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VW-Affäre: Ein Jahr VW-Korruptions-Skandal

Ein Jahr nach Beginn der VW-Affäre um Schmiergeld, Lustreisen und Sexpartys auf Firmenkosten ist noch kein Ende der Ermittlungen in Sicht. Denn der weltumspannende Skandal zieht seine Kreise bis nach Indien, Angola oder Brasilien.

Am Anfang stand ein Rücktritt. Die VW-Arbeiter rieben sich verwundert die Augen, als der langjährige einflussreiche Chef des Betriebsrats Klaus Volkert in der großen Werkshalle in Wolfburg am 30. Juni 2005 seinen Abgang verkündete. Es war der erste große Paukenschlag in einer Affäre, die Europas größten Autobauer bis in die Grundfesten erschütterte. Was danach geschah, könnte als Drehbuch für einen mehrteiligen Fernseh-Thriller dienen. Und das Ende ist immer noch offen - auch für Peter Hartz, den prominenten VW-Arbeitsdirektor, der im Zuge des Skandals seinen Hut nehmen musste.

Blankoschecks und Luxusreisen

Zunächst ahnte niemand etwas von dem wahren Ausmaß der Affäre. Erst nach und nach kamen immer mehr Einzelheiten ans Licht: Weitverzweigte krumme Geschäfte mit Strohmännern und Tarnfirmen, Schmiergeldzahlungen und Blankoschecks, Luxusreisen und Sexpartys auf Firmenkosten - auch für Betriebsräte, die damit bei Laune und auf Unternehmenslinie gehalten werden sollten. Es gab viele Aussagen und viele Dementis. Manch einer nutzte die Affäre wohl auch für einen persönlichen Rachefeldzug.

Der Wirtschaftskrimi begann Mitte Juni 2005 in Prag. Dort musste Skoda-Personalchef Helmuth Schuster seinen Posten räumen, weil er nach den Ermittlungen Geld auf private Konten umgeleitet hatte, das VW zustand. Einem Bankangestellten waren Unregelmäßigkeiten aufgefallen. Dann kam heraus, dass Schuster ein Netz von Tarnfirmen entwickelt und für Manipulationen genutzt haben soll. Zulieferer berichteten von Schmiergeld-Forderungen. Bis nach Angola soll er die Fühler ausgestreckt haben. In Indien trat er als VW-Unterhändler für den Bau einer Montagefabrik auf. Zwei Millionen Euro Anschubfinanzierung waren über Monate unauffindbar.

Gebauer packte aus

Schuster und sein enger Mitarbeiter Klaus-Joachim Gebauer waren die ersten beiden Beschuldigten der Staatsanwaltschaft und die Schlüsselfiguren in der Affäre. Schuster war in den 90-er Jahren in Wolfsburg der zweite Mann hinter Hartz, galt als dessen Vordenker und Mitautor des Arbeitsmarktkonzeptes. Gebauer war in der Personalabteilung für die Beziehungen zum Betriebsrat zuständig. Nachdem er fristlos entlassen worden war, packte er über seinen Rechtsanwalt Wolfgang Kubicki aus.

Jedes Wochenende war fortan in den Gazetten von immer neuen schlüpfrigen Details zu lesen: Über Liebesferien mit der Geliebten in Brasilien und anderswo, Ausflüge ins Rotlichtmilieu und wilde Partys mit Prostituierten. Abgerechnet wurde meist über Eigenbelege als Vertrauensspesen zu Lasten von VW, so fand die Justiz heraus. Gebauer organisierte das, für den Boulevard war er der "Sex-Manager". Die Namen Volkert und Schuster tauchten oft auf und dann wurde immer häufiger auch der Name Hartz genannt.

Auch Hartz im Kreis der Beschuldigten

Am 8. Juli - knapp zwei Wochen nach den ersten Berichten über die Affäre tritt Hartz zurück. Drei Monate später nimmt die Staatsanwaltschaft ihn in den Kreis der Beschuldigten auf. Sie sieht Anhaltspunkte dafür, dass er deutlich mehr gewusst hat als er zugibt. Als Beschuldigter hat Hartz bisher noch keine Aussage gemacht. In seiner Zeugenaussage zuvor hatte der 64-jährige bestritten, von den Machenschaften in seiner Abteilung gewusst zu haben.

Letzte Klarheit über alles, was geschehen ist, herrscht bis heute nicht. Auch Anklage wurde bisher nicht erhoben. Die Braunschweiger Staatsanwälte ermitteln gegen 14 Beschuldigte wegen des Verdachts auf Untreue und Betrug oder Beihilfe dazu. Hartz und Volkert sind ebenso darunter, wie ein Bundestags- und ein Landtagsabgeordneter, Schuster und Gebauer. Gegen sechs Beschuldigte wurde das Verfahren inzwischen abgetrennt. Sie hatten nach Erkenntnissen der Justiz nur am Rande mit den Ereignissen zu tun und können demnächst mit einer Entscheidung darüber rechnen, wie ihre Verfahren ausgehen. Die anderen werden wohl noch bis Jahresende warten müssen.

Mindestens fünf Millionen Euro Schaden

Den finanziellen Schaden bei Volkswagen bezifferte die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG auf mindestens fünf Millionen Euro. Allein in den ersten drei Monaten sichteten die Prüfer fast 100.000 Schriftstücke und werteten 400.000 Dateien aus mit einem Volumen von 134 Gigabyte. Der Image-Schaden lässt sich mit Geld kaum bemessen. Aber VW-Boss Bernd Pischetsrieder hat den Skandal auch genutzt, um in dem Unternehmen aufzuräumen. Bei VW weht jetzt ein anderer Wind.

Eva Tasche/DPA / DPA