihren Funktionären stets abgelehnt. Die offizielle Gewerkschaftsposition sieht vor, die vorhandene Arbeit auf die Belegschaft zu verteilen und notfalls die Arbeitszeit zu senken. Nur damit sei die Massenarbeitslosigkeit zu bekämpfen. So entstand in Wolfsburg einst das Modell der Vier-Tage-Woche mit einer Wochenarbeitszeit von 28,8 Stunden.

Am langfristigen Erfolg dieses 1993 eingeführten Arbeitszeitmodells zweifelt Betriebsratschef Osterloh nun erstmals öffentlich. Die Entscheidung sei damals zwar richtig gewesen, "aber wir hätten in den folgenden Jahren, als wir mehr und mehr Autos verkauft haben, die Arbeitszeit sukzessive wieder erhöhen sollen."

Sparen, sparen, sparen

Solche Aussagen dürften auch die Anleger freuen, die die notorisch hohen Produktionskosten bei VW, insbesondere am größten Standort Wolfsburg, schon lange mit Sorge betrachten. Doch mit Einzug des vor gut einem Jahr von Daimler-Chrysler zu VW gewechselten Managers Wolfgang Bernhard scheint sich vieles zum Besseren zu wenden - auch aus Sicht des Betriebsrats

Denn sogar Bernd Osterloh lobt den bisher bei Gewerkschaftern eher als Kostenkiller verschrienen Ex-McKinsey-Berater ausdrücklich für seine "sehr systematische" Vorgehensweise. Er habe längst überfällige Entscheidungen getroffen. "Mit Wolfgang Bernhard macht sich hier endlich mal jemand Gedanken darüber, wie man ein Auto kostengünstiger bauen kann." Damit kritisiert Osterloh indirekt den Volkswagen-Vorstandsvorsitzenden Bernd Pischetsrieder als zu zögerlich. Dieser ist bereits vier Jahre im Amt.

Erste Erfolg des Wirkens von Bernhard lassen sich schon heute in der Produktion besichtigen: Im Werk Wolfsburg, so Osterloh, sei die Zeit, die man für die Produktion des viel zu kompliziert geratenen Massenmodells Golf brauche, von anfangs 50 Stunden auf inzwischen nur noch 37 Stunden gesunken. Beim Nachfolgemodell Golf VI, das ab 2008 gebaut wird, soll sich die Produktionszeit noch einmal deutlich verringern.