VG-Wort Pixel

Folgen des Abgas-Skandal Wie die VW-Krise ganz Wolfsburg runterzieht


Wie schwer die VW-Krise wiegt, spürt man erst richtig in Wolfsburg. Über der Stadt, die es ohne Volkswagen gar nicht gäbe, liegt eine bleierne Schwere. Ein Besuch im Epizentrum des Abgas-Skandals.

Wolfsburg ist verärgert. Jämmerlich sei das alles, sagt zum Beispiel Elisabeth. Was die da drüben bei Volkswagen gemacht haben. Haushaltssperre, volle Zeitungen - der Abgas-Skandal ist Tagesgespräch. "Aber wir wissen ja noch nicht viel", ergänzt die ältere Dame, immer noch nicht. Sie kneift die Augen hinter ihrer Hornbrille zusammen, streicht sich eine Strähne ihrer langen grauen Haare aus dem Gesicht und grinst schief. Seit die Stadt angesichts der drohenden Milliardenkosten für VW vorsorglich schon mal den kommunalen Haushalt auf Eis legte, wissen auch die Wolfsburger, dass die Lage ernst ist.

Elisabeth, die in Wahrheit anders heißt, hat einen Stand auf einem Kunsthandwerker-Markt, draußen auf der Burg Neuhaus, ein paar Kilometer außerhalb von Wolfsburg. Die Stadt ist dank der Eingemeindung etlicher Dörfer in der 1970er-Jahren zur Großstadt geworden - und zugleich zu einer Mini-Version eines Landkreises.

Rund um die kleinen Orte breiten sich Neubaugebiete aus, seit Jahren wächst VW und mit dem Autobauer auch der regionale Wohlstand. Hier, ganz im Osten von Niedersachsen, ist Volkswagen alles - selbst für Leute, die gar nicht bei VW arbeiten. So wie Elisabeth. Ihre Geschäfte laufen. Gut gelaunt drängen sich die Menschen über den Markt. Die Sonne scheint. Über den Skandal werde viel, aber nicht allzu lange geredet, sagt sie. "Es ist irgendwie noch sehr still."

Die Stadt muss sich Sorgen machen

Noch. Bislang weiß auch hier niemand, was aus diesem Abgas-Skandal erwachsen wird. Auch wegen der groß angelegten Razzia, bei der die Staatsanwaltschaft Braunschweig in Wolfsburg und anderen Orten Akten und Computer sichergestellt hat. Teuer wird es für VW - so viel ist sicher. Und vor allem deswegen muss sich Wolfsburg Sorgen machen. Mehr als 70.000 Menschen arbeiten im VW-Stammwerk, gut 120.000 leben in der Stadt. Wie "Zeit online" berichtet, droht Wolfsburg, dass es möglicherweise von Volkswagen vorab gezahlte Gewerbesteuern zurückzahlen muss. Oberbürgermeister Klaus Mohrs wiegelt ab. Das lasse sich noch nicht absehen. Auch hier also: Unsicherheit. 

Die wirtschaftliche Bedeutung des größten deutschen Unternehmens reicht weit über die Grenzen von Stadt und Land hinaus, doch hier ist sie besonders greifbar. Konzernfremde Autos wie Opel oder Ford mit einem WOB-Kennzeichen haben Seltenheitswert. Dafür sieht man - stets glänzend - die neuesten Modelle aus dem Hause Volkswagen.

Am Ende könnte das Diesel-Drama um Betrug und technische Tricks soviel Geld kosten, dass es selbst für VW nicht mit einem Griff in die gut gefüllte Kasse getan sein könnte. Diese Erkenntnis schwappte in den vergangenen Tagen durch die Stadt wie die verspätete Flutwelle nach einem weit entfernten Erdbeben - und erinnerte die verwöhnten Wolfsburger  und mit ihnen ganz Niedersachsen daran, dass nach wie vor gilt: "Niest VW, liegen wir flach."

Hitler legte den Grundstein

Bisher haben die Wolfsburger schon einige Krisen überstanden. Das schweißt zusammen - und macht einem gerade in der Umgebung nicht nur Freunde. Ohne Volkswagen gäbe es die Stadt nicht. Adolf Hitler legte 1938 den Grundstein für die Fabrik, die bis heute und wohl für ihre gesamte Existenz die Stadt und die Menschen prägt und prägen wird. Vorher standen hier ein paar Dörfer und zwei etwas größere Orte. Links Fallersleben, rechts Vorsfelde, quer dazu der Mittellandkanal und die parallel laufende Bahnstrecke zwischen Hannover und Berlin.

Dazwischen, nördlich des Kanals, steht das Schloss Wolfsburg: schönste Weser-Renaissance, umgeben von ein paar Fachwerkhäusern und der Kirche St. Marien. Auch im Zentrum zeugen ein paar Bauernhäuser noch von den einstigen Dörfern Heßlingen oder Rothenfelde.

"Da weiß man doch wirklich nicht, was man sagen soll", sagt ein Werker, der seinen Namen gar nicht nennen will. Klar, er sei sauer. Aber Angst? Wut? "Nein". Das sind große Gefühle. Und die Menschen hier sind nicht für große Gefühlsregungen bekannt. Stattdessen herrscht Fassungslosigkeit - im Wortsinn.

Ein Werksgelände so groß wie Monaco

Wie konnte das passieren? Wie konnten die Leute auf der anderen Seite des Kanals glauben, damit durchzukommen? Nicht erwischt zu werden? Wie konnten sie die Risiken in Kauf nehmen, die der Betrug mit sich bringt - nicht nur für sich selbst und ihre Karrieren, sondern schlimmstenfalls für das ganze Unternehmen, für die ganze Stadt.

