Das Schicksal einer Zeitarbeiterin "Ich bin eine moderne Sklavin"


Die Praktiken der Drogeriemarktkette Schlecker zeigen, wie schutzlos Leiharbeiter ihren Arbeitgebern ausgeliefert sein können. Die VW-Monteurin Sevinc Karatoc hat sich dennoch gewehrt.
Von Massimo Bognanni

Sevinc Karatocs erste Liebe war ein tiefer gelegter VW-Golf mit getönten Scheiben, einem verchromten Auspuffrohr und extra breiten Reifen. Ihr Vater hatte ihr das Auto zum 18. Geburtstag geschenkt. Die erste Fahrt ging in ein türkisches Restaurant ihrer Heimatstadt Hannover. Es folgte eine innige Beziehung: Jeden Freitag nach der Arbeit fuhr Sevinc Karatoc in die Waschanlage, polierte ihren schwarzen Schatz. Die beiden waren fünf Jahre zusammen, dann machte er schlapp. Die Lichtanlage.

Sevincs Liebe zu Volkswagen blieb. Genau wie ihr Vater Ahmed wollte sie bei Volkswagen später einmal Autos bauen: Der hatte 30 Jahre lang bei Volkswagen in den heißen Backsteinhallen in Hannover-Stöcken geschmolzenes Metall zu Zylindern gegossen. Doch Sevinc Karatoc gehörte nur für 18 Monate zu VW, dann setzte man sie vor die Tür. Die 29-Jährige sei eine "Randaliererin" sagte der Personalchef von VW Nutzfahrzeuge, Jochen Schumm, behaupten mehrere Leiharbeiter. Sie werde bei VW keine Zukunft mehr haben. Schumm sagt, er habe so etwas nie gesagt.

Karatoc hatte friedlich vor den VW-Werkstoren in Hannover für den Erhalt ihres Arbeitsplatzes protestiert. So wie tausende Opelaner in Antwerpen, wie Werftarbeiter von Thyssen-Krupp in Kiel, wie Mitarbeiter der Handelskette Hertie in ganz Deutschland. Doch Sevinc Karatoc ist Leiharbeiterin. Sie hat keine Gewerkschaft, keinen Betriebsrat, keine Lobby.

Wie Karatoc verloren 300.000 Leiharbeiter in Deutschland seit Beginn der Krise ihre Arbeitsplätze.

Gefangen in der Leiharbeit

Sie sitzt auf einer hellen Ledercouch im Wohnzimmer ihrer Dreizimmerwohnung im Arbeiterviertel Hannover-Vahrenheide und sagt tonlos: "Ich bin eine moderne Sklavin". Der Grund für ihren Weg in die Leiharbeit liegt über ein Jahrzehnt zurück. Karatoc bestand ihren Hauptschulabschluss nur mit ach und krach, für eine Ausbildungsstelle reichte es nicht. Seit der Schulzeit hangelte sie sich von Job zu Job. Sie kassierte bei Woolworth, montierte Bremsen für einen Automobilzulieferer und sortierte bei Bahlsen die Plätzchen am Band. Alle Jobs waren befristet.

Als Sevincs Vater Ahmed 1968 nach Deutschland kam, gab es so etwas noch nicht. Bei VW erhielt er eine Festanstellung, feierte nach 25 Dienstjahren sein Jubiläum und verabschiedete sich fünf Jahre später in die Frührente.

Auch er hatte keine Ausbildung. Doch mit Fleiß und harter körperlicher Arbeit erreichte er einen bescheidenen Wohlstand.

Volkswagen, die große Chance

Für seine Tochter wird es viel schwieriger, sich diesen Wohlstand zu erarbeiten. Erst mit 25, da jobbt sie schon seit fast zehn Jahren, bietet man ihr eine feste Stelle an. Als Verpackerin bei einem Hersteller von Tierarzneien. "Da hatte ich zum ersten Mal das Gefühl von Sicherheit", sagt Karatoc. Mit ihrem Ehemann plante sie nun eine Familie, ein Jahr später kam ihr Sohn Caner zur Welt. Und es schien noch besser zu kommen: Mitten im Erziehungsurlaub, ruft die "Wolfsburg AG" bei ihr an, die VW-eigene Leiharbeitsfirma - ob sie nicht im Werk Hannover-Stöcken in der Lastwagen-Montage arbeiten wolle. "Bei VW haben sie eine Zukunft", versprach man ihr. 1800 Euro brutto sollte sie monatlich verdienen.

Klar wollte Karatoc. Sie kündigte ihren festen Job, brach den Erziehungsurlaub ab, organisierte eine Betreuung für ihren kleinen Sohn und montierte Kühler im Akkord. Doch die Freude, es endlich zu VW geschafft zu haben, verflog schnell: Statt Lob bekam sie die Nacht- und Wochenendschichten, oft arbeitete sie auch an Feiertagen. Ihren Sohn sah sie immer seltener. Hinzu kam die ständige Unsicherheit. "Meine Verträge wurden immer erst auf den letzten Drücker verlängert", sagt Karatoc.

