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Kampagne: Gewerkschaft droht Lidl mit Boykott

Lidl ist billig - auf Kosten seiner Mitarbeiter. So lautet der Hauptvorwurf der Gewerkschaft Verdi. Im vergangenen Jahr wurde ein Feldzug gegen den geheimnisvollen Konzern gestartet, nun kokettieren die Gewerkschafter gar mit einem Boykottaufruf.

Von Florian Güßgen

Im Feldzug gegen den Lebensmittel-Discounter "Lidl" verschärft die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi die Gangart. In Berlin hat eine Verdi-Vertreterin am Dienstag einen Boykottaufruf in Aussicht gestellt: "Wir denken, dass es in der Kampagne gegen Lidl eine Zeitpunkt geben kann, an dem wir sehr konkret über einen Boykottaufruf nachdenken müssen," sagte Agnes Schreieder, die die Lidl-Kampagne für Verdi koordiniert. Allerdings, schränkte Schreieder ein, sei ein konkreter Boykottaufruf derzeit noch nicht in Planung.

Kampagne gegen angebliche Ausbeutung

Im Kern will Verdi Lidl mit seiner etwas verklausulierten Drohung dazu zwingen, in seinen deutschlandweit rund 2600 Filialen Betriebsräte zuzulassen. Deshalb versucht die Gewerkschaft seit etwa einem halben Jahr, mit einer groß angelegten Kampagne öffentlichen Druck auf das Unternehmen zu erzeugen. Mit den jüngsten Äußerungen machen die Vertreter klar, dass sie bereit sind, in dem Konflikt mit dem Konzern, der seinen Sitz im schwäbischen Neckarsulm hat, bis zum Äußersten zu gehen. In der Berliner Verdi-Zentrale ist man zwar bemüht zu versichern, dass man die Lidl-Kunden noch nicht zum Boykott aufrufe - aber schon alleine dadurch, dass die Gewerkschafter so einen Schritt in Aussicht stellen, erhöhen sie den Druck auf den Konzern. Verdi hat sich auf Lidl eingeschossen. Die Gewerkschafter sind der Auffassung, dass Firmengruppe des Unternehmers Dieter Schwarz, zu der auch die Kaufhäuser Kaufland, Kaufmarkt und Handelshof gehören, wie kaum ein anderer Konzern eine knallharte neoliberale Unternehmenspolitik verfolgt. Hier würden Gewinne auf Kosten der Belegschaft gemacht, hieß es bei Verdi. "Lidl ist bei Unternehmen, die durch Sozialdumping und einen Hardliner-Kurs auffallen, die Nummer eins", sagte Verdi-Vertreterin Schreieder. Weil die Gewerkschaft verhindern wolle, dass diese Praxis in der gesamte Branche Schule mache, gehe man so massiv gegen Lidl vor. Zwar gebe es auch bei anderen Discountern harte Arbeitsbedingungen - allen voran bei Schlecker, aber auch bei Marktführer Aldi oder bei Penny. Jedoch hätten Arbeitsnehmer etwa bei Penny die Möglichkeit, über Vertreter ihre Interessen zu verteidigen.

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Schwarzbuch erregt Aufsehen

Seit dem vergangenen Dezember erregt die Verdi-Kampagne gegen Lidl Aufsehen. Damals veröffentlichte die Gewerkschaft ein so genanntes "Schwarzbuch" - eine Art Kompendium der angeblichen Lidl-Vergehen an der Belegschaft. "Schwarzbücher" werden gemeinhin jene Werke genannt, die eine Auflistung von Verbrechen oder Missständen enthalten. So gibt es zum Beispiel ein "Schwarzbuch des Kommunismus". Der Titel der hundertseitigen Verdi-Publikation zu Lidl spielte darüber hinaus noch auf den Namen des Lidl-Chefs Dieter Schwarz an. Europaweit hat die dessen Firmengruppe nach Schätzungen etwa 151.000 Beschäftigte in rund 6000 Lidl- und Kaufland-Filialen, für Lidl-Deutschland arbeiten nach Verdi-Angaben etwa 33.000 Menschen. In dem "Schwarzbuch" berichten Lidl-Mitarbeiter anonym von Missständen in den Filialen, von hohen Anforderungen, dauernder Überwachung, Repressionen. Die Angestellten beklagen aber vor allem, dass es unmöglich sei, eine effektive Arbeitnehmervertretung aufzubauen - bisher gibt es Betriebsräte nur in acht Filialen.