Oben auf dem Klieversberg trennt der Wind ein paar gelbe Blätter von den Bäumen. Etwas über 100 Meter hoch erhebt sich der Hügel im Süden Wolfsburgs. Wären die Nationalsozialisten beim Bau ihrer Musterstadt für die Arbeiter der gigantischen Autofabrik auf der anderen Seite des Mittellandkanals nicht vom Weltkrieg erst gebremst und dann völlig abgehalten worden - hier stünde die Stadtkrone, repräsentativ und protzig. Nun steht hier ein Mahnmal für die Kriegstoten. Ein halb versunkener Ein-Mann-Bunker erinnert an die finstersten Tage.

Das ist lange vorbei. Es ist hell. Der Himmel blau, freundliches Herbstwetter, angenehm. Wie groß das VW-Werk ist, lässt sich von hier aus am besten ermessen. Die Perspektive drängt die Häuser der Stadt zusammen, dahinter erstreckt sich das Werksgelände, in dem das Fürstentum Monaco bequem Platz fände. Es ist das Herz und Hirn von Europas größtem Autobauer. Die Aussicht lockt. Die Ausflügler, die sich hier die Zeit vertreiben, sitzen auf Bänken und reden.

Nicht schön, nicht groß

Wer wusste wann was? Wer hatte die Idee? Der Blick geht nach Norden, zum VW-Hochhaus. Irgendwo hinter den kilometerlangen Backsteinfronten muss jemand den Diesel-Plan geschmiedet haben. Aber wer? Und wann? Wolfsburg macht sich Sorgen. Doch Antworten hat hier niemand parat.

Wolfsburg ist nicht schön, nicht groß. Die Menschen hier sind daran gewöhnt, dass ihre Stadt auch in ruhigen Zeiten nicht eben bewundert wird. Der VW-Erfolg hat aus den Minderwertigkeitskomplexen der künstlichen Stadt ein ganz eigenes, trotziges Selbstbewusstsein geschaffen.

Die vielen Errungenschaften - vom weltweit renommierten Kunstmuseum über Eishalle, Spaßbad, Ritz-Carlton-Hotel, Planetarium bis hin zur ICE-Haltestelle - gehen natürlich auf das Konto des Automobilbaus und sind keineswegs typisch für eine 120.000-Einwohner-Stadt. Die Wolfsburger wissen das. Doch sie wollen sich das nicht ständig von Fremden sagen lassen - oder sich gar dafür rechtfertigen müssen. Das Gefühl schweißt zusammen.

Bleibt der VfL Wolfsburg ein Topclub? 

Gleiches gilt für den Fußballclub VfL, der dank der VW-Millionen seit Jahren wie erfolgsverwöhnte Groß- und Traditionsvereine wie Bayern München, FC Barcelona oder Manchester United auf dem Transfermarkt agieren kann. Dank VW ist das Großstädtchen im internationalen Fußball zu Hause.

Spott und Häme von den gegnerischen Fans sind den Wölfen seither ähnlich gewiss wie den finanzkräftigen Mäzenen-Vereinen aus Hoffenheim oder Leipzig. Seit 2012 versucht Klaus Allofs als Sportchef, die von VW alimentierte VfL Wolfsburg Fußball GmbH - eine 100-prozentige VW-Tochter - zu einem "sympathischen Club" zu machen. Dafür wurde er kurzerhand aus seinem laufenden Vertrag in Bremen herausgekauft.

"Wir werden uns auch das ansehen", hat der neue Volkswagen-Chef Matthias Müller bereits angekündigt, dass auch der Fußball ein Thema bei der wegen des Skandals anstehenden Konzern-Revision sein wird. In allen Bereich des VW-Kosmos wird es nach Ansicht des neuen starken Manns "nicht ohne Schmerzen gehen." Wieso also nicht beim Marketinginstrument Fußball, das über die Tochter Audi auch ein Engagements beim FC Bayern und Neu-Bundesligist FC Ingolstadt beinhaltet. Noch glaubt VfL-Sportchef Allofs nicht, dass es seinen Club treffen wird: "Es gibt keinen Grund, sich jetzt Sorgen zu machen." Und: "Dies geht in eine andere Richtung."

Neidvoller Blick auf das volle Stadtsäckel

Dennoch: Die rosigen Zeiten könnten schon bald vorbei sein. Nicht nur für den amtierenden Pokalsieger und Vize-Meister, sondern auch für den Wolfsburger Stadtkämmerer. Jahr für Jahr richtete sich - etwa aus Hannover, Braunschweig oder Göttingen - der neidvolle Blick der Rathaus-Oberen auf das volle Stadtsäckel der reichsten Stadt Niedersachsens. Und nicht nur das. Dank der VW-Steuern etablierte sich über Jahre der "Wolfsburger Standard", wie es Thorsten Bullerdiek vom Städte- und Gemeindebund nennt. Top-Ausstattungen in Kitas und Schulen, moderne Sport- und Spielplätze, kulturelle Angebote, von denen manche Millionenstadt träumt - in Wolfsburg war das normal.

Das ist auch 2015 nicht anders als 2005 oder in den Jahren davor. In den Ärger über die Verantwortlichen bei VW mischt sich bereits jetzt Trotz gegenüber jenen, die nun plötzlich alles infrage stellen. Ob es der Stadt und dem Unternehmen hilft, wird sich erst zeigen müssen.
Elisabeth jedenfalls ist sicher, dass es am Ende gut wird. Eine Alternative dazu gibt es allerdings auch nicht wirklich. So bleiben vorerst nur das Warten und bei manchen die Angst - auch das schweißt zusammen.

Sebastian Raabe/Marco Hadem/DPA/dho

Mehr zum Thema