Wer streikt, bleibt draußen

Anfang 2009 erfuhr die junge Frau, dass ihr Vertrag nicht verlängert werden würde. "18 Monate gab es in meinem Leben nur Volkswagen. Ich habe jede Schicht übernommen, nie gefehlt, jeden Tag 100 Prozent für dieses Unternehmen gegeben", sagt Karatoc. Sie sitzt auf ihrem Ledersofa, mit beiden Händen hält sie ein kleines Gläschen türkischem Tee. "Ich will doch einfach nur für VW arbeiten. Dafür gebe ich meine ganze Kraft - eigentlich sollte sich ein Unternehmen über diesen Einsatz doch freuen." Bis zu ihrer Entlassung schickte VW Karatoc und 212 weitere Leiharbeiter in Kurzarbeit mit Fortbildungen. Bei den Fortbildungsmaßnahmen waren die Leiharbeiter unter sich. "Obwohl wir uns völlig fremd waren, haben wir direkt mit einer Sprache gesprochen", erinnert sich Karatoc. In den Leiharbeitern brodelte der Unmut.

Gerüchte heizten die Stimmung an: VW stelle in Wolfsburg neue Leiharbeiter ein, während die WOB-Arbeiter in Hannover vor die Tür gesetzt würden. "Warum nehmen die nicht einfach uns?", fragte Karatoc in den Gesprächsrunden, die sich jetzt auch nach den Fortbildungen trafen. Aus Diskussionsrunden wurden Arbeitsgruppen, aus der Ohnmacht Tatendrang.

Ende März zieht sie gemeinsam mit 50 weiteren Leiharbeitern streikend durch Hannovers Innenstadt. Symbolisch warf sie ihren VW-Mitarbeiterausweis vor die Tür der IG Metall-Geschäftsstelle. Obwohl die meisten Leiharbeiter Mitglieder der Gewerkschaft waren, bekamen sie hier nur warme Worte. Die Verzweiflung wuchs, der Protest wurde drastischer. Als eine Hand voll Leiharbeiter in den Hungerstreik trat, fastete Karatoc tagsüber mit. Drei Wochen besuchte sie jeden Tag das Streiklager, direkt auf dem Werksgelände von Volkswagen Nutzfahrzeuge.

Kurz nach Beginn des Streiks stellte VW 88 der bereits entlassenen Leiharbeiter wieder ein, weitere folgten. Sevinc Karatoc und ihre streikenden Kollegen blieben draußen. Für sie war nun klar, dass jetzt nur noch das Arbeitsgericht helfen konnte.

Arbeitsgericht deckt Lüge auf

Karatoc saß am Verhandlungstag auf einem unbequemen Holzstuhl in der letzten Reihe des Gerichtssaals 3 in Hannover. Gemeinsam mit elf weiteren Leiharbeitern klagte sie gegen die WOB AG - und damit auch gegen den Volkswagen-Konzern, Europas größten Autobauer. Alle Kläger waren an dem Hungerstreik beteiligt. "Das ist ein Kampf David gegen Goliath", sagte Karatocs Anwalt Michael Falke.

Der Prozess sollte klären, warum über 138 der 213 entlassenden Leiharbeiter von VW ein neues Angebot bekommen hatten - unter ihnen jedoch keiner der Hungerstreikenden war. "Das war eine Bestrafung", sagten die Kläger. "Wir haben die Kandidaten nach sozialen Kriterien ausgesucht", hieß es seitens der WOB AG.

Die Wahrheit kam dann zufällig ans Licht. Die Anwältin der WOB AG wollte der Richterin anhand einer Liste zeigen, dass die weiterbeschäftigten Leiharbeiter nach Sozialkriterien wie Familienstand und Betriebszugehörigkeit ausgewählt worden waren. Doch die Liste belegte genau das Gegenteil: Neben den Namen von mindestens vier der Hungerstreikenden stand ein rot unterlegter Vermerk "Nicht anrufen". Unabhängig von den Sozialkriterien sollten die streikenden Arbeiter keine neuen Angebote bekommen.

Eine solche Bestrafung heißt auf Juristendeutsch "Maßregelung" - und ist nach Paragraph 612a des Bürgerlichen Gesetzbuches verboten. Karatoc und neun weitere Kläger gewannen den Prozess. "Die Kammer konnte sich nicht des Eindrucks erwehren, dass bereits Vorab eine Vorauswahl getroffen worden war", hieß es in der Urteilsbegründung.

Gegenüber dem stern wollte weder die WOB AG, noch Volkswagen das Urteil kommentieren. Gegen die Urteile legte die WOB AG keine Berufung ein.

Mit dem Sieg vor Gericht hat sich Karatoc ihre Würde zurück erkämpft. Doch einen Festvertrag bei VW bekam sie durch den Sieg nicht. Wie die anderen 138 Leiharbeiter, deren Vertrag verlängert worden war, bekommt Sevinc Karatoc durch das Urteil ebenfalls nur einen befristeten Vertrag zugesprochen. Karatocs Kampf gegen ihr Leben in der Leiharbeit endet, wo er begonnen hat. In der Leiharbeit.


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