Vor allem Frauen betroffen

Von den harten Arbeitsbedingungen betroffen sind dabei vor allem Frauen. Nach Schätzungen von Verdi sind rund 85 Prozent der Angestellten Frauen, die als Verkäuferinnen arbeiten. Männer machen demnach etwa 15 Prozent aus, sie arbeiten jedoch vor allem in der Konzernleitung. Offizielle Zahlen verrät Lidl nicht. Neben mehr Rechten für die Arbeitnehmer fordert Verdi, die Lidl-Kette müsse Auskunft über ihre wirtschaftliche Situation und ihre Unternehmensstruktur geben, etwa über Umsatz, Gewinn und Rendite.

Schwäbische Geheimniskrämerei

Im Dezember 2004 reagierte Lidl noch nach bekannter Manier auf das "Schwarzbuch" - das Unternehmen ist bekannt für seine Geheimniskrämerei. In einer schriftlichen Erklärung wurden zu einigen Vorwürfen Stellung bezogen. Hauptsächlich hieß es jedoch, Verdi führe eine "Diffamierungskampagne" gegen das Unternehmen. Auf das Angebot der Gewerkschaft, über die flächendeckende Einführung von Betriebsräten zu verhandeln, reagierte die Konzernleitung bis heute nicht. Bezeichnend für den Umgang der Schwarz-Gruppe mit den Medien ist vielleicht, dass es von Lidl-Chef Schwarz, der in diversen Listen zu den reichsten Männer der Welt gezählt wird, nur ein einziges, Jahrzehnte altes Schwarz-Weiß-Foto gibt.

Leichter Kurswechsel

Dennoch scheint auch Lidl mittlerweile die Notwendigkeit von Öffentlichkeitsarbeit erkannt zu haben. Manager Klaus Gehrig äußerte sich Anfang dieses Jahres erstmals zu den Umsatzzielen des Konzerns, und auch sonste übte Lidl sich in Sachen Imagepflege. Eine Sonderaktion zur Einstellung von Auszubildenden (Aktion "Super-Azubi") wurde gestartet, die Kundem mit einer Charmeoffensive ("100 Prozent freundlich") umgarnt. Selbst Verdi-Vertreterin Schreieder registrierte einen Stimmungsumschwung: "Die Geschäftsleitung hat den Hardliner-Kurs ein Stück weit aufgegeben," sagte sie. "Sie ist vorsichtiger geworden." Allerdings wirke die Imagepflege eher nach außen, kaum nach innen zugunsten der Mitarbeiter.

Gewerkschaft hält Druck aufrecht

Verdi hofft auf weitere Zugeständnisse. Mit der vierteljährlich erscheinenden vierseitigen Zeitung "Schwarz-Markt" will die Gewerkschaft den Druck auf den Konzern weiter aufrecht erhalten. Am Dienstag wurde in Berlin die erste Ausgabe der Publikation vorgestellt, die mit einer Auflage von etwa 240.000 verteilt werden soll. Die Verdi-Autoren berichten darin von den Verbesserungen, die die acht bestehenden Betriebsräte erzielen konnten, führen ein Interview mit der Chefin eines neuen Lidl-Betriebsrates in Bremerhaven - und setzen sich mit der Möglichkeit von Boykottaufrufen auseinander. Sollte sich Lidl weiter gegen Verhandlungen sperren, dann wären örtliche und regionale Boykottaufrufe eine wirksame Möglichkeit, heißt es.

Lidl schweigt zu Drohungen

Lidl selbst schweigt zu den jüngsten Drohungen aus Berlin. Nach Auskunft einer Mitarbeiterin der Münchner PR-Agentur Engel und Zimmermann, die Lidl 2004 angeheuert hat, wolle der Konzern sich zu dem möglichen Boykottaufruf nicht äußern. Die Mitarbeiterin verwies auf ältere Erklärungen - aus dem vergangenen Dezember. Lidls Macht, sich gegen die Verdi-Kampagne zu wehren, sollte man dabei nicht unterschätzen. Der Konzern ist erfolgreich. Zwar liegt das Unternehmen beim Umsatz noch hinter Aldi zurück, aber es wächst schneller als die Konkurrenten, ist auf Expansionskurs. Nicht nur gegenüber seinen Angestellten, sondern auch gegenüber den Medien, halten die Schwaben zudem einige Trümpfe in der Hand. So schaltet Lidl in der Regel montags und donnerstags großformatige Anzeigen in Zeitungen, freitags annonciert Kaufland. Gegenüber den von der jahrelangen Anzeigenflaute gebeutelten Zeitungen ist das in jedem Fall ein starkes Argument für Lidl - unabhängig davon, wie der Konzern seine Angestellten behandelt.