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VW-Skandal: Die Wolfsburg

Gegen die Betriebsräte der IG Metall lief bei Volkswagen nichts. Doch seit der Affäre um Korruption und Lustreisen bröckelt ihre Macht. Die Arbeiter fühlen sich verraten und haben Angst zu reden. Eine ganze Stadt geht in Deckung.

Um die Mittagszeit erhält W. einen anonymen Anruf. "Du bist gesehen worden, wie du dich im Hotel mit zwei stern-Reportern getroffen hast", raunt der Anrufer. "Sei vorsichtig! Du wirst beobachtet." W. ist Betriebsrat. Normalerweise lässt er sich nicht so leicht einschüchtern. Doch jetzt bittet W., seinen Namen nicht zu nennen. "Ich rechne sonst mit Repressalien."

Normal ist in Wolfsburg seit zwei Wochen nichts mehr. Erst trat der mächtige Betriebsratschef Klaus Volkert zurück und gab zu, an einer Tarnfirma beteiligt gewesen zu sein. Danach wurde bekannt, dass ein Mitarbeiter von Peter Hartz, der inzwischen entlassene Klaus-Joachim Gebauer, bei VW offensichtlich auch dazu da gewesen ist, Vergnügungsreisen für Betriebsräte zu organisieren. Schließlich bot am vergangenen Freitag sogar Personalvorstand Peter Hartz seinen Rücktritt an; einen Tag bevor bekannt wurde, dass auch für Hartz die Reisekosten für eine Prostituierte aus der Firmenkasse bezahlt worden sein sollen. Volkswagen selbst, die größte Autofabrik Europas, hat sich nach den Schmuddelgeschichten in eine Festung verwandelt. Die Wolfsburg hat ihre Brücken hochgezogen: 50.000 VW-Mitarbeiter, 67 Betriebsräte, das Management und nahestehende SPD-Politiker - keiner will mehr etwas sagen. Selbst der sich sonst gern im Licht der Öffentlichkeit sonnende CDU-Oberbürgermeister Rolf Schnellecke lehnt ein Interview ab. Nur so viel lässt er mitteilen: "Wolfsburg ist nicht irgendeine Stadt, es gibt eine Schicksalsgemeinschaft mit dem Konzern - in guten wie in schlechten Zeiten." Kein Wunder: Sein Familienunternehmen macht millionenschwere Geschäfte mit Volkswagen. Für viele ist auch Schnellecke Teil des Filzes.

Der Betriebsrat W. arbeitet seit mehr als 30 Jahren bei Volkswagen. Schon damals fand er, dass VW "ein System hatte wie in der Ostzone". Es könne "nicht zu einem guten Ende kommen, wenn die Arbeitgeber und die IG Metall so stark miteinander verflochten sind". W. meint damit, dass die Arbeitnehmervertreter bei VW einen einzigartigen Einfluss haben: Sie halten im Aufsichtsrat nicht nur die Hälfte der Posten, sondern verfügen gemeinsam mit den zwei Vertretern der Landesregierung über die Mehrheit - weil diese bis 2003 als SPD-Mitglieder quasi natürliche Verbündete der Gewerkschaft waren. In den zurückliegenden Jahren gab es keine einzige wichtige Entscheidung gegen den Willen des IG-Metall-Betriebsrats. Doch auch der Vorstand fuhr gut mit dem "System VW": "In den letzten Jahren hat das Management meist uns Betriebsräte in die Werkshalle geschickt, wenn es unangenehme Nachrichten zu verkünden gab", sagt Bernd Osterloh, der neue Betriebsratschef und Nachfolger des zurückgetretenen Volkert.

In keinem anderen Konzern hat die IG Metall so viel Macht wie bei VW. Mehr als 90 Prozent der Beschäftigten sind Mitglied der Gewerkschaft. Keine Lohnerhöhung, keine Versetzung aus der Produktion in eine Fachabteilung geht ohne Zustimmung eines der 60 IG-Metall-Betriebsräte über die Bühne. Personalvorstand Peter Hartz war IG-Metall-Mitglied - und bei seinem Nachfolger darf die IG Metall wieder ein gewichtiges Wort mitreden. "Die Kiste läuft doch so", sagt Betriebsrat W. "Bei Lohnerhöhungen oder Versetzungen wird ganz genau geguckt: Ach, der Meier ist nicht Mitglied der IG Metall. Und dann erfindet man halt irgendwelche Dinge, warum man nicht zustimmen kann." Die Sekretärin Britta M., seit 23 Jahren bei VW, erinnert sich, wie sie eingestellt wurde: "Neben dem Arbeitsvertrag lag gleich das Beitrittsformular für die Gewerkschaft, ich dachte, da muss man unterschreiben." Bei manchen Arbeitern im Werk heißt die IG Metall deshalb schon "Rote Armee". Zumal die Beschäftigten bei Betriebsratswahlen gar nicht einzelne Kandidaten wählen können, sondern nur ganze Listen: entweder IG Metall oder die Winzlinge von der Christlichen Gewerkschaft beziehungsweise den Unabhängigen Betriebsräten.

