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Wallraff-Vorwürfe gegen GLS Wir sind schuld - oder nicht?


Niemand muss sich über die Ausbeutung beim Paketversender GLS wundern. Denn wir Kunden fördern mit unserer Geiz-ist-geil-Mentalität solche Praktiken. Das Schlimmste: Wir sind hilflos.
Von Niels Kruse

Es ist schon ein paar Jahre her, als ich die erste befremdliche Erfahrung mit einem Paketdienst machte. Ich lebte in einer Wohnung, in der die Post per Türschlitz direkt im Hausflur landete. An einem Samstagvormittag war ich gerade dabei am Eingang zu saugen, als mir plötzlich eine Benachrichtigung vor die Füße segelte: "Leider haben wir Sie nicht angetroffen", teilte mir die orangefarbene Karte mit. Aha. Der Paketbote hatte offenbar gar nicht erst versucht, mich zu erreichen, sondern gleich den Abholschein ausgefüllt. Wenige Tage später traf ich ihn persönlich, und darauf angesprochen meinte er nur: Klingeln und auf Antwort zu warten, dass würde ihm zu lange dauern. Was für ein absurdes System: Lieber füllen Boten aus einer Art vorauseilendem Zeitdruck heraus zwei Minuten lang eine Karte aus, als in der Hälfte der Zeit das Päckchen persönlich abzugeben.

Wenige Wochen später traf ich auf einer Party einen Studenten, der nebenbei als Zusteller arbeitete. Er erzählte im Wesentlichen das Gleiche, das nun auch Günter Wallraff sowohl für RTL als auch für das "Zeit-Magazin" von GLS und den Subunternehmern berichtet: Minilöhne, 14-Stunden-Tage, Dauerübermüdung. Der Undercover-Journalist nennt das Sklaverei nach Art des Frühkapitalismus. So muss man es wohl sehen. Die Hauptschuld an solchen Ausbeuterbeschäftigungen tragen natürlich Kurierunternehmen wie GLS. Beziehungsweise deren Subunternehmen, die sich um anständige Arbeitbedingungen offenbar einen feuchten Kehricht kümmern. So kann man es sehen.

Händler geben nur unsere Geiz-ist-Geil-Mentalität weiter

Doch in Wirklichkeit sind wir Verbraucher Schuld. Wir fördern solche Praktiken geradezu. Denn, mal ehrlich: Wer erwartet mittlerweile nicht von Onlinehändlern wie Amazon, Zalando oder Neckermann, dass sie unsere Bestellungen kostenlos und direkt ans Sofa liefern? Rückschein inklusive und bitte innerhalb von 24 Stunden? Wer favorisiert nicht eBay-Auktionen, die möglichst niedrige Versandkosten haben? Und wer hat sich nicht schon mal über verlorengegangene Pakete, kaputte Lieferungen oder weit, weit entfernte Abholstationen aufgeregt? Unsere Ansprüche als Verbraucher sind hoch, doch ausgeben wollen wir dafür möglichst nichts. Es sollte niemanden wundern, dass Händler und Shops unsere Geiz-ist-geil-Mentalität an ihre Logistikpartner weitergeben.

Der Paketdienst GLS ist sicher nicht die einzige Paketfirma mit den nun angeprangerten Arbeitsbedingungen. Und die Logistikbranche nicht einmal die einzige, in denen der Preisdruck zu (Selbst-)Ausbeutung und sklavenartigen Arbeitsverhältnissen führt - siehe Einzelhandel, siehe Zeitarbeiter, siehe Gebäudereiniger. Neoliberale mögen das als Ausnahmen und Ausschweifungen in wettbewerbsintensiven Märkten abtun. Nach dem Motto: Schwarze Schafe wird es immer geben. Und natürlich lässt sich einräumen, dass niemand gezwungen wird, solche Jobs anzunehmen.

Wen interessiert schon, wer das die Pakete liefert?

Beides stimmt zwar, doch es bleiben wohlfeile und bequeme Argumente. Sie blenden aus, dass es trotz guter Konjunktur in Deutschland längst nicht jeder einen Job nach Art des Hauses Verdi oder DGB bekommt. Und dass der Bedarf an Zustellern immer noch sehr hoch ist, weil wir Deutschen immer häufiger per Maus einkaufen. Und, dass es trotz großen Wettbewerbs, vermutlich nur in Großstädten möglich ist, sich überhaupt einen Zustelldienst auszusuchen. Geschweige denn, dass es den Großteil der Kunden überhaupt nicht interessiert, wer da eigentlich die Pakete durch das Land karrt, wie eine Umfrage belegt.

Vielleicht mögen die neuesten Recherchen von Günter Wallraff keine wirklichen Überraschungen bieten. Und doch haben sie bereits erste Auswirkungen. Bei sternTV kündigte der Sprecher des GLS-Konkurrenten Hermes an, das System umbauen zu wollen, und etwa künftig auf Stücklohn zugunsten von Stundenlohn verzichten zu wollen. Das klingt löblich, das klingt, als solle man diese Firma unterstützen.

Paketdienst aussuchen? Fehlanzeige

Nur leider ist es nicht so einfach: Seit einiger Zeit suche ich eine politische Weltkarte mit pazifikzentrierter Ausrichtung. Amazon hat Hermes zwar als Logistikpartner, doch ich als Kunde kann nicht entscheiden, ob es Hermes ist, GLS oder DHL, das die Landkarte liefert. Weil Amazon die Landkarte aber ohnehin nicht im Angebot hat, muss ich mich nach einer Alternativen umsehen. Buchhandel.de führt sie zum Beispiel, ebenso wie Interkart. Beide Händler bieten auch eine Lieferung per Post an. Welches Unternehmen die durchführt, bleibt allerdings im Dunkeln.

Was bleibt, ist die Erkenntnis: Wer Aldi nicht mag, geht zu Rewe. Wer nicht bei Schlecker kaufen will, dem bleibt DM. Doch wer seine Pakete nicht über GLS verschickt haben möchte, bleibt die Hoffnung - oder er geht leer aus. Ich jedenfalls wäre künftig gerne bereit, für den "richtigen" Zusteller etwas zu zahlen. Und er darf dann auch gerne beim Saugen stören.


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