Einer der wenigen, die sich derzeit in Wolfsburg trauen, ihren Namen und ihre Meinung zu sagen, ist Eitel Harnack. Der VW-Arbeiter aus der Stahlräderfertigung schrieb vergangene Woche einen Leserbrief an die Lokalzeitung: "Inzwischen glaube ich immer mehr, dass man uns verkauft. Das zu erreichen geht nur, indem man Betriebsräte kauft, und das fängt schon damit an, dass Betriebsräte Dienstautos zur Verfügung gestellt bekommen." Harnack fragt: "Wie kann man objektiv sein, wenn das Unternehmen Dienstwagen und womöglich andere Dinge zur Verfügung stellt?" Für den VW-Arbeiter und ehemaligen IG-Metall-Vertrauensmann sind die Betriebsräte heute eine ziemlich abgehobene Schicht. "Wie mein Betriebsrat heißt, weiß ich gar nicht. Gesehen hab ich ihn auch noch nicht. Er sitzt aber, glaube ich, in Halle 42." Harnack sagt, viele Kollegen hätten das Gefühl, dass der Betriebsrat mehr auf Seiten des Unternehmens stehe als auf Seiten der Beschäftigten. "Der Hartz, der Schuster und der Volkert, die haben sich doch alle geduzt. Das stört mich. Es muss doch eine Trennung sein zwischen Arbeitnehmerseite und Arbeitgeber."

Es gibt auch einen IG-Metall-Betriebsrat, der bereit ist, sich zu treffen. Er schickt eine SMS und schlägt vor: "10 Uhr, Café Extrem, Breslauer Straße." Als er kommt, bittet auch er darum, nicht mit Namen genannt zu werden. "Meine Person tut nichts zur Sache." Was Klaus Volkert gemacht hat, sei "Verrat". "Das ist Missbrauch der Mitbestimmung." Jetzt fürchtet der IG-Metall-Betriebsrat, dass durch die Korruptionsaffäre die einzigartige Zusammenarbeit bei VW von Betriebsrat und Vorstand für immer zerstört wird. "Das System VW bedeutete für uns: Management und Belegschaft gegen den Rest der Welt."

Lange Zeit galt dieses System tatsächlich als Erfolg: Während der Rest der Welt, zum Beispiel Siemens, unter dem Druck der Globalisierung Tausende Stellen abbaute, führte Hartz in Wolfsburg die Vier-Tage-Woche ein. Der Rest der Welt war kalt und neoliberal. In Wolfsburg war man solidarisch und sozial. Damals gab es Betriebsversammlungen, auf denen die Leute aufstanden, Volkert applaudierten und Hartz feierten. VW schien möglich zu machen, was andernorts immer schwieriger wurde: erfolgreich zu sein - ohne jemanden zu entlassen. Die Arbeiter verdienten mit der Vier-Tage-Woche jährlich bis zu 4000 Euro weniger. Aber dank des großzügigen Haustarifs hatten sie immer noch mehr Geld als andere Metaller. Ein VW-Arbeiter in der Lackiererei verdient mit Zuschlägen rund 2900 Euro brutto im Monat.

Doch die Erfolgsstory begann in den 90er Jahren zu schwächeln: Sonderzahlungen wurden gekürzt, Zuschläge gestrichen. Bei der letzten Tarifverhandlung gab es keine Lohnerhöhung. Demnächst sollen gar Nachtschichten auslaufen und damit auch die Zuschläge eingespart werden. Das Stammwerk in Wolfsburg ist heute nur zu 60 Prozent ausgelastet, die Kosten liegen um 40 Prozent höher als bei der Konkurrenz, die VW-Fahrzeugproduktion schreibt Verlust. "Seit Jahren hören wir nur eins: Ihr seid zu dumm, zu teuer, zu viele", sagt der Ingenieur Markus S. Und wenn man sich beim Betriebsrat beschwere, bekomme man nur eine Antwort: "Seid froh, dass ihr bei VW seid, euch geht's gut."

Die Kluft zwischen Image

und Wirklichkeit, zwischen den glitzernden Türmen des Erlebniscenters "Autostadt" und dem Frust in den Montagehallen nebenan, zwischen Funktionären und Arbeitern, wird immer größer. Ein Symbol dafür sind auch die Dienstwagen. Während bei Daimler-Chrysler in Stuttgart nur der Betriebsratsvorsitzende und sein Stellvertreter einen bekommen, haben in Wolfsburg alle 67 Betriebsräte darauf Anspruch. Der IG-Metall-Betriebsrat im Café Extrem reagiert auf dieses Thema ziemlich empfindlich. "Ich finde, die Dienstwagen sind ein völlig unwichtiges Detail", sagt er. "Das Werk ist riesengroß, da braucht man eben Dienstwagen, um mit seinen Arbeitern in Kontakt zu bleiben." Und unwirsch fügt er an: "Ich habe keine Lust, mit Ihnen über so einen Scheiß zu reden."

Unter den VW-Arbeitern sind die Dienstwagen ihrer Betriebsräte aber sehr wohl ein Thema. Und manche erzählen, dass dahinter ein Deal stecke: Als die Führungskräfte des Konzerns einen zweiten Dienstwagen bekommen sollten (intern "Hausfrauenauto" genannt), hätte der Betriebsrat die Sache abgesegnet - und im Gegenzug selbst Anspruch auf Dienstwagen erhalten. Der Betriebsrat wollte sich dazu im stern nicht äußern.

Ende vergangener Woche wandte sich die Wolfsburger IG Metall in einem offenen Brief an die VW-Arbeiter. "Liebe Kolleginnen und Kollegen", schreibt die IG-Metall-Geschäftsführung, "was ihr derzeit tagtäglich in den Medien lesen und hören müsst, ist unglaublich - es erschüttert und schmerzt, macht wütend und verunsichert. Wir wollen, dass alles, was derzeit an Vorwürfen im Raum steht, schnellstens und lückenlos aufgeklärt wird - da darf nichts, aber auch gar nichts unter den Teppich gekehrt werden." Gleichzeitig bitten die Gewerkschafter aber auch um "Verständnis dafür, dass wir uns zu den einzelnen Vorwürfen nicht äußern, solange die Prüfung nichts Konkretes ergeben hat. Eines versprechen wir euch aber bereits jetzt: Wer Mist gemacht hat, muss dafür geradestehen".

Auch der örtliche SPD-Bundestagsabgeordnete Hans-Jürgen Uhl hat leider gar keine Zeit, Auskunft zu geben. Dabei dürfte Uhl viel wissen: Seit 1990 war er Geschäftsführer des Gesamtbetriebsrats, von 1999 bis 2003 sogar Generalsekretär des Welt-Konzernbetriebsrats bei VW. Noch heute erhält der Bundestagsabgeordnete Uhl monatlich Geld von VW. Sein Wahlkreisbüro liegt am Rand der Wolfsburger Innenstadt. Neben Uhls Plakat hängt hier auch das des SPD-Landtagsabgeordneten Ingolf Viereck, der bis Anfang des Jahres ebenfalls ein Gehalt von VW bezog. In Uhls Büro sitzt sein Mitarbeiter Dirk Roller. Wo ist denn Herr Uhl? "Der ist mal da und mal da", antwortet Roller abwehrend. Kann man ihn sprechen? "Nein. Zu VW sagt er nichts." Und wieso nicht? "Weil's nichts zu sagen gibt." Wo ist der Herr Uhl denn jetzt genau? "Bei der SPD-Unterbezirkssitzung." Und wo findet die statt? "Das darf ich Ihnen nicht verraten, das ist geheim."

Am Samstagvormittag

muss Uhl aber öffentlich auftreten: In Hannover hält die SPD ihren Landesparteitag ab, wo sein Platz auf der Landesliste festgelegt wird. Auf der Bühne lästert Bundeskanzler Schröder über die "Penner" von der CDU, und der SPD-Abgeordnete und VW-Betriebsrat Hans-Jürgen Uhl sitzt mit roter Krawatte in Reihe drei. "Was soll ich schon mitbekommen haben?", fragt Uhl. "Ich kenne keine Vergnügungsreisen." Ob er denn ausschließen könne, dass VW-Betriebsräte auf Firmenkosten zu Prostituierten gegangen seien? Uhl schweigt lange und sucht nach einer Formulierung: "Ich finde es unglaublich. Ich weiß es nicht. Ich bin aber in einem Alter, wo man alles für möglich hält."

Was der Abgeordnete Uhl dagegen für "ein echtes Problem" hält, sei die derzeitige Berichterstattung über VW, die dazu führen könnte, dass Spenden- gelder für das Straßenkinderprojekt des VW-Betriebsrats zurückgehen. "Und das trifft dann wirklich die Lebenschancen von Straßenkindern in Brasilien und Mexiko."

Markus Grill und Doris Schneyink / print